Siho-Ranch in Prühl: Diese Paar päppelt gequälte Tiere auf | FLZ.de

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Veröffentlicht am 30.08.2023 13:05

Siho-Ranch in Prühl: Diese Paar päppelt gequälte Tiere auf

Simone Dietrich und Horst Büchs sind die Seelen der Siho-Ranch in Prühl: Sie päppeln Findeltiere und gequälte Kreaturen wieder auf. (Foto: Claudias Fotomomente)
Simone Dietrich und Horst Büchs sind die Seelen der Siho-Ranch in Prühl: Sie päppeln Findeltiere und gequälte Kreaturen wieder auf. (Foto: Claudias Fotomomente)
Simone Dietrich und Horst Büchs sind die Seelen der Siho-Ranch in Prühl: Sie päppeln Findeltiere und gequälte Kreaturen wieder auf. (Foto: Claudias Fotomomente)

Was sich Simone Dietrich und Horst Büchs im Oberscheinfelder Ortsteil Prühl aufgebaut haben, das begeistert sogar Umweltminister Thorsten Glauber: Sie retten Tiere und päppeln sie wieder auf. Dafür erhielten sie jüngst den Grünen Engel für vorbildliche Leistungen im Umweltbereich. Ein Besuch im fränkischen Bullerbü.

Wer am großen Stahltor vorfährt, der wird von den Hunden bereits angekündigt. Eine Klingel braucht Dietrich nicht. Eine kleine Luke öffnet sich – mit einem breiten Grinsen empfängt die Tierretterin den Besuch – und auch das hündische Empfangskomitee kommt aufgeregt gelaufen. Der Hof ist geräumig, mittendrin im Tierparadies stehen Tisch und Stühle. Pressebesuch – für Simone Dietrich (55) und Horst Büchs (60) ist das auf der Siho-Ranch in diesen Tagen nichts Ungewöhnliches mehr, auch wenn sie gewissermaßen im Tal der Ahnungslosen leben. Mobiles Internet? Nein. Empfang? Mindestens schwierig.

Simone Dietrich ist passionierte Tierfreundin. „Das war als Kind schon so: Ich habe meiner Mutter alles Mögliche herangeschleppt.“ Mäuse, Ratten, Kaulquappen, die Nachbarskatze. „Ich hatte auf jedem Foto Gummistiefel und Strümpfe an und war matschübersät“, erinnert sich die 55-Jährige lachend. Eine kleine Pippi Langstrumpf.

Liebe auf den ersten Blick

„Ich wollte reiten lernen. Meine Mutter hat es mir ermöglicht“, erzählt Dietrich. Auf dem Reiterhof half sie – misten, striegeln, reiten. Ihre Passion. Bis die Ausbildung kam. Die heutige Wahl-Prühlerin war in der Modebranche aktiv, pilgerte von Stadt zu Stadt. Zeit und Muße für Haustiere war da nicht. „Aber ich war ziemlich unglücklich, ich hatte keinen Anschluss und bin jeden Freitag heim zu meiner Familie gefahren.“

Sie brauchte Gesellschaft, einen Hund und ein „Häusle mit Garten“, wie die gebürtige Hohenloherin sagt. Dann kam da dieser Hof – im Prichsenstädter Ortsteil Brünnau (Landkreis Kitzingen). „Ich hatte mich Kopf über Fuß verliebt.“ Und plötzlich hatte Simone Dietrich Platz, viel Platz, seeeeehr viel Platz. So brachten Freunde Kaninchen vorbei, gerettete Hühner vom Geflügelhof – Dietrich taufte sie Ramazotti und Martini, ihre beiden weiteren Lieben.

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„Fünf Jahre später kam er dann“, sagt Simone Dietrich zu ihrem Horst Büchs. Sie ergänzten sich perfekt. Die Tierfreundin hatte Mitleid mit zwei nicht artgerecht gehaltenen Eseln auf einem Bauernhof. „Horst hat mir Geld zum Geburtstag geschenkt, damit ich sie freikaufen kann.“ Mr. Tom und Bounty folgten auf den Hof, benannt nach zwei Schokoriegeln, sagt Dietrich grinsend. Pferde kamen hinzu, Minischweine, die auf der Couch grunzend mit fernsahen, und im Haus gackernde Hühner. „Der Hof ist plötzlich explodiert.“

Allerdings war das Areal nur zur Miete, und der Vermieter kümmerte sich um nichts, sagt Dietrich. Auch die Heizung war kaputt und so musste sich das Duo eines kalten Abends eingestehen: „So geht’s ned weiter.“ Horst Büchs machte den Prühler Hof ausfindig. „Das ist doch eigentlich genau das, was wir brauchen“, sagte er seiner Simone. Die war hin und weg.

Völkerwanderung am Umzugstag X

„Dann kam Tag X.“ Beim Umzug nach Prühl packte Horst Büchs die Schweine und Hühner auf die Autositze und fuhr schon einmal vor in den Steigerwald. Dietrich wollte den anderen Tieren den Anhänger-Transport-Stress ersparen – und beschloss eine Wanderung. Ein Brünnauer Bürger ist passionierter Mountainbiker und hatte einen Weg durch den Wald ausfindig gemacht. Und so setzte sich am Morgen von Tag X gegen 8.30 Uhr ein Tross mit 15 Tieren und 40 Brünnauern in Bewegung.

An Privathäusern, deren Bewohner Wasser und Futter gaben, machte der ungewöhnliche Wandertrupp immer wieder Halt. Ansonsten lief es gut – nur die Überquerung der A3 war eine echte Herausforderung. Schließlich durfte keines der Tiere in Panik geraten, das hätte sonst schlimme Folgen haben können. Aber die waren völlig entspannt. Am Abend erreichte der Tross Prühl. Glücklich. Das war im Jahr 2013.

Seitdem ist es bei den Tieren „ein Kommen und Gehen, das hört ja nie auf“. Ein Findelkind wird in gute Hände vermittelt, dafür steht am Abend wieder eine Familie vor dem Tor, die ein verletztes Kätzlein gefunden hat. Und so bauen Dietrich und Büchs derzeit ein separates Katzenaufzucht-Zimmer aus. Heuer waren es bislang „locker“ 20 Kätzlein, „die wir aufgezogen haben“.

Weitere Projekte könnten folgen, aber Simone Dietrich grätscht gleich dazwischen und sagt: „Wir haben immer neue Pläne, aber nie Geld. Träume haben wir genügend.“ Die 55-Jährige arbeitet als Assistentin der Geschäftsleitung eines Modeunternehmens in Kitzingen. Früh um 5.30 Uhr stehen sie und Büchs auf, um die Tiere zu versorgen, nach der Arbeit geht es – natürlich – in den Stall.

Auf der Siho-Ranch gilt: „Wenn ein Tier eine Chance hat, dann darf es leben.“ Auch wenn es ein Wildtier sein sollte. Waschbären, Nilgänse und andere invasive Arten dürfen allerdings nicht wieder ausgewildert werden, so will es die Untere Naturschutzbehörde. Horst Büchs zuckt mit den Schultern. Verstehen kann er das nicht. Und die Nilgänse, sagt er lachend, wildern sich ja ohnehin ganz ohne Hilfe aus. Büchs fragt sich: „Wo fängst du an, wo hörst du auf?“ So manchem Waschbären haben sie schon die Flucht nach Baden-Württemberg ermöglicht – dort darf er nach dem Aufpäppeln wieder ausgewildert werden, in Bayern nicht.

Nicht immer eine heile Welt

Ja, das Tierretter-Dasein ist nicht immer heile Welt, im Gegenteil. „Es sterben dir Babykatzen unter der Hand weg, weil sich niemand zuständig fühlt – und es gibt Tage, da möchte man alles an die Wand klatschen.“ Außerdem erlebt das Duo auch immer wieder menschliche Schicksale, die sprachlos machen – wenn sie Tiere abholen, weil der Halter gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, sich zu kümmern. „Manchmal verzweifelt man an den Geschichten, die man mitbekommt“, bei anderen fragt man sich, ob sie kein Herz haben – beispielsweise wenn sie ein völlig abgemagertes Pferd bekommen.

Auf der anderen Seite aber gibt es die rund zehn ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die die beiden unterstützen, wo sie nur können. „Am Samstag ist immer Großkampftag bei uns“, sagt Horst Büchs. Ställe misten, Rasen mähen, Hausarbeit. Gemeinsam macht das mehr Spaß.

Büchs ist Krebsgeheilter und Schmerzpatient. Ohne die Tiere, sagt er, würde er heute nicht mehr leben. Sie haben ihm Auftrieb gegeben, den Drang, nicht auf der Couch dahinzuvegetieren. In den Urlaub fährt das Duo dafür nie. Der einzige feste Termin für die Wir-Zeit im Jahr ist der Valentinstag: „Da gönnen wir uns ein Vier-Gänge-Menü – das ist dann unser Urlaub.“

Rund 100 Tiere wohnen mittlerweile auf der Siho-Ranch – die „Außenstelle“ in Markt Bibart mitgezählt. Dort haben Dietrich und Büchs die Gelegenheit, Tiere unterzustellen. Um die hohen Kosten stemmen zu können, steht hinter der Siho-Ranch mittlerweile ein Verein, vom Finanzamt anerkannt. Alle Infos hierzu finden sich im Internet unter www.tierheimat-siho-ranch.com. Die beiden pflegen die kranken und schwachen Tiere, „die uns begegnen“, sagt Büchs. „Wir tragen unser kleines Tröpfchen bei, auf den heißen Stein.“

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