Sigrid Heimburger ist die älteste Bürgerin Neustadts. Sie feiert am Donnerstag bei guter Gesundheit ihren 104. Geburtstag im Johann-Gramann-Haus. Die Jubilarin wurde am 5. März 1922 in Aumund bei Bremen geboren.
Kein Wunder, dass Heimburger nach wie vor akzentfreies Hochdeutsch spricht – mit dem Fränkischen hat sie seit jeher gefremdelt. Die Hanseatin blickt nicht nur auf ein langes, sondern auch auf ein bewegtes Leben zurück.
Zahlreiche historische Umbrüche hat sie miterlebt und zahlreiche Herausforderungen mit großer Willenskraft gemeistert. Noch bis ins hohe Alter sei sie mit „Fräulein Heimburger” angesprochen worden, da sie nie geheiratet hat, erzählt sie lächelnd. Eine Hochzeit habe sich bei ihr „einfach nie ergeben”, erzählt sie, und dass sie sich eben nicht mit dem Erstbesten zufrieden geben wollte. Sie habe immer selbst „ihren Mann gestellt” und sei damit auch recht gut gefahren. Anders ausgedrückt: Sigrid Heimburger hat sich von Erwartungen schon emanzipiert, bevor das Wort Emanzipation zum Allgemeingut wurde.
Gearbeitet hat sie über viele Jahre in der Siemens-Lohnbuchhaltung in Erlangen. Die Gehälter zahlte sie damals noch persönlich aus. „Die Arbeiter haben von mir das Geld direkt in die Hand bekommen”. 40 Jahre arbeitete und lebte sie in der Hugenottenstadt in einer eigenen Wohnung. An den Wochenenden besuchte sie ihre Eltern in Neustadt und von diesen übernahm sie schließlich auch das Haus, in dem sie bis vor ein paar Jahren noch alleine wohnte. Die Gartenarbeit habe ihr viel Spaß gemacht, erzählt sie und die Früchte hat sie in der Küche selbst verarbeitet. Auch Auto ist sie bis vor einigen Jahren noch gefahren.
Bis heute beeindruckt die über 100-Jährige ihre Mitmenschen durch ihre positive Lebenseinstellung. „Schlechte Laune ist für mich selbst, aber auch für die Leute um mich herum nicht gut”, sagt sie voller Überzeugung. Diese Einstellung prägte schon ihre Kindheit, in der sie als Einzelkind einst mit den Eltern nach Ostpreußen gezogen war, wo Mutter und Vater einen Gutshof bewirtschafteten.
„Ich habe meine Kindheit auf den Rücken der Pferde verbracht”, erinnert sich die leidenschaftliche Reiterin. Auch Gedichte habe sie damals „in Hülle und Fülle” geschrieben, was sich später auszahlte: Oft kamen bei Jubiläen in der Firma Kolleginnen oder Kollegen auf sie zu, und baten sie, ein paar nette Zeilen vorzutragen.
Auf die Frage nach dem Geheimnis ihres hohen Alters nennt Sigrid Heimburger spontan: „Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit”. Aber auch schöne Sachen zu unternehmen, sei im Leben wichtig – bei ihr seien das die vielen Reisen gewesen. Flugzeuge allerdings hat sie dabei stets vermieden. Ab und an habe sie auch Vorträge über ihre Heimat Ostpreußen (heutiges Polen) gehalten, wo sie rund 20 Jahre lebte. Diese Zeit habe sie schon sehr geprägt, bestätigt auch ihr Neffe zweiten Grades, Hans-Gerhard Erny. Er kümmert sich liebevoll um die Großtante, denn „es ist ja sonst niemand mehr da”. Auch heute noch erzähle sie viel aus dieser Zeit, als sie zu Fuß und ein Stück mit dem Zug täglich nach Königsberg in die Schule musste.
Aus Essen hat sie sich ein Leben lang nicht viel gemacht, immerhin Nudeln habe sie als Kind recht gern verspeist. 1945 hatte sie mit den Eltern bei Schneetreiben aus Ostpreußen fliehen müssen, nur mit dem nötigsten Hab und Gut kamen sie nach Neustadt. Dort lebten bereits einige Verwandte der Familie, der langjährige Bürgermeister Horst Erny war ihr Cousin.
Fragt man sie nach den wichtigsten Gedanken an diesem bemerkenswerten Geburtstag, dann rechnet sie zunächst etwas vor: Sie habe nun ebenso lange gearbeitet, wie sie in Rente ist, sagt sie und lacht. Das wird sie wohl auch dem Landrat, dem Bürgermeister und dem Pfarrer erzählen, wenn die zum Gratulieren kommen.