Gut – es ist jetzt nicht gerade so, als ob Tom Herrmann wild darauf wäre, mit der Presse zu reden. Am Anfang sucht er eifrig nach seinem Chef Horst Hupp als weiterem Gesprächspartner. Aber er ist auch nicht gehemmt oder schwer von Begriff. Ein ganz normaler junger Mann, der lieber anpackt als große Reden zu schwingen.
Seine Einschränkung sieht und merkt man dem 26-Jährigen nicht an. Er hat eine Lernschwäche, weshalb er auf die Franziskusschule in Bad Windsheim gegangen ist und keine Ausbildung absolvierte. Doch er kam direkt nach der Schule als Praktikant zu dem Betrieb, in dem er heute noch tätig ist. Beim Dienstleiter im Bereich der Landwirtschaft und des Gartenbaus, den Horst Hupp in Seenheim (Gemeinde Ergersheim) führt, fühlt er sich offenkundig wohl und wird im Gegenzug vom Chef geschätzt.
„Den Schlepper mit Hänger rückwärts in die Scheune rangieren, kann Tom besser als ich“, lobt der Fachwirt für Naturschutz und Landschaftspflege und hebt generell den Umgang mit dem technischen Gerät seines Angestellten hervor. „Da führt er auch Reparaturen durch.“
Tom Herrmann selbst erinnert sich noch gut an den Tag, als er den Betrieb von Hupp das erste Mal betrat. „Da lief gerade die Saftpresse.“ Was ihm an seiner Tätigkeit so gut gefällt? Da muss er nicht lange überlegen. „Das Draußensein, das ist mir wichtig.“ Wenn es so heiß ist, wie in den vergangenen Wochen, dann beginnt die Belegschaft – außer Herrmann gibt es einen weiteren Angestellten – schon um halb sechs, damit man am frühen Nachmittag Feierabend machen kann.
Im Gespräch tritt Herrmanns Lernschwäche nicht zutage, bei der Arbeit muss man ein paar Dinge beachten. „Ich musste mir angewöhnen, statt ’rechts’ und ’links’ ’auf der Fahrer-’ oder ’auf der Beifahrerseite’ zu sagen“, nennt Hupp ein Beispiel.
Auch der Kundenkontakt klappe mittlerweile gut, erwähnt er. Tatsächlich gab es unangenehme Erlebnisse mit Vorbehalten von Auftraggebern – witziger- oder eigentlich traurigerweise nicht nur wegen Herrmanns Lernschwäche, sondern wegen seiner dunklen Haare und der durch die viele Arbeit im Freien tief gebräunten Haut. „Die Leute wollen immer wissen, woher er kommt. Ein Syrer? Ich sage dann immer: ’Das ist ein Krautostheimer Syrer.’“ Denn in dem Sugenheimer Ortsteil Krautostheim lebt der Franke, seit er drei ist. „Es gab schon Kunden, die sich danach ehrlich entschuldigt haben.“ Herrmann nickt, und es scheint nicht, als ob ihn das alles groß anficht.
Hupp fuhr mit seinem Mitarbeiter schon nach Würzburg, um auszuloten, ob Herrmann nicht doch eine Ausbildung machen kann. In der Don-Bosco-Schule erhalten junge Menschen mit besonderem Förderbedarf Unterstützung dabei. Aber dafür hätte der Krautostheimer im Internat leben müssen, das wollte er nicht.
Stattdessen erhielt er nun einen TalentPass: Das Zertifikat gibt gesundheitlich eingeschränkten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen die Chance, die eigenen beruflichen Kompetenzen durch eine unabhängige Stelle bescheinigen zu lassen. Den TalentPass erstellt der Integrationsfachdienst, durch den Horst Hupp und Tom Herrmann auch zusammenkamen.
Auf dem Wochenmarkt in Neustadt, auf dem Hupp im Sommer immer einen Stand hat, sprach ihn die Integrationsberaterin Benita Esch an und vermittelte Herrmann als Praktikanten. Mit ihrer Kollegin Fenja Stäbler erstellte sie nun nach Gesprächen und der Begleitung im Arbeitsalltag den TalentPass – „eine Art vereinfachte Ausbildung“, wie Hupp sagt. Neben den praktischen Fähigkeiten werden in Herrmanns Fall seine körperliche Belastbarkeit, sein hohes Verantwortungsbewusstsein, seine Zuverlässigkeit, sein Sicherheitsbewusstsein und seine große Hilfsbereitschaft betont.
Bei einem Praktiker wie ihm könnte man annehmen, dass die Schulzeit eine Tortur für ihn war und er erst durch die Arbeit Selbstvertrauen und Zufriedenheit erlangt hätte, aber so scheint es nicht gewesen zu sein. „Im Dorf war ich immer bei allem dabei.“ Er ist in Krautostheim bei der Feuerwehr und hat ein Leistungsabzeichen abgelegt, er ist bei der Landjugend, den Ortsburschen und im Gartenbauverein. Er mäht den Friedhof, gärtnert auf einem kleinen Stück Land an der Ehe und hat inzwischen den Führerschein. Kürzlich machte er einen Imkerkurs und betreut drei Bienenvölker.
Im Sommer radelte er bei der BR-Radltour mit. Ohne besonderes Training. Durch die körperliche Arbeit sind sowohl Herrmann als auch Hupp topfit, so dass die knapp 100 Kilometer am Tag den großen, kräftigen Mann nicht vor nennenswerte Probleme stellten.
Erwähnenswert ist die Teilnahme trotzdem, denn damit schließt sich ein Kreis in der Familiengeschichte: Sein Vater, Matthias Herrmann, machte vor sechs Jahren mit einer originellen Aktion von sich reden: Aus Protest dagegen, dass er bei der bayernweiten Radtour nie als Teilnehmer ausgelost wurde, radelte er die gleiche Strecke zur gleichen Zeit, aber vom Zielort zum Start. Nun durfte sein Sohn also teilnehmen und schlug die richtige Richtung ein – eine Aussage, die im übertragenen Sinne auch für sein Berufsleben gilt.