Werden die beiden Uralt-Anker gesetzt, sprühen die dicken, rostigen Metallketten Funken. Ebenfalls von Anfang an steht das Notsteuerrad auf dem Achterdeck. Es ist direkt mit dem Ruderblatt verbunden und könnte auch heute im Notfall noch eingesetzt werden.
Kurzum: Die „Nordstjernen“, sie ist ein Oldie. Sie sei das älteste international fahrende Kreuzfahrtschiff der Welt, sagt Reiseleiterin Ruth Moritz, die für den Cruise von Warnemünde über Danzig und die baltischen Staaten nach Stockholm an Bord des ehemaligen Hurtigruten-Schiffes gegangen ist. Die Sache mit der Historie ist zwar komplizierter, aber das Alter des Schiffes, die Atmosphäre an Bord, sie scheinen die Passagiere zu Wiederholungstätern zu machen.
Linda aus Norwegen reist innerhalb von zwei Monaten schon das zweite Mal auf der „Nordstjernen“ mit, deren Trips die Reederei als „Heritage Voyages“ anpreist. „Kleinere, alte Schiffen haben Charakter, fast so etwas wie eine Seele“, sagt sie. Auch Richard aus Großbritannien ist zum zweiten Mal an Bord. Er lobt die Crew: „Der Kontakt ist viel persönlicher als auf großen Kreuzfahrtschiffen.“
Gebaut wurde „Nordstjernen“ 1956 in Hamburg bei Blohm & Voss für Hurtigruten, damals „nur“ das norwegische Postschifffahrtsunternehmen. Da 11 von 14 Hurtigruten-Schiffen den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt hatten, war der Bedarf an Postschiffen in Norwegen groß, die Werftkapazitäten aber waren gering. So ging der Auftrag nach Hamburg.
Gut 70 Jahre später ist die „Nordstjernen“ als Kreuzfahrtschiff unterwegs - obwohl sie sich nicht als solches anfühle, sagt Reiseleiterin Moritz: „Eigentlich ist die „Nordstjernen” ein Traditionsschiff, aber diese Klassifizierung gibt es nicht für Schiffe, die international unterwegs sind.“
So könnte man sagen: Die „Nordstjernen“ ist das älteste motorisierte Schiff, das Kreuzfahrten anbietet. Die „Hebridean Princess“, die ebenfalls zu den ältesten Kreuzfahrtschiffen zählt, wurde 1964 in Dienst gestellt, damals noch als Fähre, später folgten Umbauten. Und die „Astoria“, 1946 als das Passagierschiff „Stockholm“ gebaut, ist nicht mehr unterwegs.
Zu den modernen Kreuzfahrtriesen, die tausende Passagiere fassen, bildet die „Nordstjernen“ ohnehin einen krassen Gegensatz: Bis zu 150 Passagiere nimmt sie mit. Und die spüren fast jede Wasserbewegung, was für Linda Anteil an der historischen Atmosphäre hat: Stabilisatoren gehörten in der Nachkriegszeit nicht zur üblichen Schiffsausrüstung. Ein nachträglicher Einbau kommt nicht infrage, da das Schiff seit 2012 unter Denkmalschutz steht.
Während man sich auf den Riesenpötten schon auf einem Deck verirren kann, sind die Wege an Bord der „Nordstjernen“ schnell klar: Vorbei am brummenden und Wärme abstrahlenden Maschinenraum zum Treppenhaus der ehemaligen 2. Klasse, wo das Geräusch der Schiffsschraube gut zu hören ist - allein das undenkbar auf einem den modernen Riesen -, geht es weiter hinauf in die Bar oder auf das Teakholz-beplankte Achterdeck mit seinen bequemen hölzernen Lehnstühlen. Und dann auch schon wieder zurück.
Direkt unter der Brücke gelegen bietet der Salon mit seinen vielen Fenstern auch an kühlen Tagen einen guten Blick aufs Meer. Von dem lenkt kein Unterhaltungsprogramm ab. Der Internetzugang über das Bord-WLAN funktioniert eigentlich nur in den Häfen. Eine echte Chance für Digital Detox.
Reiseleiterin Ruth rät deshalb zu einem guten Buch, Strickzeug oder Gesellschaftsspielen. Wer möchte, kommt mit anderen Passagieren leicht ins Gespräch. Die Atmosphäre ist familiär.
Dass man auf ein Animations- und Anreizfeuerwerk, die ganze schwimmende Unterhaltungsindustrie, wie auf den Kreuzfahrtriesen der Standard, verzichten darf, hat natürlich auch damit zu tun, dass die „Nordstjernen“ als Postschiff konzipiert war. Hinzu kommt: Der Denkmalschutz verbietet auch Umbauten, und die Kreuzfahrt-Umwidmung ist recht neu. Erst 2025 stach das Schiff zu einer „Heritage Voyage“ erstmals in See.
Früher war die „Nordstjernen“ über Jahrzehnte, länger als jedes andere in der Hurtigruten-Flotte, als Postschiff unterwegs. „Eine Passagierin erinnerte sich, dass sie es als Kind gruselig fand, wenn die Autos am Kran hängend an Bord schwebten“, sagt Ruth. Da die „Nordstjernen“ 1982 eine neue, leistungsstarke Maschine bekommen hatte, sprang sie immer wieder ein, wenn andere Schiffe in die Werft mussten.
Nach ihrem letzten Einsatz als Postschiff im Jahr 2012 übernahm die Reederei Vestland Classic das Schiff, und Hurtigruten charterte es viele Sommer für kurze touristische Fahrten rund um Spitzbergen und zu dessen Versorgung - bis einschließlich 2024, dem Jahr in dem geschlossene Rettungsboote in der Arktis vorgeschrieben wurden.
Für die „Nordstjernen“ mit ihren offenen Rettungsbooten, die ebenfalls unter Denkmalschutz stehen, war damit Schluss. Unter Schutz steht die „Nordstjernen“ unter anderem, weil sie als letztes der Hurtigruten-Schiffe nach dem Vorbild von Dampfschiffen gebaut worden war. Wichtigstes Erkennungsmerkmal dieser Gattung: der Schornstein in der Mitte.
Auch auf der Brücke sind die funktionsfähigen Steuer- und Messinstrumente aus dem Jahr 1956 erhalten. Zu erkennen sind sie an der blauen Farbe. Genutzt werden zusätzlich moderne elektronische Seekarten, Radar und Echolot. Bugstrahlruder können aufgrund des Denkmalschutzes wiederum nicht nachgerüstet werden.
So wird die „Nordstjernen“ gestern wie heute angetrieben und manövriert mittels einer Schraube mit vier verstellbaren Blättern. Eine Herausforderung für den Kapitän? „Nein, so war es früher auf allen Schiffen“, sagt Kapitän Odd Nordahl-Hansen aus Norwegen. Der 67-Jährige fügt lächelnd hinzu: „Altes Schiff, alter Kapitän.“
Musealen Charakter hat das Schiff für sich selbst genommen schon. Es ist aber auch eine schwimmende Galerie. Maritime Holzschnitte, Emaille-Arbeiten und Glaskunst zieren Speisesäle, Treppenhaus und den Salon. Ihr Schöpfer ist Paul René Gauguin, ein Enkel des berühmten Malers Paul Gauguin.
Da sich nach dem Aus für Spitzbergen kein anderer Charterer fand, entschied die Reederei, Kreuzfahrten anzubieten. „Obwohl wir keine touristische Erfahrung hatten“, sagt Ruth. Aber schließlich brauchte das besondere Schiff eine neue Aufgabe.
Auf den Seereisen ankert die „Nordstjernen“ auf diesem Cruise immer wieder vor kleinen Inseln, etwa dem dänischen Christiansø. Auch fährt es kleine Häfen an, in denen große Kreuzfahrtschiffe nicht genug Platz zum Anlegen hätten, geschweige denn zum Manövrieren.
Es sind solche Erlebnisse, die Kreuzfahrtfreunde auf den Riesenpötten verpassen und vermissen. Und so ist auch Siegbert aus Österreich auf dieser Tour nicht zum ersten, sondern dritten Mal an Bord - und wohl auch nicht das letzte Mal.
Das Schiff: Die „Nordstjernen“ ist 80,78 Meter lang und 12,60 Meter breit. Die 71 Kabinen sind klein (3 bis 13 Quadratmeter). In einigen wurden in den 1980ern kleine Duschbäder eingebaut. Bei anderen befinden sich WC und Dusche auf dem Gang.
Fahrgebiete: Der Postschiff-Oldie ist in den norwegischen Fjorden unterwegs, cruist durch die Ostsee, den Nord-Ostsee-Kanal und zu den Orkneys, den Kanalinseln sowie den Shetland-Inseln. Teils gehen die Schiffsreisen von deutschen Häfen aus; einwöchige Reisen kosten ab rund 1100 Euro pro Person (vestlandclassic.com).
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