Zu viel Nitrat im Grundwasser ist schlecht. Doch es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie man den Gehalt senken kann. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtshofes zur bisherigen Ausweisung von roten und gelben Gebieten beginnt die Suche nach einer Lösung von vorne. BBV-Kreisobmann Jürgen Dierauff hat einen Vorschlag.
Für die betroffenen Landwirte war es in den vergangenen Wochen ein ziemliches Wechselbad der Gefühle: Zuerst hatten sie mehr Messstellen gefordert, damit die Ausweisung der roten und grünen Gebiete verursachergerechter werden sollte. Nun erbrachten aber gerade in unserer Gegend die zusätzlichen Messstellen das gegenteilige Ergebnis: Noch mehr Gebiete wurden rot. Dann die Wende: Der Bundesverwaltungsgerichtshof kippte die bayerische Art der Ausweisung der roten und gelben Gebiete ganz. Mit einem so deutlichen Ergebnis hatte selbst der Kreisvorsitzende des Bayerischen Bauernverbandes nicht gerechnet.
Wichtig ist Dierauff zuallererst, diejenigen zu beruhigen, denen die Nitratkonzentration im Grundwasser Sorgen macht: „80 bis 90 Prozent der Düngeregeln gelten weiter. Das Grundgerüst der Düngeverordnung von 2020 steht ja nicht zur Disposition.” Weggefallen sind dagegen die Verschärfung dieser Regeln für die Landwirte innerhalb der roten Gebiete. Insbesondere die Vorgabe, 20 Prozent unter dem Bedarf zu düngen, und das Verbot von Düngung auf der Zwischenfrucht im Herbst seien sehr schmerzhafte Auflagen für die betroffenen Landwirte gewesen.
Die Härte der Auflagen steht für Dierauff in einem auffälligen Kontrast zu der scheinbaren Willkür, mit der ein solches Gebiet festgelegt wird. Ein Beispiel ist ein Feld von ihm, das zunächst rot, dann wieder grün und jetzt wieder rot ist. Inzwischen ist er ein Grundwasserexperte und spricht geläufig über Schichtenwasser und Grundwasser des ersten und weiterer Grundwasserleiter. So einfach wie man es sich als Laie vorstellt, ist es offenbar nicht: Man kann nicht eindeutig sagen, welches Grundwasser von welchem Acker aus beeinflusst wird. Selbst, wenn man es einmal zweifelsfrei feststellt, kann es sich in den nächsten Jahren wieder ändern. Und: Das Grundwasser, das jetzt gemessen wird, spiegelt einen Nitrateintrag, der mindestens ein Jahrzehnt, wenn nicht gar mehrere Jahrzehnte zurückliegt.
Ein Dorn im Auge sind Dierauff deshalb die Auswertungen von Brunnenwasser durch den Verein VSR, die regelmäßig zu Forderungen an die Landwirtschaft führen. Bei den Messungen sei weder klar, aus welchem Grundwasserleiter Wasser entnommen wird, noch welche Altlasten möglicherweise um die alten Hausbrunnen bestehen. „Das wäre, als ob man die Polizei abschafft und die Bürgerwehr einführt”, plädiert er dafür, stattdessen auf die Messstellen der Wasserwirtschaftsämter zu vertrauen.
Das Ziel, den Nitratgehalt zu senken, befürwortet auch der Kreisobmann. Doch in Zukunft setzt Dierauff gar nicht mehr auf die Messstellen, sondern auf eine einfache Regel für jeden einzelnen Hof: Es soll nicht mehr Stickstoff auf den Feldern ausgebracht werden, als nachher mit den geernteten Früchten wieder entnommen wird. Die Daten für diese „Feld-Stall-Bilanz”, wie er sie nennt, liegen laut Dierauff auf den Höfen alle vor. „Das ist ein einfacher Nährstoffsaldo.”
Momentan werde aber eine sehr viel abstraktere und hoch komplizierte „Stoffstrombilanz” gefordert, die nach der Überzeugung des Herbolzheimers kein Politiker und keine Politikerin errechnen kann. Diese arbeite nicht mit den direkten, sondern mit indirekten Zahlen. „Das ist, als ob die Polizei mich anhält und nach dem Rezept für das Bier und der Rechnung der Brauerei fragt, anstatt mich einfach ins Röhrchen blasen zu lassen”, wählt er ein anschauliches Beispiel. „Das ist Käse.”
Dass bei Nitrat- oder Phosphorbelastung immer nur an die Landwirtschaft gedacht wird, ist für ihn ein weiteres Ärgernis. Schließlich sorgen nicht nur Nutztiere für Gülle, auch die Menschen scheiden Stickstoff aus – laut Dierauff zehn Kilogramm im Jahr. „Die Reinigungsleistung der Kläranlagen beträgt 80 bis 90 Prozent. Das heißt, ein Kilo pro Person verunreinigt ebenfalls die Flüsse und Bäche.” Obwohl auch an das Wasserrecht für die Kläranlagen immer höhere Anforderungen gestellt wird, sieht der Bauernvertreter eine Ungleichbehandlung zwischen öffentlicher Hand und der Landwirtschaft.