Eltern achten auf Ergonomie, Kinder vor allem aufs Motiv: Geht es um die Auswahl des Schulranzens, gibt es schnell Knatsch. Zwei Experten verraten, was ein gutes Modell ausmacht - und wie Eltern und Kinder auf einen gemeinsamen Nenner kommen.
„Bitte möglichst leicht.“ Diesen Satz hört Martin Herrmann immer wieder. Herrmann ist Inhaber des „Ranzen-Kontors“ in Berlin und verkauft seit acht Jahren Schulranzen. Für ihn ist das Gewicht gar nicht entscheidend, wenn es um die Rückenfreundlichkeit geht: „Viel wichtiger ist das Tragesystem“.
Beckengurt, Polsterung und Co. können für die Verteilung des Gewichts nämlich einen großen Unterschied machen. „Die vier Kilogramm, die man mit der Hand hochhebt, fühlen sich im besten Fall auf dem Rücken wie nur zwei Kilogramm an“, sagt Herrmann.
Hinzu kommt: Der Großteil bringt zwischen 1 und 1,3 Kilogramm auf die Waage. Die Modelle unterscheiden sich Herrmann zufolge in Sachen Leergewicht also kaum. „Das ist so viel wie zwei, drei Tafeln Schokolade und spielt im Alltag keine Rolle“, sagt der Ranzenhändler.
Übrigens: Auch die Faustregel, dass ein (gefüllter) Schulranzen nicht schwerer als 10 Prozent des Körpergewichts sein sollte, ist überholt, sagt Detlef Detjen, Geschäftsführer der Aktion Gesunder Rücken (AGR). Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass es - je nach Statur des Kindes - durchaus mehr Gewicht sein darf. „Ranzen tragen, ist durchaus ein gewisses Muskeltraining.“ Aber der Ranzen müsse dabei natürlich ergonomisch sein.
Die allerwichtigste Regel: Der Schulranzen muss zum Kind passen. Schließlich ist jeder Körper, jeder Rücken anders.
Entscheidend ist dafür längst nicht nur die Körpergröße. Martin Herrmann erlebt Situationen wie folgende immer wieder: „Bei einem Kind mit 1,20 Metern Körpergröße passt Marke X perfekt, bei seinem Freund, der genauso groß ist, überhaupt nicht.“ Da steht dann etwa der Ranzen über der Schulter und das Kind kann den Kopf kaum drehen. Oder über den Hüften passt fast eine Faust zwischen Rücken und Ranzen.
Deshalb geht es ohne Anprobieren im Geschäft und ohne eine Fachberatung nicht, finden beide Experten. Ergonomie-Gütesiegel - wie etwa die der Aktion Gesunder Rücken - können zwar Orientierung geben. Eine Garantie, dass ein Modell auch zum Kind passt, können sie aber nicht liefern. „Ein Ranzen, der zu einem größeren Kind mit eher breiten Schultern passt, passt eben nicht zu einem zierlichen Kind“, sagt Detlef Detjen.
Ehe die finale Entscheidung fällt, sollte das Kind seinen künftigen Ranzen also unter verschiedenen Bedingungen testen. „Bei uns sollen die Kinder hüpfen, sich zu den Zehenspitzen herunterbeugen und durch den Laden laufen“, sagt Martin Herrmann.
„Ein Beckengurt macht einfach Sinn“, findet Detlef Detjen. Schließlich verlagert er Gewicht auf das Becken, was Schultern und Rücken entlastet. Tragen Kinder einen Ranzen mit so einem Beckengurt, neigen sie seltener zu einer nach vorn geneigten oder einseitigen Haltung, heißt es von der Aktion Gesunder Rücken.
Weitere Merkmale eines guten Schulranzens:
Checklisten zum Schulranzenkauf hat die AGR auf der Seite www.agr-ev.de/schulranzen zusammengestellt.
Martin Herrmann erlebt regelmäßig, dass Familien bereits tief in die Recherche eingestiegen sind, bevor es für sie ins Ranzengeschäft geht. Dann steht oft schon fest: Diese eine Marke soll es werden. Und bitte genau dieses Motiv.
Doch das kann Startpunkt für großen Frust sein. Nämlich dann, wenn der Wunsch-Ranzen vor Ort gar nicht zum Rücken des Kindes passt. Herrmann zufolge ist es daher wichtig, eine gewisse Offenheit mitzubringen - und auch dem Kind vorab zu vermitteln: „Dieser Einhorn-Ranzen in genau deiner Lieblingsfarbe ist zwar super schön - aber es kann passieren, dass er nicht passt.“
Im Fachhandel wird teilweise dafür gesorgt, dass Kinder sich gar nicht direkt in ein bestimmtes Modell verlieben können. Das Prinzip ist Detlef Detjen zufolge dieses: Die Kinder probieren zunächst verschiedene Ranzenmodelle an, die mit Capes überzogen sind. Erst, wenn eine Vorauswahl aus passenden Ranzen zusammengestellt ist, kommen die Motive ins Spiel.
Übrigens: Viele Ranzenhersteller haben Modelle entwickelt, bei denen sich Motive leicht ändern lassen, wodurch es eine entsprechend große Auswahl gibt. Dino, Einhorn, Fußball oder Weltraum-Motiv werden einfach mit Klettverschluss, Magnet oder als Anhänger an der Schultasche befestigt, wie Martin Herrmann erklärt.
Am Ende ist die Entscheidung für einen Ranzen Teamwork, findet Detlef Detjen. Idealerweise läuft es so: Die Eltern haben ein Auge darauf, dass das Modell zum Rücken des Kindes passt - und der Nachwuchs sucht sich aus der Vorauswahl passender Modelle das Motiv aus, das ihm am besten gefällt. „Am Ende soll sich das Kind natürlich wohlfühlen. Es soll also einen Ranzen durch die Gegend tragen, den es toll findet.“
„Der Ranzen sollte nah am Körper sitzen, sodass kein Hohlraum zwischen ihm und dem Rücken entsteht“, sagt Detlef Detjen. Die Oberkante des Ranzens sollte sich zudem auf Schulterhöhe befinden. Hintergrund: „Je tiefer der Ranzen hängt, desto mehr wirkt das Hebelgesetz“, sagt der Rücken-Experte. Die Last zieht das Kind dann mit umso mehr Gewicht nach hinten.
Auch der Beckengurt muss richtig eingestellt werden. „Der muss wirklich auf dem Beckenknochen festsitzen, also nicht auf dem Bauch“, sagt Martin Herrmann.
Am besten lassen Familien den frisch ausgesuchten Ranzen direkt im Fachgeschäft an das Kind anpassen. Mit einmaligem Einstellen ist es nicht getan. Herrmanns Faustregel: „Wenn Sie merken, dass die Hosen des Kindes zu kurz werden, müssen Sie auch am Ranzen etwas nachjustieren.“
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