Schon immer ein Freigeist: Ernst Beck war 30 Jahre Schäfer | FLZ.de

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Schon immer ein Freigeist: Ernst Beck war 30 Jahre Schäfer

Ernst Beck aus Unternesselbach verabschiedet sich im Herbst in die Rente. 30 Jahre lang war der heute 65-Jährige als Schäfer aktiv. (Foto: Ute Niephaus)
Ernst Beck aus Unternesselbach verabschiedet sich im Herbst in die Rente. 30 Jahre lang war der heute 65-Jährige als Schäfer aktiv. (Foto: Ute Niephaus)
Ernst Beck aus Unternesselbach verabschiedet sich im Herbst in die Rente. 30 Jahre lang war der heute 65-Jährige als Schäfer aktiv. (Foto: Ute Niephaus)

„Ich war immer schon ein Freigeist“, sagt Ernst Beck. Kein Wunder, dass es den inzwischen 65-jährigen Schäfer im Alter von 26 Jahren in die Ferne zog. Wie für viele zu dieser Zeit war Berlin sein Ziel. „Diese Stadt war der krasse Gegensatz zu Scheinfeld und eine wichtige Station, um zu sehen, wie die Welt woanders aussieht.“

Berlin war aber nur eine Station von vielen, die ihn letztlich seiner Schäfertätigkeit immer näherbrachten – eine Aufgabe, die er nun schon länger als 30 Jahre ausübt. „Und zwar gerne“, wie er betont. Im Herbst ist jedoch Schluss, dann sagt der gebürtige Scheinfelder den letzten Wolltieren Adieu und geht in den Ruhestand – und mit ihm auch seine beiden altdeutschen Hütehunde Rex und Mike. Auf sie warten dann keine Pflichtaufgaben mehr – entspannen, lautet nun das Zauberwort, und mit dem Herrchen Gassigehen.

In Appenfelden (Gemeinde Oberscheinfeld) hatte Ernst Beck einst Zierpflanzengärtner gelernt. Nach der Lehre machte er sich als biologischer Gemüsegärtner selbstständig. Doch vor fast 40 Jahren hielt sich das Interesse vieler Verbraucherinnen und Verbraucher für Bio-Obst und Bio-Gemüse noch stark in Grenzen. Beck war seiner Zeit einfach ein paar Jahre voraus. „Heutzutage wäre das Geschäft gut gelaufen, damals war das Ganze so manchem noch suspekt“, ist er sich sicher.

Selbstständigkeit gegen Anstellung aufgegeben

Er fackelte nicht lange und tauschte kurzerhand die Selbstständigkeit gegen einen Job als Naturkostverkäufer und später als Naturkostfahrer in Berlin ein. Eine Wohnung fand er schnell – ohne Dusche, mit WC auf dem Flur. „Aber das hat gepasst.“ Einige Ladeninhaber, deren Geschäfte er mit dem Transporter ansteuerte, waren nicht die einfachsten Zeitgenossen.

Da kam es wie gerufen, dass er die Möglichkeit hatte, einen der Naturladeninhaber in der Toskana zu besuchen. Dort wiederum lernte er ein deutsches Paar kennen, das als Senner auf einer Schweizer Alp arbeitete. „Das hat mich fasziniert. Ich habe mir gleich gedacht, das ist was für mich.“ Das war es auch, wie sich später herausstellte.

Eine achtwöchige Melkerlehre absolviert

Beck, der mittlerweile in Unternesselbach lebt, absolvierte eine achtwöchige „Melkerlehre“ bei einem Milchviehbetrieb im Bergischen Land. Danach ging es auf eine Kuhalp. Zu viert, inclusive Senner, waren sie dort aktiv. „Es war richtig harte Arbeit, 92 Kühe zu hüten.“ Dann noch das Melken, Käsepflegen und die Weidearbeiten.

Wie gut, dass es Alternativen gab. Beim nächsten Job verdingte er sich als Rinderhirte. 123 Rinder und 96 Kälber – in zwei getrennten Herden – galt es zu betreuen. Morgens und abends musste er schauen, ob alle Tiere wohlauf sind. Zudem musste er Salz zu ihnen bringen. „Ich war da viele, viele Kilometer unterwegs und den ganzen Tag draußen – bei Wind und Wetter. Das hat mich aber nicht gestört.“

Während dieser Zeit lernte er einen Schweizer kennen, der auf einer Schafalp tätig war. Durch ihn kam er zu den Tieren, die sein Leben bis jetzt bestimmen. Mit Mastlämmern war er in der Schweiz im Kanton Luzern unterwegs. Mit dabei war ein Esel, der Proviant, Zelt, Schlafsack, Kleidung und das Notwendigste schleppte. „Nachts wurde im Wald geschlafen.“ Es folgten weitere Sommer im Berner Oberland. Da war er mit je 500 Schafen im Gebirge.

Auch bei Minusgraden mit Tieren unterwegs

„Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich der Unternesselbacher gern. Auch im Winter war er mit den wolligen Vierbeinern auf Tour – ebenfalls mit Zelt, auch bei Minusgraden. Stroh diente als Matratze. „Das wärmt ungemein. Heute haben die Schäfer in der Schweiz Wohnwagen dabei.“ Kuscheliger ist das allemal.

Das Alleinsein, die Einsamkeit, all dies machte ihm nichts aus. „Es war toll, wenn man nachts aufwacht und die Sterne über einem leuchten – wie im Heimatfilm, nur real. Die Natur so zu erleben, das ist einzigartig.“

„Man musste aber viele Abstriche machen“, verhehlt er nicht. Schön war es, wenn er von Landwirten zum Essen eingeladen wurde und dort duschen konnte – ein wahrer Luxus. Zum Teil wohnte er auch bei ihnen. Die Bezahlung war nicht allzu üppig, doch das Geld reichte, viel zum Leben brauchte er nicht: „Ich war vogelfrei, das war wunderbar.“

Mit all dem war Schluss, als er bei einem Heimatbesuch seine jetzige Frau Luise traf. Sie wollte nicht mit in die Schweiz, er aber Schäfer bleiben. „Ich war es gewohnt, allein zu arbeiten und wollte in keiner Firma tätig werden.“ Was nun?

Die Flächenübernahme war möglich

Irgendwie fügte sich dann alles. Er konnte von einem Schäfer dessen 45 Hektar große Fläche in Bad Windsheim übernehmen und kaufte 100 Schafe. Es folgten 100 weitere Tiere, später hatte er in Markt Bibart die Gelegenheit zur Herbstweide. Die Betriebsfläche wuchs mit der Zeit auf rund 80 Hektar. 2016 konnte er seine Betriebsgröße auf 180 Hektar erweitern und hatte etwa 600 Tiere. Das bedeutete viel, viel Arbeit. Hinzu kam die Doppelbelastung im Winter, wenn die Lämmer geboren wurden.

Während dann ein Teil der Herde im Stall blieb, war er mit der anderen Gruppe unterwegs. Ohne die Hilfe seiner Frau hätte das nicht geklappt. Sie fütterte die Vierbeiner im Winter im Stall. „Schäfer ist ein Beruf, der einen enorm körperlich beansprucht. Man hat zudem kaum freie Zeit.“ Ab 2016 hielt er nur noch Muttertiere, ohne Böcke. Er konzentrierte sich zudem mehr und mehr auf die Landschaftspflege – „eine gute Entscheidung“, wie er betont. Die Arbeit wurde weniger und am Ende landete sogar mehr Geld auf dem Konto. Zudem entfiel das Ablammen im Winter.

Mit Blick auf das zunehmende Alter und gesundheitliche Probleme reifte jedoch der Entschluss, langsam aufzuhören. Seine Nachfolger übernahmen schon die Urlaubsvertretung, so dass Ernst und Luise Beck auch mal eine Woche verreisen konnten – nach Slowenien, Niedersachsen und nach Südtirol. „Das war super.“ Vorher ging das nicht.

„Ich freue mich, dass die Verantwortung und der Druck bald weg sind. Ich muss mich körperlich erholen und langsam machen.“ Auf die neue Lebensphase freut er sich. In die Schweiz zieht es ihn, trotz der schönen Erinnerungen, nicht zurück, auch nicht in den Urlaub. „Ich will alles so im Gedächtnis behalten, wie es war“, sagt er. Besser wird es nicht.

Wichtiger Beitrag für die Landschaftspflege

Derzeit gebe es noch rund 700 Berufsschäfer in Deutschland – Tendenz sinkend, trotz mancher Neuzugänge. Kein guter Trend, weiß Beck, immerhin leisten Schafe einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege. „Die Kulturlandschaft entstand durch die jahrhundertelange Schaf-Beweidung. So entwickelte sich die Artenvielfalt.“ Wenn die Beweidung aber immer mehr verschwindet, stehe auch die Artenvielfalt auf der Kippe – „und das darf nicht passieren“.

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