Indien hat Plüschtiere mitgebracht. Und auf jedem Tisch liegt eine kleine Süßigkeit – ein bisschen Nervennahrung für die internationale Teilnehmerschar der Vereinten Nationen. Schließlich geht es um ein Thema, das die gesamte Menschheit und die Hälfte davon besonders betrifft: um Frauenrechte.
Allerdings sind es nicht die tatsächlichen United Nations (UN). Vielmehr findet die Vollversammlung als Rollenspiel der Scheinfelder Gymnasiums-Oberstufe statt. Tagungsort ist die nigelnagelneue Aula, für die diese Veranstaltung sozusagen die Feuertaufe ist.
Das Zwölftklässler-P-Seminar von Englischlehrerin Anja Hümpfner hat das Rollenspiel im vergangenen Schuljahr vorbereitet und setzt es in diesem Schuljahr nun um. Das Muster dafür gibt es schon geraume Zeit; es nennt sich Model United Nations, kurz MUN, und wird international an Schulen verwendet, nach dem Kenntnisstand der Scheinfelder aber erstmals in der hiesigen Region.
In die Rolle der Staatsrepräsentanten springen die Elftklässler. Allerdings zählt das Scheinfelder Gymnasium in dieser Jahrgangsstufe deutlich weniger als 193 Schülerinnen und Schüler – so viele Mitgliedsländer haben die Vereinten Nationen.
Die P-Seminaristen trafen deshalb eine Auswahl, darunter freilich die fünf ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat: China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA; allerdings nicht alle der zehn nicht-ständigen Mitglieder. In Scheinfeld sitzen 38 Staaten an den MUN-Vollversammlungstischen.
Das MUN lehrt mehrere Dinge zugleich: Es ist ein Stückweit Länderkunde, viel Englisch (das ist auch für diese Veranstaltung die Verhandlungssprache) und eine gute Portion Politik. Völlig klar ist dabei: nicht alles, was jugendlicher Elan frisch von der Leber weg von sich gibt, wäre auf dem glatten diplomatischen Parkett das probate Mittel.
Ob Generalsekretär Antonio Guterres eine Vollversammlung – so wie in Scheinfeld geschehen – tatsächlich mit dem Hinweis garnieren würde, dass Frauen „unterdrückt“ werden? Ein Diplomat würde sich vielleicht auf eine Formel beschränken, die rechtliche Lage der Frauen sei weltweit unterschiedlich. Vielleicht hätte der Generalsekretär auch einfach auf die bereits bestehende UN-Charta zu Frauenrechten verwiesen, so wie es Direktor Wolfram Schröttel in seinem Grußwort an die MUN-Vollversammlung tat. Aber Guterres schwänzte an diesem Tag den Sitzungstermin in der Scheinfelder Schule.
Ein weiterer, angesichts des Themas augenfälliger Unterschied: Im New Yorker Sitzungssaal füllen zum deutlich überwiegenden Teil Männer die Reihen, in Scheinfeld haben die Frauen die Mehrheit. So nehmen die beiden Sitzungsleiter Miriam Schmidt und Fabian Rüttinger für eine Handvoll Eingangsstatements zunächst vier Frauen auf die Rednerliste, bevor mit den USA der einzige Mann an der Reihe ist.
Damit auch alle Schülerinnen und Schüler Gelegenheit haben, sich einzubringen, teilt sich die Versammlung in zwei Arbeitsgruppen auf, beide jeweils mit einem weiblichen Leitungsduo. Am Ende der bis in den Nachmittag gehenden Veranstaltung steht eine Zehn-Punkte-Resolution, die mit knapper, aber absoluter Mehrheit angenommen wird.
Diese fordert – und das wirkt ein bisschen kurios – in ihrer ersten These unter anderem eine härtere Bestrafung für Frauen bei einem Schwangerschaftsabbruch. Tatsächlich hatten die Vereinten Nationen zuletzt das Recht von Frauen auf Sicherheit bei solchen Eingriffen betont.
Die übrigen neun Resolutionspunkte entsprechen hingegen deutlicher der zumindest westlichen Erwartungshaltung: gleiche und vom Geschlecht unabhängige Rechte für alle Menschen, gleiche Bildungschancen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Schutz vor sexualisierter Gewalt.
Bei den Abstimmungen, so Anja Hanewinkel, eine der Sitzungsleiterinnen, waren die Jugendlichen gehalten, sich in die Rolle des ihnen zugelosten Staates zu versetzen, und sollten sich folglich mit deren Frauenrechtspositionen befasst haben. Dies könnte auch das vormals erwähnte Abstimmungsresultat erklären.