Christine Mertens ist in dem schrägen Stück „Adolf – Der Bonker” am Theater Ansbach zu sehen. In der Titelrolle und in vielen anderen Rollen. Es ist ein Heimspiel für Christine Mertens, denn sie ist in Ansbach zur Schule gegangen. Das „Im-Moment-Sein” auf der Bühne und der Humor sind ihre „Ressourcen” nach einem Schicksalsschlag.
Christine Mertens, die aus Roßtal stammt, das Gymnasium Carolinum in Ansbach besuchte und jetzt in Fürth wohnt, ist das Schlimmste passiert, was Eltern passieren kann. Vor dreieinhalb Jahren ist ihr Sohn Kasimir tödlich verunglückt. Im Gespräch möchte sie darüber reden, nicht nur über das Theaterstück und ihre langjährige Verbindung zu Ansbach.
„Der Tod meines Sohnes ist die größte Herausforderung meines Lebens, es ist nicht möglich, das Thema auszuklammern”, erklärt die 53-Jährige. Kasimir war 14 und in der Coronazeit mit einem Freund im Fürther Stadtgebiet in der Nähe von Bahngleisen unterwegs. „Die Jungs haben Blödsinn gemacht”, sagt Christine Mertens. Der Sog eines durchfahrenden Zuges erfasste Kasimir, ein tragischer Unfall.
Christine Mertens ist mit dem Schauspieler und Schauspieldozenten Gerd Beyer, der auch schon am Theater Ansbach auf der Bühne stand, verheiratet. Das Paar hat noch eine 13-jährige Tochter. Die Schauspielerin und Theaterpädagogin ist am Nürnberger Kindertheater Mummpitz fest engagiert. Das aktuelle Gastspiel in Ansbach kam zustande, weil Christine Mertens schon früher mit Robert Arnold, dem künstlerischen Leiter des Theater Ansbach und Regisseur der Hitler-Parodie, zusammengearbeitet hat. Am Theater Plauen-Zwickau war sie damals das Gretchen, ihr Mann war Faust, und Robert Arnold war Mephisto.
„Ich habe für die Rolle des Hitler zugesagt, ohne viel nachzudenken, als ich von Robert gefragt wurde”, erzählt Christine Mertens. „Erst dann habe ich überlegt, was das bedeutet. Nicht wegen der Rolle, sondern wegen Ansbach. Vor vier Jahren wäre so ein Heimspiel total geil gewesen, aber jetzt ist alles anders.” Denn die Menschen in Ansbach, die ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler, die alten Freundinnen und Freunde, sind verbunden mit der Christine Mertens vor dem Todesfall. „Das sind zwei Welten, die Welt davor und die Welt danach. Die Leute hier in Ansbach gehören zu der Zeit davor.”
Der Kontakt zu einigen Freunden sei nach dem Tod ihres Kindes komplett abgebrochen, schildert Christine Mertens. „Manche haben sich nie mehr gemeldet. Man nennt das in dem Zusammenhang auch Sekundärverlust.” Dazu kommt es, weil Menschen Angst haben vor der Begegnung, verunsichert sind, weil sie fürchten, sich falsch zu verhalten. „Die Leute wollen oft nur vorsichtig mir gegenüber sein, aber zu viel Vorsicht kann dazu führen, dass Trauernde immer mehr allein bleiben. So sind Menschen aus meinem Leben ganz verschwunden. Viele sind aber auch geblieben – und viele sind dazu gekommen. Vor allem Menschen, die selbst betroffen sind und ein Kind verloren haben.”
In ihrer Familie sei der Zusammenhalt sehr stark, sagt Mertens. Darüber ist sie froh, weil das nicht selbstverständlich ist. Im Gegenteil: Nach dem Tod eines Kindes zerbrechen Familien oft. „Wenn ein Kind in einer Familie stirbt, kann man das mit dem Bild eines Mobiles vergleichen, an dem ein Teil abreißt. Man muss das ganze Mobile neu justieren, das kostet Kraft.”
Christine Mertens, ihr Mann und ihre Tochter haben sich gemeinsam Hilfe gesucht, beim Verband für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister zum Beispiel und bei Expertinnen und Experten zum Thema Trauer aus verschiedenen Bereichen von der klassischen Psychotherapie und Traumatherapie bis zur spirituellen Unterstützung. Auch eine Reha für verwaiste Familien haben sie gemacht, erst zweieinhalb Jahre nach Kasimirs Tod allerdings, weil die Wartezeit so lang war.
Die Schauspielerin absolviert nun eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und arbeitet ehrenamtlich mit dem Hospiz-Team Nürnberg zusammen, wo sie und ihre Familie nach Kasimirs Tod selbst in einer Elterngruppe und einer Kindergruppe „Halt gefunden haben”. Ab Januar übernimmt Mertens die Leitung dieser Elterngruppe. „Das hilft auch mir. Trauer ist individuell und man greift auf die Strategien zurück, die einem Sicherheit geben. Bei mir ist so eine Strategie, darüber zu reden, mich auszutauschen.”
In ihrer Abschlussarbeit im Rahmen der Ausbildung zur Trauerbegleiterin widmet sich Mertens „der heilenden Kraft des Theaterspielens in der Trauer”. Künftig möchte sie Theaterworkshops für trauernde Kinder anbieten. „Wenn man beim Spielen in Gefühle reingeht, hat das etwas Reinigendes.”
Durch den Schmerz und alle anderen Gefühle hindurchzugehen, das helfe ihr, sagt Christine Mertens. „Trauer, Ohnmacht, Verzweiflung, Wut. Dadurch geschieht Heilung. Ich hatte oft viel Wut in mir, was gut war. Diese Wut auch zu veräußern, im Wald zum Beispiel, war für mich besser, als immer wieder im Gedankenkarussell zu stecken und nach dem Warum zu fragen. Überhaupt wandelt sich das Warum langsam zu einem Wozu. Und vielleicht lebe ich wie in dem Gedicht von Rilke allmählich, ohne es zu merken, eines Tages in die Antworten hinein.“
Nach dreieinhalb Jahren sei sie allerdings noch ganz am Anfang ihres Weges, meint Mertens, die sich viel mit Prozessen der Trauer beschäftigt hat. „Es dauert im Schnitt sieben bis zehn Jahre, bis man ein Stück weiter ist. Man schafft es nie, mit so einer Katastrophe wirklich zurechtzukommen, aber man kann seinen Weg gehen, Schritt für Schritt. Und jeder und jede Betroffene geht einen anderen Weg.” Dabei spiele es keine Rolle, ob ein Kind kurz nach der Geburt, mit drei Jahren, als Teenager oder „als erwachsenes Kind” gestorben sei.
Die Titelfigur in dem völlig schrägen Theaterstück „Adolf – Der Bonker” zu spielen, macht Christine Mertens Spaß. „Humor ist eine große Kraft, eine gute Ressource, zumindest bei mir. Das setzt Endorphine frei.” In dem Stück sei „alles möglich, alles erlaubt, man muss keine Logik beachten und kann alle Grenzen überschreiten”. Kasimir hätte die Produktion großartig gefunden, ist Christine Mertens überzeugt. „Er hätte es toll gefunden, dass Mama Hitler spielt. Die Rolle ist sehr extrem, sehr verrückt und für mich damit auch bahnbrechend. Das zu spielen, trägt ein Stück zu meiner Heilung bei.”
Ihr Beruf helfe ihr ohnehin. „Meine Arbeit als Schauspielerin ist ein Bereich, der unbeschädigt geblieben ist. Auf der Bühne bin ich somit in gewisser Weise geschützt.” Am Theater Mummpitz spielt Mertens unter anderem auch wieder regelmäßig in einem Kinderstück, das Kasimir besonders liebte. „Ich kann das machen, weil ich es mit ihm mache. Wir sind in Beziehung dabei. Auch das ist wieder ein Stück Trauerarbeit.”
Am Geburtstag und am Todestag ihres Sohnes arbeitet Christine Mertens nicht. An diesen Tagen nimmt sie sich frei, was auch am Theater Ansbach mitten in der Probenzeit für „Adolf” ganz selbstverständlich akzeptiert wurde. „Ich will diese besonderen Tage nicht zuschütten mit Arbeit, um sie zu vergessen, was ja sowieso nicht möglich ist. Am 4. November wäre Kasimir 18 geworden. Wir haben an dem Tag zusammen mit seinen Freunden den Geburtstag gefeiert, es sind viele Jungs vorbeigekommen. Wir haben Kasimir in unsere Mitte genommen, es gab Cola und Pizza.”
Mit ihrem Sohn fühlt sich Christine Mertens nach wie vor eng verbunden. Sie ist ein spiritueller Mensch und überzeugt von einer Wiederbegegnung irgendwann und irgendwo. „Das gibt mir ein Stück Zuversicht. Warum sollte ich also nicht daran glauben? Er ist immer noch da, das spüre ich. Nur eben in seiner anderen Form.”
Weitere Vorstellungen von „Adolf – Der Bonker” gibt es am Theater Ansbach am 9. und 10. Januar, 12. Februar sowie 20. und 21. März.