Ein alltäglicher Fall ist das auch für die Neustädter Polizei nicht. Am Freitag war ein Mann mit einem Metall-Detektor in einem Wald bei Sugenheim auf der Suche nach Schätzen. Doch statt Gold und Silber fand er Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber nein, die Polizei informierte er nicht, vielmehr begann er zu buddeln. Es folgte ein „Himmelfahrtskommando“.
Piieep, pieep: Der Metall-Detektor schlägt an. Der Mann schaut, was denn da Metallenes im Boden liegt. Ein bisschen verwittert ist es. Er blickt genauer hin. Könnte Munition sein, denkt er sich. Wem in diesem Moment sein Leben etwas bedeutet, der greift zum Telefon und wählt die 110. Im Sugenheimer Fall aber beginnt der Schatzsucher zu graben. Stück um Stück holt er aus dem Boden. 70 Flak-Granaten werden es am Ende sein, berichtet die Polizei. Neun Zentimeter lang, zwei Zentimeter im Durchmesser.
Der Finder packt sie in eine Kiste, verstaut alles im Auto, steigt ein und fährt los – 17 Kilometer mit sieben Kilogramm reinstem Sprengstoff im Kofferraum. Von Sugenheim nach Neustadt. Jede Unebenheit, jeder Schlag hätte zur Detonation führen können. Denn wie ein Polizist erklärt: Die Munition war scharf.
In Neustadt trägt er sein Bündel unaufgeregt in die Polizei-Inspektion. Dort erkennen die Beamten schnell, womit sie es hier zu tun haben. Deutsche Munition, Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. Ganz klar. Die Granaten wurden nach Einschätzung der Polizei geschossen, sind aber nicht detoniert. Die Beamten verstauen alles sicher und bestellen das Nürnberger Sprengstoffkommando.
Das schlägt am Montag dann auch auf. Deren Einschätzung: Die 70 Granaten sind „nicht handhabungssicher“ und damit keinesfalls für einen Transport nach Nürnberg geeignet. Zu gefährlich. Also müssen sie vor Ort gesprengt werden.
Die Munition ist vorhanden, fehlt nur noch der Sprengplatz. Schnell kristallisiert sich die Deponie zwischen dem Neustädter Ortsteil Unternesselbach und Dietersheim-Altheim als Favorit heraus. Hübsches Panorama. Die nächsten Ortschaften weit weg. Große Erdhügel, welche die dumpfen Schläge abfangen. Zusammengefasst: ein Traumplatz für eine kontrollierte Sprengung von 70 Flak-Granaten.
Aufgeregte Spannung. Die Polizei stimmt sich mit den Sprengmeistern ein letztes Mal ab. Die Autos stehen zu nah dran. Die Gefahr von Steinschlag wäre zu groß. Also einsteigen, wegfahren. Eine Runde wird nicht reichen. Denn: Zehn Kilogramm Sprengstoff auf einen Schlag kontrolliert in die Luft zu jagen, „das würde einen tiefen Krater hinterlassen“.
Also in Etappen. Der erste Sprengdurchgang ist vorbereitet. „Jetzt macht’s gleich Kawumba“, ruft ein Polizist. Eine spaßige Diskussion, ob denn gleich der Traktor in 300 Metern Entfernung in die Luft fliegt, schließt sich an. Tuuuut. Die erste Vorwarnung. Tuuuut, tuuut. Sekunden der Stille. Puff. Ein kurzer Schlag. Erde schießt fünf Meter in die Luft. „Also ich hab mir das schon spektakulärer vorgestellt“, gesteht ein Beamter. Sein Kollege sagt fast schon entschuldigend: „Man darf sich das nicht wie an Silvester vorstellen.“
Puff. Sprengung Nummer zwei. Durchgang Nummer drei steht an. Vorwarnung. Pause. Kurze Verunsicherung. Entwarnung. Einer der Sprengmeister muss kurz telefonieren, da wäre so ein Schlag im Hintergrund wenig verständlichkeitsfördernd. Also warten.
Ein Vertreter der Neustädter Kommunalbetriebe hat einen Verdacht: „Er fragt, welchen Draht er zuerst durchschneiden muss.“ Rot? Grün? Nein, wir sind hier nicht in Hollywood. Weitere Schläge schließen sich an – dann drei Tuter. Alles erfolgreich. Sprengeinsatz beendet.
Das Nürnberger Entschärfungskommando packt gleich wieder zusammen. Die Munitionsexperten müssen weiter, der Sprengkalender ist gut gefüllt. Der Zweite Weltkrieg ist zwar seit fast 80 Jahren beendet. Doch der Boden verbirgt noch so manches Geheimnis. Blindgänger, sie sind eine echte Gefahr.