Angespannt rückt Julia Berger auf der Holzbank ein Stück vor. Ein gelbes Büchlein hält sie fest in den Händen, den Filzhut auf dem Kopf. Sie blickt gebannt auf den Ring: Dort läuft ein Schafbock mit seinem Züchter im Kreis. Berger möchte ihn ersteigern. In hunderter Schritten schnellt der Preis nach oben: 900, 1000, 1200.
Die 43-Jährige wirft ihrem Mann einen Blick zu. Frank Berger steht am anderen Ende der Auktionshalle. Denn er wird als Nächstes einen Bock aus der eigenen Zucht in den Ring führen. Nun geht es aber erst einmal um den 1A-Bock, den besten seiner Klasse. Die Bergers möchten ihn gerne mit nach Hause nehmen. Frank Berger gibt seiner Frau ein Zeichen: Sie soll weiter bieten, dranbleiben.
Julia und Frank Berger kommen aus Mosbach bei Feuchtwangen. Am Dienstag und Mittwoch waren sie in der Rezathalle in Eyb bei der 111. Ansbacher Schafbockauktion. Die Bergers kamen mit zwei Zielen: kaufen und verkaufen.
80 Schafe der Rasse Suffolk haben die Bergers. Kopf und Beine sind schwarz, ein langer, muskulöser Rücken zeichnet sie aus. Suffolks sind Fleischschafe. Die Bergers führen den Betrieb im Nebenerwerb. Erst in den vergangenen Jahren haben sie sich in das Zucht-Thema eingearbeitet. Julia Berger stammt nicht aus einer Landwirtschaft. Am Hof ihres Mannes gab es allerdings schon immer Schafe.
Ab April oder Mai ziehen die Schafe der Bergers von Koppel zu Koppel. Immer wieder muss das Paar die Wiesen neu einzuzäunen und die Schafe weitertreiben. Kurz vor Weihnachten kommen die Tiere in den Stall. Denn dann beginnt die Lammzeit. In den vergangenen Wochen haben sie also ordentlich Zuwachs bekommen: 95 Lämmer kamen auf die Welt. Etwa zehn weibliche Tiere behalten sie für ihre Zucht. Zusätzlich ein paar Böcke, um diese nach einem Jahr an andere Züchter zu verkaufen. Ein Teil der Tiere wird privat weiterverkauft. „Ein großer Teil landet im Schlachthof”, so die 43-Jährige.
Drei Böcke aus dem Wurf von 2024 möchten sie dieses Mal bei der Autkion in Ansbach verkaufen. Julia Berger hofft, dass sie zwischen 700 und 1000 Euro pro Schaf bekommen. „Ein bisschen was muss schon hängen bleiben”, sagt auch Frank Berger.
Der Parkplatz der Rezathalle ist am Mittwochmorgen voll mit Geländewagen und Tieranhängern. Stände mit Filzhüten und Schäferkleidung stehen im Hof. Hier geht es um Wolle und määäh(r).
Es ist die größte Schafbockauktion im süddeutschen Raum, die zweitgrößte in Deutschland, erzählt Martin Bartel. Er ist Geschäftsführer der Herdbuchgesellschaft für Schafzucht. Rund 300 Schafe standen am Mittwoch zum Verkauf. Etwa 200 Menschen steigerten mit, andere kamen zum Schauen.
Am Dienstag war Auftrieb. Die Schafhalter fuhren ihre Tiere nach Ansbach. Jeder Bock wird gewogen und von einem Tierarzt untersucht. Dann erst darf es in den Stall. Für jeden Züchter gibt es eine Bucht. Mit grauen Gittern sind Ställe abgetrennt. Schilder an den Wänden oder Gittern zeigen an, wem die Schafe gehören. In manchen stehen drei, in anderen über zehn Schafe. Die Boxen sind mit Heu eingestreut, um die Versorgung kümmern sich die Züchterinnen und Züchter.
Dann wurden die Schafe einer Körkommission vorgeführt. Drei Personen sehen genau hin: Sie bewerten Wolle, Bemuskelung und äußeres Erscheinungsbild. Jedes Schaf bekommt drei Noten. 9 ist hervorragend, nach unten wird es schlechter. Bei der Körung gab es eine Überraschung für die Bergers. Eines ihrer Schafe belegte den zweiten Platz seiner Klasse. „Da haben wir nicht damit gerechnet”, gibt Julia Berger zu.
Rund um die Züchtung gibt es viel zu beachten. Ahnentafeln müssen vollständig sein, nur Supertiere dürfen darin auftauchen. Im Herdbuchverband sind die Bergers seit fünf Jahren. „Ich bin die Schuldige”, gibt Julia Berger lachend zu. Weil viel Schreibarbeit und Dokumentation an der Züchtung hängen, war Frank Berger anfangs nicht überzeugt. Doch diese Arbeit übernimmt seine Frau.
Die Auktion der Merinolandschafe startete schon am Mittwochvormittag. Wer sich für andere Rassen interessiert, läuft zu dieser in den Stallungen umher. Hüte und Schäferhemden, wohin man auch sieht. Es wird fleißig beraten, gefachsimpelt und Small Talk gehalten. Hin und wieder mischt sich ein kräftiges „Mäh” unter die Gespräche.
Die Züchterinnen und Züchter sehen sich die Bewertungen im Katalog in Papierform oder im Internet an. Die engere Auswahl nimmt man dann noch einmal direkt in Augenschein, erklärt Julia Berger. Die Tiere tragen Nummern am Nacken. So erkennen Julia und Frank Berger auch ihre Favoriten.
Vier Sternchen haben sie in ihre Liste gemalt. Diese Böcke gefallen ihnen, nur einen davon möchten sie kaufen. Topfavorit ist der 1A Bock des Zuchtbetriebs Trinkl aus der Nähe von Dachau. 1A bedeutet, er hat die beste Bewertung seiner Klasse erhalten. Julia Berger schätzt, dass sie ihn nicht bekommen. Trinkl-Tiere sind beliebt: „Das sind Deutschlands besten Böcke.”
Die Aufteilung ist klar: Frank Berger führt die Tiere im Ring, seine Frau bietet mit – eine Premiere für Julia Berger. Sie ist auch ein wenig aufgeregt, gibt sie zu. Frank Berger legt den Schafen das Geschirr an, befestigt einen Strick daran. Wochenlang hat er mit den Böcken das Laufen trainiert.
Die Anspannung steigt weiter. Um 12 Uhr soll die Auktion der Fleischschafe beginnen. Eine Stunde lang warten die Bergers, bis es tatsächlich losgeht.
Julia Berger sucht sich einen Platz auf der Tribüne. Ihr fünfjähriger Sohn und ihre beste Freundin begleiten sie. Der Trinkl-Bock beginnt, Julia Berger weiß: Jetzt zählts. Sie bietet von Beginn an mit: Mehrmals hebt sie das Büchlein, auf dem die Käufernummer geschrieben steht. Die Blicke des Sohnes wandern zwischen ihr und dem Ring hin und her.
Bei 1300 Euro wird Julia Berger zögerlicher. Sie sieht aber die Zeichen ihres Mannes. Sie bietet weiter. 1900 Euro zum Ersten, zum Zweiten uuuund zum Dritten!“, ruft der Auktionator Martin Bartel ins Mikrofon.
Ein zufriedenes Lachen macht sich auf Julia Bergers Gesicht breit, die Augen strahlen. „Hast du den jetzt gekauft”, fragt Vincenz mit großen Augen. Seine Mutter stimmt lachend zu. Der Bock gehört den Bergers.
Ganz fällt die Anspannung aber noch nicht ab: Jetzt geht es noch um die eigenen Böcke. Wie viel bekommen sie? Frank Berger führte den eigenen Bock in den Ring. Für 1300 Euro wird er versteigert. Die anderen beiden für je 1000 Euro. Die Aufregung ist vorbei, Erleichterung macht sich breit.
„Ich bin mehr als zufrieden”, sagt Julia Berger als sie aus der Auktionhalle geht. Das Fazit der Mosbacherin: „Der Tag lief besser als gedacht.”