Die Historie mit der Gegenwart verbinden, Rokoko-Klischees aufbrechen und künstlerisch neu interpretieren – das ist das Ziel von Kurator Dr. Harald Tesan. Mit der Ausstellung „Rokokissimo“, die ab Freitag an mehreren Orten in der Ansbacher Innenstadt zu sehen ist, verfolgt er genau diesen Anspruch.
Im Zentrum steht eine ironisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Rokoko – jener Epoche des 18. Jahrhunderts, die oft mit Ornamenten, Üppigkeit und verspielter Oberflächlichkeit assoziiert wird. Tesan beschreibt sein Ausstellungskonzept als „spielerisch, ironisch und kritisch zugleich“. Er selbst hatte den Anspruch, „nicht kleckern, sondern klotzen“ zu wollen und eine ausdrucksstarke Werkschau auf die Beine zu stellen.
Gezeigt werden die Positionen im Stadthaus, in der St.-Gumbertus-Kirche sowie im Kunsthaus Reitbahn 3. Die Werke greifen Themen wie Überschwang, Reizüberflutung und die Lust an der Inszenierung auf – und schlagen dabei Brücken zur heutigen Mediengesellschaft.
Gleich zu Beginn der Ausstellung begegnen die Besucher der Arbeit von Susanne Stiegeler: unechte Grabreliquien, die auf die historische Praxis des Reliquienhandels anspielen. Der Tod ist Anfang und Ende zugleich – die Stiegeler-Arbeiten rahmen die Ausstellung thematisch ein.
Tesan erinnert daran, dass es früher in jeder Kirche Heilige geben sollte, doch der Bedarf war größer als das Angebot. So florierte der Markt mit gefälschten Reliquien – eine historische Parallele zu heutigen „Fake News“, wie Tesan betont.
Im Kunsthaus Reitbahn 3 zeigt Reiner F. Schulz eine Installation, die dem Unternehmer Elon Musk gewidmet ist. Ein Tafelaufsatz auf einem Tisch dient hier als Träger für die Reflexion über Macht, Technik und Fortschritt.
Ganz andere Töne schlägt der Nürnberger Fotograf Christian Höhn an: Mit Stadtansichten von Peking und Kairo thematisiert er urbane Struktur und architektonische Verdichtung. Dabei verweist Tesan auf barocke Stadtvisionen – auch im Rokoko war die Stadt ein Ort von Kontrast und Inszenierung. Höhns Gegenüberstellung von modernem Peking und dem fast provinziell wirkenden Kairo verweist auf heutige globale Ungleichheiten.
Im Stadthaus präsentiert Nina Heinlein ihre Stoffskulpturen. Die Wahl der Materialien verweist auf barocke Symbolik, doch die Skulpturen selbst – fünf an der Zahl – erinnern eher an eingehüllte gotische Fialen. Für Tesan ist die Arbeit auch eine künstlerische Reflexion über Weiblichkeit und Körperlichkeit im Kontext historischer Bildwelten.
In der St.-Gumbertus-Kirche zeigt Petra Krischke eine Serie überbordend bunter und bewusst kitschiger Gemälde. In Kombination mit dem Altar ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen religiösem Ernst und urbaner Reizüberflutung – auch das ein typisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Barock und Gegenwart.
„Rokokissimo“ vereint Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation und Virtual Reality. Jenseits von Puder, Perücke und Parfüm zeigt die Ausstellung, wie überraschend aktuell die Themen des Rokoko sein können.
Zwölf Künstlerinnen und Künstler wagen unterschiedliche Annäherungen an eine Epoche, die auch geprägt war von Medienreichtum, Globalisierung und dem Aufeinandertreffen extremer Gegensätze.
Die Vernissage findet am Freitag um 19 Uhr im Kunsthaus Reitbahn 3 statt, die Ausstellung ist bis zum 10. August zu sehen.