Es war eine Art Selbstversuch: In eigens angefertigten Kleidern mischten sich Irmgard Scharnagl-Haase und Christa Jäger-Schrödl bei den Reichsstadttagen 2024 unter die vielen kostümierten Routiniers. Die Schwestern wollten für sich etwas herausfinden, denn sie hatten schon einmal zu zweit mitgemacht. Das ist aber ein Weilchen her.
Exakt ein halbes Jahrhundert liegt zwischen den gemeinsamen Auftritten der zwei Frauen bei den Reichsstadttagen. Die waren 1974 neu erfunden worden, und zwar als Programmpunkt anlässlich der damaligen 700-Jahr-Feier der Verleihung königlicher Freiheitsprivilegien.
Aus heutiger Sicht weiß man, dass sich das Format bewährte. Jedes Jahr begeistern Hunderte von Aktiven, die die Historie Rothenburgs verkörpern, Tausende von Menschen. Dass das eine Erfolgsgeschichte werden und dem Format 2024 selber ein großes Jubiläum ins Haus stehen würde, konnte seinerzeit natürlich niemand ahnen.
1974 waren die Schwestern Christa und Irmgard, die damals nur Jäger mit Nachnamen hießen, 14 und 17 Jahre alt und extrem aufgeregt. Sie besuchten das Gymnasium und waren über einen damaligen Lehrer als Mitwirkende für eine Gruppe gewonnen worden, die bei den ersten Reichsstadttagen die Tradition Rothenburgs als Inspirationsquelle und Wirkungsort für Kunstschaffende verkörpern sollte.
In ihren prachtvollen Biedermeierkostümen zogen sie am Standplatz der Gruppe am Plönlein viele Blicke auf sich. „Wir wurden angeflirtet. Fotografen sprachen uns an und wollten uns ablichten“, erinnert sich Christa Jäger-Schrödl schmunzelnd. Das alles sei sehr aufregend gewesen für ihre Schwester und sie.
In Erinnerung behielten die beiden die Eindrücke vor allem auch deshalb als prägend, weil sie sich in dieser Konstellation nicht wiederholten. Die Lebenswege verliefen unterschiedlich. So blieb Irmgard in Rothenburg, wurde Musiklehrerin und war mit der von ihr 1982 gegründeten Gruppe von Biedermeier-Flötenkindern eine Zeit lang bei den Reichsstadttagen präsent.
Christa hingegen, die PR-Journalistin wurde, verschlug es aus privaten und beruflichen Gründen nach Köln und später nach Oberbayern. Der Kontakt zur Stadt riss aber nie ab. Wenn Besonderes anstand, allen voran die Pfingstfestspiele oder die Reichsstadttage, quartierte sie sich bei der Schwester ein und feierte mit. Zu gemeinsamen Auftritten im Kostüm kam es aber nicht mehr.
Seit sieben Jahren lebt Christa Jäger-Schrödl nun auch wieder ganz in der Nähe, nämlich in Kloster Sulz. Und mit ihrer älteren Schwester Irmgard Scharnagl-Haase versteht sie sich nach wie vor prächtig.
Das war Grundvoraussetzung dafür, dass die vermeintlich verrückte Idee eines gemeinsamen Comebacks bei den Reichsstadttagen nach 50 Jahren Pause tatsächlich zur Umsetzung gelangte. Die Idee kam von der Älteren: „Komm, jetzt machen wir unser Jubiläum“, habe ihre Schwester vor einigen Monaten gesagt, erzählt Christa Jäger-Schrödl. Zwei entscheidende Zutaten fehlten jedoch. Die beiden verfügten weder über geeignete historische Outfits noch über eine Anbindung an eine der vielen mitwirkenden Gruppen.
Für die Probleme fanden sich Lösungen. So ließen sich die zwei in Colmberg Kleider schneidern, die sich nur in Details farblich unterscheiden. Die typischen Biedermeier-Kopfbedeckungen, die Schuten, wurden von einer Hutmacherin des Nürnberger Theaters gefertigt.
Und mit Unterstützung des Tourismus-Services fanden sie bei der Schäfertanzgruppe für die Zeit der Reichsstadttage eine Heimat. Bei deren Aufführungen und Aktivitäten waren die Schwestern immer mit von der Partie und dementsprechend oft im Rampenlicht. Wie es sich anfühlte, nach einem halben Jahrhundert wieder mittendrin zu sein im Trubel? Aufregend sei es wieder gewesen, sagt Christa Jäger-Schrödl, so wie 1974, aber schon auch anders. „Damals waren wir Teenager, jetzt sind wir alte Mädels“, schmunzelt sie. Die Resonanz der Leute sei jedenfalls äußerst positiv gewesen. „Wir wurden immer wieder nett angesprochen und auch oft spontan geherzt. Außerdem wollten ständig Leute mit uns fotografiert werden“, sagt Christa Jäger-Schrödl.
Vor allem waren die persönlichen Eindrücke der beiden positiv genug, um gleich über eine Wiederholung nachzudenken und damit nicht bis zum nächsten runden Anlass der Reichsstadttage zu warten: „So wie es aussieht“, meinte die jüngere der Jäger-Schwestern, „sind wir 2025 wieder mit dabei“.