Reichsbürger-Seminar besucht: Vorwürfe gegen Neustädter Investor | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.11.2023 07:00

Reichsbürger-Seminar besucht: Vorwürfe gegen Neustädter Investor

Hansi Denterlein vor dem Kunstwerk, das im Eingangsbereich der Alten Ziegelei zu sehen ist. (Foto: Johannes Zimmermann)
Hansi Denterlein vor dem Kunstwerk, das im Eingangsbereich der Alten Ziegelei zu sehen ist. (Foto: Johannes Zimmermann)
Hansi Denterlein vor dem Kunstwerk, das im Eingangsbereich der Alten Ziegelei zu sehen ist. (Foto: Johannes Zimmermann)

Hansi Denterlein, bekannter Kult-Friseur und Immobilienmakler in Neustadt, sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Grund ist seine Teilnahme am eintägigen Seminar „Tag des Systemausstiegs“ Anfang März in Wittenberg. Dazu hatte die Gruppierung „Königreich Deutschland“ eingeladen – eine in die Reichsbürgerszene eingebundene Organisation.

Das Landratsamt, Neustadts Bürgermeister Klaus Meier, etliche Mitglieder des Stadtrates und unsere Redaktion erhielten dieser Tage ein anonymes Schreiben. Darin wird die Stadt ausdrücklich davor gewarnt, das Bauvorhaben Denterleins, der die Alte Ziegelei in Neustadt gekauft hat und zu einem Kultur- und Eventareal umgestalten will, zu genehmigen. Auch ein Telefonanruf einer Leserin zum Thema erreichte die Redaktion.

Zitat aus dem anonymen Schreiben: „Bei der Sendung auf ZDF/arte ,Reichsbürger – Innenansichten einer extremistischen Bewegung‘ haben wir Herrn Denterlein als Teilnehmer des ,Systemausstiegs-Seminars‘ des so genannten ,König von Deutschland‘ (Peter Fitzek) gesehen. Diese Bewegung verachtet den deutschen demokratischen Staat und versucht auch verstärkt, über Unternehmer Flächen und Gebäude zur Verbreitung ihrer Ideologien zu gewinnen. Wir glauben nicht, dass Neustadt an der Aisch oder sonst wer Nährboden (Flächen, Gebäude) für solche Leute bereit stellen sollte.“ Zitat Ende.


Ich sehe mich nicht als Systemaussteiger.

Hansi Denterlein

Tatsächlich ist Hansi Denterlein in dieser Dokumentation, die in der arte-Mediathek abrufbar ist, mehrfach deutlich zu erkennen. In Minute 43.35 schwenkt die Kamera während eines Vortrags über ihn im Zuschauerraum, in den Minuten 45.16 und 45.54 ist er unter anderem zu sehen, wie er bei einem Interview mit einer Heilpraktikerin durchs Bild läuft.

Damit konfrontiert, macht Denterlein gar nicht erst den Versuch, seine Anwesenheit zu leugnen: „Ja, da war ich. Es hat mich halt interessiert“, erklärt er gegenüber der Redaktion in einem längeren Gespräch. Zusammen mit „rund 100 Unternehmern“ sei er dort zu Gast gewesen, habe sich informieren wollen. Aber trotz des Titels des Seminars: „Ich sehe mich nicht als Systemaussteiger. Es geht halt darum, manche Dinge zu ändern.“

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Als Beispiel nennt Denterlein das deutsche Schulsystem mit ausgebrannten Lehrern, Studienabbrechern und frustrierten Kindern. Da brauche es ein anderes Konzept, die Kinder müssten wieder Spaß am Lernen haben. Genau deshalb plane er eine freie Schule in Neustadt – eine Mischung aus Waldorf- und Montessori-Pädagogik könne er sich vorstellen. „Mein Team und ich informieren uns dazu überall.“


Da gibt es Ideen, eigene Schulen aufzubauen.

Katharina Nocun

Im arte-Fernsehbeitrag kommt auch die Heilpraktikerin Ute Kowalewski zu Wort. Sie spricht von „Gemeinwohldörfern“, die das „Königreich Deutschland“ im Sinn hat, von Schulungszentren und Betrieben, die unabhängig von staatlichen Institutionen arbeiten sollen. Die Berliner Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun, ebenfalls in der Reportage zitiert, warnt: „Da gibt es Ideen, eigene Schulen aufzubauen“ – Schulen, in denen die Ideen und Ideologie der Reichsbürger vermittelt werden sollen. Laut Verfassungsschutz hat die Gruppe „Königreich Deutschland“ mittlerweile rund 5300 Mitglieder.

Steht Hansi Denterleins Schulprojekt mit den besagten Plänen in Verbindung? Er dementiert gegenüber der Redaktion: „Das hat nullkommanull damit zu tun. Mich hat das einfach nur interessiert, was da gesagt wird.“ Die Vorstellungen des „Königreichs Deutschland“ seien ihm „zu speziell“, darauf wolle er sich nicht einlassen. Er könne sich eher vorstellen, „in den Montessori-Dachverband reinzugehen“ und in Neustadt eine Filiale der Montessori-Schule Herzogenaurach einzurichten.

Denterlein will nicht „in so eine Schiene” gedrängt werden

Mehrfach wiederholt Denterlein sein Unverständnis, „jetzt in so eine Schiene gedrängt zu werden“. Er habe doch nur Informationen gesammelt – er habe mit der Reichsbürger-Szene nichts zu tun. Auf die wiederholt gestellte Frage, wie er denn auf den „Tag des Systemausstiegs“ gekommen sei, bleibt er vage. Nein, man habe ihn nicht explizit eingeladen, er habe das im Internet „halt mitbekommen“ und sich angemeldet. „Und jetzt wird hier eine Beschneidung meiner Freiheit gemacht, wenn ich mich bloß informieren möchte.“

Im anonymen Schreiben an die politisch Verantwortlichen in Stadt und Landkreis zitieren der oder die Verfasser den Verfassungsschutz: „Das KRD (Königreich Deutschland) ist eine extremistische Reichsbürger- und Selbstverwalter-Gruppierung. Seine Aktivitäten zielen darauf ab, die gültige Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland außer Kraft zu setzen und durch ein eigenes System zu ersetzen, in dem demokratische Grundsätze und Gesetze wie auch staatliche Schutzvorschriften generell keine Geltung haben sollen.“


Manchmal finde ich es schon ungerecht.

Hansi Denterlein

Darauf angesprochen sagt Denterlein: „Das ist für mich alles zu extrem.“ Ja, er stehe zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, ja, er akzeptiere das System der Bundesrepublik. Aber: „Manchmal finde ich es schon ungerecht.“ Es gebe Riesenkonzerne, die zahlten seit Jahren praktisch keine Steuern, während andere mit 40 Prozent zur Kasse gebeten würden. „An diesem Tag habe ich mich mit anderen Unternehmern unterhalten, die da schon seit zehn Jahren oder so dabei sind (Bei 'Königreich Deutschland'; Anm. d. Red.). Die zahlen überhaupt keine Steuern. Das war für mich schon überraschend, was da möglich ist.“

Er sei, das betont er am Ende des Gesprächs, „kein Anhänger der Gruppierung“, sei nur ein einziges Mal bei einer Veranstaltung dabei gewesen. Dass es diesen Leuten um den Umsturz des politischen Systems gehe, will er nicht pauschal sehen: „Da gibt es ja auch verschiedene Strömungen“. Von gewaltverherrlichenden Debatten oder Wortbeiträgen habe er nichts mitbekommen. Er sei gar nicht auf die Idee gekommen, dass er sich mit dem Besuch angreifbar mache – im Gegenteil: „Da war ja auch das ZDF-Team da. Die haben gefragt, ob man gefilmt werden darf und ich hatte nichts dagegen.“

Er will nichts mit Rechtsextremen zu tun haben

An seinen Plänen für die Alte Ziegelei will Denterlein festhalten, nach Investoren suchen, nach „Menschen, die das Projekt gut finden und mitarbeiten möchten“ – egal, „ob da einer von der CSU oder von der SPD kommt. Nur mit Rechtsextremen möchte ich nichts zu tun haben.“ Nach wie vor schwebt ihm ein Veranstaltungsraum für Kultur vor, für Partys, Ausstellungen und Musik, eine Alternative zur NeuStadtHalle.

Finanziell sei das schwierig, denn auch die städtische Veranstaltungsorganisation mache ja immer Verluste, „obwohl da ja sehr gut gewirtschaftet wird“. Aber das Risiko sei es ihm wert. Die Idee von der freien Schule wolle er ebenfalls beibehalten, suche nach Lehrern, „die da aktiv mitarbeiten wollen“.

Auf eine Anfrage der Redaktion beim Verfassungsschutz antwortet Dr. Florian Volm, stellvertretender Leiter der Stabsstelle Kommunikation und Medien: Zur Person Hansi Denterlein gebe man keine Auskunft, weil dies „einen Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht“ darstelle. Ein solcher „Grundrechtseingriff“ sei sei auch bei Presseanfragen nur dann gerechtfertigt, wenn „das öffentliche Informationsinteresse das private Interesse am Schutz der personenbezogenen Daten überwiegt“. Das sei hier „nach sorgfältiger Prüfung“ nicht gegeben.


Ich will sicher keinen Umsturz.

Hansi Denterlein

Auf die Frage, ob im Raum Neustadt Personen bekannt seien, die der Reichsbürger-Szene zuzuordnen seien, antwortet Volm: „Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim größtenteils Einzelpersonen ohne Bezug zu einer Gruppierung oder Organisation. Diese Einzelpersonen treten zumeist mit niedrigschwelligen reichsbürgertypischen Agitationen in Erscheinung.“ Zum Thema „Schule“ schreibt die Behörde: Es lägen „keine Erkenntnisse über die Existenz möglicher, von Angehörigen der Reichsbürgerszene betriebenen, ,freien Schulen‘ in Bayern vor“.

Neustadts Bürgermeister Klaus Meier bestätigt auf Nachfrage, dass er das anonyme Schreiben erhalten und die Dokumentation daraufhin gesehen habe. Ob er das Thema im Stadtrat aufgreifen werde, könne er erst nach intensiven Gesprächen innerhalb der Verwaltung sagen. Sobald allerdings Denterleins Bauanträge im Rahmen des Projekts Alte Ziegelei vorliegen, „dann wird das alles im Stadtrat sicher diskutiert werden“.

Am Ende des Gesprächs mit der Redaktion will Hansi Denterlein mögliche Vorbehalte entkräften: „Ich habe mich vorher nicht weiter informiert, ich habe halt keine Erfahrung mit Reichsbürgern.“ Und er sagt: „Ich will sicher keinen Umsturz.“


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
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