Radeln in der Sommerglut: Von Gerhardshofen an den Ätna | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt

Radeln in der Sommerglut: Von Gerhardshofen an den Ätna

Udo Ammon (links) und Christoph Mößner hatten den Ätna als Ziel. Nach 2610 Kilometern inklusive Abstechern, 18.500 Höhenmetern und 124 Stunden im Sattel freuten sie sich riesig. (Foto: Udo Ammon)
Udo Ammon (links) und Christoph Mößner hatten den Ätna als Ziel. Nach 2610 Kilometern inklusive Abstechern, 18.500 Höhenmetern und 124 Stunden im Sattel freuten sie sich riesig. (Foto: Udo Ammon)
Udo Ammon (links) und Christoph Mößner hatten den Ätna als Ziel. Nach 2610 Kilometern inklusive Abstechern, 18.500 Höhenmetern und 124 Stunden im Sattel freuten sie sich riesig. (Foto: Udo Ammon)

Spätestens zum 60. Geburtstag wollte sich Udo Ammon einen lange gehegten Traum erfüllen. Da es heuer soweit ist, tat er sich mit seinem Freund Christoph Mößner (46) zusammen. Bis an eine europäische Außengrenze wollte man radeln. Die Wettervorhersage bestimmte es – aus drei Zielen wählte man Sizilien aus.

Der Birnbaumer Ammon und der Göttelhöfer Mößner kennen sich schon seit 20 Jahren. Noch zehn Jahre länger fahren sie mit Begeisterung Fahrrad und treiben anderen Sport. Beide sind Ironmen („Eisenmänner“), das heißt: 3,8 Kilometer Schwimmen, 42,195 Kilometer Laufen und 180 Kilometer Fahrradfahren haben sie schon am Stück geschafft. Mit dem Extremsport verbinden die beiden zudem wichtige Abschnitte in ihrem Leben: 1999 hatte Mößner den Ironman auf Hawaii absolviert – und seine Frau dort geheiratet. Ammon legte 2003 nach – und sein Sohn kam die Woche zuvor auf die Welt, so dass er „einfach glücklich“ startete und ebenfalls ein „Finisher“ wurde, einer, der das schwierigste Rennen der Welt bewältigt hat.

„Jetzt oder nie” nach Sizilien

Ende vorigen Jahres fragte Ammon seinen Freund Christoph: „Machst du wieder einmal etwas Verrücktes?“ Natürlich. Die Idee einer langen Radfahrt war schnell geboren und irgendwie stand der Gedanke „Jetzt oder nie“ im Raum.

Was man an Ausrüstung braucht, wie viel Kalorien sowie Magnesium und Wasser man täglich zu sich nehmen muss, das wussten sie aus Erfahrung. Auch hatte sich das gemeinsame Radfahren über Jahrzehnte schon perfekt eingespielt. Am 18. Juni sollte es losgehen, am 20. Juli war man wieder zurück. Dazwischen lagen 32 ereignisreiche Tage. Etwa die Hälfte verbrachten die beiden im Sattel. Pro Tag legten sie durchschnittlich 143 Kilometer zurück, schoben angesichts der Hitze aber auch etliche Badetage ein.

Nach vier Tagen über Donauwörth, Füssen und Pfunds am Fuß des Reschenpasses erreichte das Duo den Kalterer See in Südtirol. „Die ersten 1000 Kilometer waren Hardcore“, erinnert sich Mößner. Schließlich war nebst Eigengewicht noch ein mit 40 Kilogramm beladenes Fahrrad über die Berge zu lenken. Aber: „Man gewöhnt sich daran.“

Das könnte Sie auch interessieren
Was das „Grenzhäusla” bei Schillingsfürst und Dombühl mit Radfahren zu tun hatSichere Mobilität: In Neuendettelsau startet ein VerkehrsversuchDrei Baustellen an einem Ort: Straße zwischen Herrieden und Rauenzell gesperrtPläne der Verkehrswacht Dinkelsbühl: Mehr Fahrradfreundlichkeit in der RegionFünf Tipps, um sicher mit dem Rad durch den Winter zu kommenGefährliche Strecke an der A6 bei Petersaurach: Radweg auf Brücke wäre zu teuerAktion in Stadt und Land Ansbach „Mit dem Rad zur Arbeit”: Geradelt und gewonnen„Bis es nicht mehr geht”: Diese Fahrrad-Pendler trotzen Wind und WetterAuszeichnung für Mountainbike-Projekt: P-Seminar-Preis für Gymnasium FeuchtwangenIm Rezattal bei Ansbach wächst eine neue Allee mit 33 BäumenRot auf der Fahrbahn soll Radelnde in Neustadt schützenEine Ansbacherin auf Radreise in Spanien: Auf den Spuren eines Kaisers unterwegs„Unvergessliches Erlebnis”: Vom Uttenhöfer Handwerker zum Ironman in NizzaBeim 12. BärenlochBike in Herrieden gewinnt erneut Michael Schmidt das HauptrennenStreit um Radwegfinanzierung: Burgoberbach und Herrieden finden keine Einigung

Am Gardasee entlang und im Gegenwind

Nach einer Woche fuhren sie in Lazise am Gardasee ein. Weiter ging es über die Po-Ebene mit ihren Süd-Gegenwinden täglich ab 14 Uhr, die sie zu Frühaufstehern werden ließen, um bald am Etappenziel anzukommen.

Anschließend steuerten beide die Ostküste des Stiefels entlang. Die Westseite Italiens – der 1500 Kilometer lange Apennin – wäre deutlich zu bergig gewesen.

Man erreichte Ravenna und stoppte auf halbem Weg Richtung Rimini in Cesenatico, wo „Il pirata“ – der Fahrrennradfahrer Marco Pantani – begraben liegt, bekannt durch seine Piratenkopftücher. Dieser hatte 1998 die Tour die France und den Giro d’Italia gewonnen.

Ziemlich geradeaus fuhren sie weiter über Ancona und Pescara, bis das Duo die Gegend um Bari erreichte. Freundlich waren die Menschen allerorten, boten ihnen oft sichere Unterkünfte unter freiem Himmel – es war ja so heiß, dass man es im Zelt kaum ausgehalten habe – und kühles Wasser an. Ab und an rannten die beiden im Raddress in einen See, um sich kurz zu erfrischen. Zitronen wurden unterwegs aufgeklaubt – Vitamin C sei wichtig angesichts der Temperaturen. Leider war auch der Müll ein ständiger Begleiter in Süditalien; ebenso auf Sizilien. Beeindruckt waren sie vom kristallklaren Wasser, den Hafenstädtchen, wo noch der Cinquecento, der Roller und die Kirche im Dorf das Bild perfekt machen.

Das Navi lenkte gerne mal ins Nirgendwo

Ab Bari hieß es: aufpassen. Ein gefährlicher Straßenverkehr, Irrfahrten aufgrund Fehlanweisungen des Navis – man fand sich häufig mitten im Nirgendwo wieder – und zunehmend auch mehr Wachhunde machten das Radeln schwieriger.

Doch schließlich erreichten die beiden St. Giovanni und setzten von dort nach Messina in Sizilien über. Ihre Waden waren bisher 2200 Kilometer gestrampelt. Endlich hatten sie ihr Ziel vor Augen: den Ätna. Bis auf 1400 Meter radelten sie den 3000 Meter hohen Vulkan hinauf – mehr ist nicht gestattet.

In der allerletzten Woche erlebten Christoph und Udo noch einen Rekord: Das am stehenden Fahrrad angebrachte Thermometer zeigte in der prallen Sonne 59 Grad Celsius. „Heute fahren wir nicht“, beschlossen sie.

Jedes Meer war irgendwie anders

Unterwegs sahen sie viel Photovoltaik und kleine Turbinen auf den Dächern zur Stromerzeugung. Sie badeten in der Adria, im Tyrrhenischen- und im Ionischen Meer – jedes war anders und toll. Auch die vielen Frischeläden – Fisch, Obst, Gemüse – auf Sizilien beeindruckten die beiden Franken, die sich an viele Begegnungen erinnern. Die Offenheit und Toleranz der Menschen haben ihnen gefallen, zumal viele darunter waren, die von der Hand in den Mund lebten. Aber auch hermetisch abgeriegelte Häuser und scharfe Hunde gegen Einbrecher hätten sie vorgefunden: „Die haben andere Probleme als wir.“

Nach 2610 Kilometern inklusive einiger Umwege (2363 wäre der direkte Weg gewesen), 18.500 Höhenmetern und 125 Stunden im Sattel kehrte das Duo mit dem Flixbus zurück. Die längste Tagesetappe betrug 175 Kilometer. Beide nahmen täglich jeweils zwischen sechs und neun Litern Flüssigkeit zu sich; die höchste gemessene Lufttemperatur auf den Etappen lag bei 47 Grad.

Für nächstes Jahr haben Christoph Mößner und Udo Ammon bereits ein Wunschziel auserkoren: das Nordkap. Mal sehen, was das Wetter dann macht.

north