Die Tür zum Katzenzimmer des Neustädter Tierheims in Unternesselbach öffnet sich und jeder Tierfreund schmilzt dahin: Neugierig kommen fünf Kätzchen angesaust, beschnuppern die Besucherinnen und Besucher und beginnen, sich anzuschmiegen.
„Wenn Kitten zu uns kommen, gewöhnen wir sie sofort an Menschen und schmusen viel. So sind sie besonders zahm und leichter zu vermitteln. Übrig bleiben am ehesten die schwarzen Tiere”, erzählt Sylvia Munkert, eine der ehrenamtlichen Katzenmamas. Hier, im Katzenhaus des Tierheims, werden die Vierbeiner liebevoll versorgt.
Doch außerhalb dieser Schutzräume, oft im Verborgenen, aber gar nicht weit von uns entfernt, meint es das Schicksal oft weit weniger gut. Herrenlose Streunerkatzen sind Krankheiten oft schutzlos ausgeliefert. FIV (Felines Immundefizienz-Virus), umgangssprachlich auch „Katzen-AIDS” genannt, der harmlos klingende, aber oftmals verheerende „Katzenschnupfen”, ausgelöst durch Viren und Bakterien, Endo- und Ektoparasiten, die schon im Mutterleid das Katzenbaby infizieren können, und auch Zecken – all dies sorgt für massives Leid der Tiere.
„Das Katzenleid ist für uns nicht sichtbar, weil sich die kranken Tiere zurückziehen. Oft sind es Zufallsfunde, wenn wir beispielsweise eine Scheune oder einen Hof von Amts wegen räumen müssen, weil Nachbarn dort Katzen gesichtet haben. Das Ausmaß wird uns dann erst klar, wenn wir verletzte, kranke und schon skelettierte Tiere in Massen auf den Höfen finden”, erklärt Wolfgang Bläsing, Vorsitzender des Tierschutzvereins Neustadt und Umgebung.
„Wir beobachten in letzter Zeit gehäuft, dass es mehr und mehr Streunerkatzen gibt. Deshalb haben wir uns schon vor Jahren dazu entschlossen, uns dem „Projekt Kitty” anzuschließen”, so Bläsing weiter. Das im Jahr 2002 von aktion tier e.V. ins Leben gerufene „Projekt Kitty“ ist nach eigenen Angaben das erfolgreichste Straßen-Katzenhilfsprojekt in Deutschland. Kastration, tiermedizinische Versorgung und kontrollierte Fütterung sind wesentliche Bestandteile des Hilfsprojektes.
„Doch es scheint ein Kampf gegen Windmühlen. Da wir keine Kapazität haben, die Streunerkatzen intensiv zu beobachten oder nachzuverfolgen, können wir kaum Erfolge verzeichnen”, sagt Bläsing. „Eine entsprechende Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für private Hauskatzen mit Freigang, wie sie in Paderborn als erste Stadt Deutschlands eingeführt wurde, wäre eine gute Lösung. „
Aber: „Die Hotspots von Überpopulation und dem damit verbundenen Katzenleid müssen mit reichlich Daten nachgewiesen werden. Das können wir derzeit personell und finanziell nicht leisten”, seufzt Bläsing.
„Ohne die Fürsorge von Menschen ist ein Katzenleben oft qualvoll und sehr kurz. Daher sollten Katzen nur in menschlicher Obhut geboren werden.”, davon ist der deutsche Tierschutzbund überzeugt und führt die Gründe für diese These in seinem großen Katzenschutzreport aus.
„Schätzungen zufolge leben rund zwei Millionen Straßenkatzen in Deutschland. Allerdings gibt es bisher keine genauen wissenschaftlichen Berechnungen. Das liegt daran, dass diese oft nur wenige Monate alt werdenden Tiere in der Regel sehr scheu sind und den Menschen meiden. Eine bundesweite Zählung ist daher unmöglich. Der Deutsche Tierschutzbund hat dennoch im Rahmen seiner Umfrage bei den angeschlossenen Tierschutzvereinen viele Erkenntnisse zu Straßenkatzen gewonnen, die den großen Handlungsbedarf unterstreichen.”
Im Katzenschutzreport werden auch diejenigen Gemeinden aufgelistet, die bereits eine Kastrationspflicht auf Basis des Paragrafen 13b im Tierschutzgesetz erlassen haben. In Bayern sind bislang Pfaffenhofen an der Ilm, Aschaffenburg oder auch die Stadt Würzburg aufgeführt - gerade mal 0,29 Prozent der Kommunen. Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen wies im Januar 2024 einen Prozentsatz von 78,79 Prozent auf.
Der Deutsche Tierschutzbund meint dazu: „Bayern gehört zu den Bundesländern, die hinsichtlich der Anzahl an Gemeinden mit Katzenschutzverordnungen bzw. Kastrationspflichten für Freigängerkatzen ganz unten auf der Liste stehen. Ein Grund dafür: Die Ermächtigung zum Erlass von Katzenschutzverordnungen hat Bayern auf seine Kreisverwaltungsbehörden übertragen. Das heißt, in Bayern sind nur die Landkreise und kreisfreien Städte in der Lage, Katzenschutzverordnungen zu erlassen – nicht die Gemeinden selbst.”
„Anfang des Jahres 2024 fand auf Wunsch der ansässigen Tierheime zu der Thematik eine Unterredung mit dem hiesigen Veterinäramt statt. Man verständigte sich darauf, dass die Tierheime Daten erheben und dem hiesigen Veterinäramt zuleiten. Ebenso wurden die Gemeinden darum gebeten, Beschwerden über Katzenprobleme in ihrem Zuständigkeitsbereich an das Veterinäramt zu melden. Nach der Handreichung des Staatsministeriums muss vor Erlass einer Katzenschutzverordnung der Bedarf über einen mehrjährigen Zeitraum dokumentiert werden, da die Katzenschutzverordnung unstrittig einschneidende Eingriffe für Katzenhalter bedeuten würden.” antwortet die Pressestelle des Landratsamtes auf die Nachfrage, weshalb es im Landkreis keine Katzenschutzverordnung gibt.
„Bundesweite Kastration – der einzige Weg aus dem Elend”, lautet hingegen die Devise des Deutschen Tierschutzbundes. „Wir fordern schon lange eine bundesweite Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht für Katzen mit unkontrolliertem Freigang. Zusätzlich eine hinreichende Finanzierung von Tierschutzvereinen und Tierheimen, die Kastrationen sowie tiermedizinische und allgemeine Versorgungen frei lebender Katzen gewährleistet.”
„Wir möchten alles dafür tun, dass auch hier eine Katzenschutzverordnung in Kraft tritt. Mit den Veterinärämtern ist die Zusammenarbeit gut, doch politisch stehen wir vor verschlossenen Toren”, sagt Wolfgang Bläsing dazu. „So bleibt uns nur, jeder einzelnen Streunerkatze nach und nach zu helfen und an die Besitzer mit Freigänger-Katzen zu appellieren, ihre Katzen kastrieren zu lassen”.
Die Stadt Würzburg hat die Katzenschutzverordnung seit dem 1.Januar 2025. „Wir wollten damit eine Rechtssicherheit für die Ehrenamtlichen der Katzenhilfe schaffen, die bereits seit vielen Jahren die Aufgaben übernehmen. Die Daten wurden von der Katzenhilfe erfasst, dokumentiert und uns vorgelegt. Daraufhin beschlossen wir, dass die Katzenschutzverordnung angemessen ist”, erklärt Dr. Lieven Pool, Fachbereichsleiter vom Veterinärwesen der Stadt Würzburg.
„Nachhaltige Tierschutzarbeit mit dem Ziel, die Anzahl und das verbundene Leid der Streuner zu reduzieren, funktioniert nur, wenn man Katzenbesitzerinnen und -besitzer verpflichtet, ihre Freigang-Tiere zu kastrieren. Denn alle Streunerkatzen gehen auf Menschen zurück, die nicht haben kastrieren lassen”, meint Inka Sörries, zweite Vorsitzende der Katzenhilfe Würzburg auf die Frage der Redaktion, weshalb sie eine Katzenschutzverordnung anregten.
Welche Bilanz kann man in Würzburg nach dem dreiviertel Jahr ziehen? „Die Verordnung wird gut angenommen und durch die breite Masse in der Bevölkerung unterstützt”, sagt Sörries dazu: „Besonders erfreulich ist die gewissenhafte Arbeit des Veterinäramts, bei der wir immer wieder einbezogen und gehört wurden. Dadurch haben wir nun eine rechtssichere, stabile Blaupause für den Rest Unterfrankens und Bayerns.”
Nach Angaben von Wolfgang Bläsing fiel bereits im Januar bis Juli 2025 eine fünfstellige Summe an Rechnungen nur für das „Projekt Kitty” an. Daher hat das Tierheim ein eigenes Spendenkonto dafür eingerichtet: DE35 7625 1020 0221 0962 41, Kennwort: Kitty