Außen hui, innen . . . sanierungsbedürftig. So lässt sich das Gutenstettener Pfarrhaus beschreiben. Dieses zählt zu den bedeutendsten in Bayern, hat eine bewegte Vergangenheit „und ist ein echtes Schmuckstück“, sagt Pfarrer Sebastian Schultheiß. Er würde gerne darin wohnen – derzeit allerdings ist das unmöglich. Die Heizung: „eine Bombe“. Im Treppenaufgang: Bleifarbe. Abhilfe muss her.
Eine Rauchschwade verkündet den Aufenthaltsort des Pfarrers auf der Treppe des Pfarrhauses. Sebastian Schultheiß hat sich gerade seine Pfeife angesteckt. Eine kurze Begrüßung und schon startet er, der Gelände-Rundgang. Schultheiß deutet auf einen kleinen Garten, Streuobstbäume säumen ihn. „Für die Versorgung des Pfarrers.“ Auch er lässt sich hier im Herbst gerne Äpfel schmecken.
Im Haus hat er sich notdürftig ein Büro eingerichtet. Zu heimelig braucht er es sich derzeit aber noch nicht zu machen, sagt Schultheiß. „Ich habe die Annahme, dass es irgendwann mal losgeht.“ Mit einer kleinen Schönheitskur, das wird schnell deutlich, ist es hier nicht getan. Eine Sanierung würde wohl niemand als Luxus-Maßnahme ansehen. „Wir hoffen stark, dass es im Frühjahr so weit ist.“
Das Gebäude ist alt, weite Teile stammen noch aus dem Jahr 1699. „Alte, feuchte Gemäuer“, sagt Sebastian Schultheiß. So riecht es auch. Diagonale Risse durchziehen Wände, daneben sind Löcher. Kernbohrungen. Das Fachwerk ist leicht verschoben – „es ist immer Bewegung drin“, erklärt der Pfarrer. „Das Innenleben bewegt sich gegenüber der Außenhülle.“ Einsturzgefahr, betont Schultheiß mit Nachdruck, besteht aber nicht. Und schön hell ist es drinnen.
Trotzdem: Das Pfarrhaus muss angegangen werden, viele Baustellen können einfach nicht so bleiben. Der Geistliche deutet auf die Hölzer des Treppenaufgangs: „Bleiweiß“, sagt er. Immer wieder rieselt belasteter Staub. Die Ölheizung ist uralt – „älter als ich“, sagt Schultheiß. „Das ist ein bisschen beängstigend.“ Der Gutachter habe ihm gegenüber von einer „Bombe“ gesprochen. „Sie hat ihre Schuldigkeit getan“, drückt sich der Pfarrer diplomatisch aus. Eine Pelletheizung soll hier nach der Sanierung für wohlige Wärme sorgen. Die Sanitäranlagen wirken dagegen jetzt schon einigermaßen neu.
Der Dachboden ist noch echtes Schreinerhandwerk. „Der dürfte noch aus der Zeit stammen“, mutmaßt Schultheiß, „und landwirtschaftlich genutzt worden sein.“ Wohl unter anderem als Heuboden. Jeder Architekturinteressierte, der sich hierher verläuft, sei jedenfalls fasziniert von der Bauweise. Aber auch hier gelte: Schadstoffbelastung. Dieses Potpourri an Problemen erklärt, weshalb Schultheiß Asyl in einer Wohnung in Münchsteinach – auch dort ist er Pfarrer – gesucht hat. Bleifarbe und Schadstoffbelastung: Nein, seine Gesundheit muss er nicht riskieren, sagt er.
Raum für Raum werden Schultheiß und die Architektin erkunden und schauen, „was gemacht werden muss“. Eine erste mündliche Schätzung liegt bei gut einer Million Euro an Kosten. Viel Geld. Drei Viertel der Summe werden von der Kirche geschultert, hofft Schultheiß. Demnächst tagt der entscheidende Ausschuss in München, der die Zuschüsse für das Projekt freigeben muss.
Der Geistliche ist aber zuversichtlich. „Ich spüre riesigen Rückhalt aus der Gemeinde, das ist ganz wichtig.“ Damit meint er vor allem die kirchlichen Gemeindeglieder, die Jahr für Jahr bei ganztägigen Garten- und Kehraktionen freiwillig mitmachen. Ein Benefizkonzert ist geplant, die politische Gemeinde gibt 80.000 Euro dazu. „Das Pfarrhaus ist den Gutenstettenern wichtig“, erklärt Schultheiß. Das beweise das beachtliche ehrenamtliche Engagement. Weitere Mittel erhofft er sich vom Amt für Ländliche Entwicklung, vom Bezirk, vom Landkreis, aus Spenden und vom Denkmalschutz – das gesamte Ensemble steht unter selbigem.
Denn das Pfarrhaus, das auf einem Hügel thront, hat eine lange Geschichte. Sein Standort gar noch eine viel längere. Es ist bereits Pfarrhaus Nummer vier an dieser Stelle, das haben Nachforschungen von Hans-Peter Hübner, Herbert May und Klaus Raschzok ergeben, die in ihrem Buch „Evangelische Pfarrhäuser in Bayern“ Gutenstetten ein vierseitiges Kapitel gewidmet haben. Ihre Grundlagen waren Unterlagen, die der ehemalige Gutenstettener Pfarrer Italo Bacigalupo hinterlassen hat.
Vor der Tür fällt das gesamte Areal auf. Am Ende des Kirchhofs geht es durch ein kleines Türlein – direkt zur Kirche. Der Pfarrer kann also gleichsam ungesehen hindurchhuschen. Eine vollständige Dokumentation des Pfarrhofes mit all seinen Nebengebäuden liegt vor, erstellt vom einstigen Landbauamt in Windsheim aus dem Jahr 1886, heißt es in besagter Abhandlung über die evangelischen Pfarrhäuser. „Es gibt wohl nur noch wenige Pfarrhäuser, deren ökonomische Grundlage mit den dafür nötigen Wirtschaftsgebäuden sich, auch anhand des Bestandes, so gut über die Jahrhunderte verfolgen lassen.“
Ein eigener Viehstall zwischen Scheune und Haus, der ganz aus Holz gezimmert ist. „Der frei stehende Stall in Gutenstetten ist der einzige und älteste seiner Art“, schreiben Hübner, May und Raschzok. Er stammt demnach aus dem Jahr 1685. An der Westseite des Hofraums liegt die Pfarrscheune, erklärt Sebastian Schultheiß. Streng genommen handelt es sich um keine Scheune, sondern um die 1488 erbaute Martinskapelle. Früher hatte sie wohl als Beinhaus gedient, nach der Reformation war sie Pfarrscheuer, seit 1954 wird der westliche Teil davon als Leichenhaus genutzt.
Doch zurück zum prächtigen Fachwerk-Bau, zum Pfarrhaus selbst. Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Unterkunft für den Gutenstettener Geistlichen seit 1436 dort steht, wo es Pfarrhaus Nummer vier noch heute tut. Das erste Exemplar wurde laut dem Autorentrio im Jahr 1525 während des Bauernkriegs zerstört, das zweite 1632 im Dreißigjährigen Krieg. „Es galt aber schon Ende des 16. Jahrhunderts als sehr bußwürdig.“ Beim Wiederaufbau – Pfarrhaus Nummer drei – wurde gar ein bestehendes Gebäude verpflanzt: Wegen finanzieller Nöte ließ der Pfarrer das alte, nicht mehr benötigte Pfarrhaus aus Schornweisach 1655 von Zimmerleuten nach Gutenstetten versetzen. 40 Jahre später: Der Zustand des umgezogenen ehemaligen Schornweisacher Baus wird in überlieferten Quellen als „desolat“ beschrieben.
Und so entstand 1698/99 dann der Prachtbau, den wir heute noch sehen. Nun, Exemplar Nummer fünf ist zwar nicht nötig, dafür aber sozusagen Pfarrhaus Version 4.1. Schultheiß sehnt die Sanierung herbei – und freut sich: auf das Leben im Gutenstettener Pfarrhaus. Das allerdings dürfte durchaus noch zwei bis drei Jahre dauern, fürchtet er.
Wer für den Erhalt des Gutenstettener Pfarrhauses spenden will, kann das ab sofort tun – die Kirchengemeinde hat ein Konto eingerichtet: IBAN DE97760695590001816136.