„Der Unterschied, wenn wir angeritten kommen? – den sieht man nicht. Es ist höchstens so, dass die Pferde ausgeglichener wirken”, sagt Nicole Wilfinger. Sie ist die Vorsitzende des Fördervereins der Reiter mit Handicap im Dressur-Turniersport, die regelmäßig im Pferdezentrum Franken in Ansbach trainieren.
Jennifer Schlichenmayer bleibt auf ihrem Elektromobil sitzen, als sie die Stalltür öffnet. Das braune Pferd, das dahinter steht, schnuppert interessiert an ihrer Hand. Es ist ein besonderes Tier, es weicht nicht vor der Gehhilfe zurück. Es ist eines der vier Schulpferde, die das Pferdezentrum Franken den Para-Reitern zu Übungszwecken und für Shows Verfügung stellt.
Das Pferdezentrum in Ansbach ist Trainingsstützpunkt für alle Para-Dressur-Reiter, also Reiter mit Behinderungen, aus dem süddeutschen Raum und zugleich Sitz des Fördervereins für Reiter mit Handicap im Dressur-Turniersport. In Ansbach trainieren die rund 30 Mitglieder für ihren Leistungs- und Spitzensport. Es geht hier nicht um therapeutisches Reiten. Ähnlich wie im Regelsport zählt reitsportliches Können auf höchstem Niveau.
Die Menschen, die Mitglied des Fördervereins sind, kommen aus ganz Bayern. Ein paar aus Ansbach und Umgebung, andere reisen von München bis Ingolstadt an, um hier zu trainieren. „Der Standort liegt gut in der Mitte”, sagt die Vorsitzende Nicole Wilfinger. Die Mitglieder des Fördervereins der Reiter mit Handicap sind überwiegend weiblich, aktuell reitet ein Mann mit. Das Alter der Reitenden liegt zwischen 20 und 70 Jahren.
Gegründet wurde der Verein im Jahr 2003 auf Initiative von Toni Meggle. Tatsächlich dem Mann, dem das Unternehmen Meggle gehörte, das für seine Käse- und Butterprodukte bekannt ist. In den 1990er Jahren wurde der passionierte Reiter auf den Para-Pferdesport aufmerksam und hat beschlossen, diesen zu unterstützen.
Mit viel Geld hat Meggle den Stützpunkt gefördert. Die Teilnahme an Turnieren und die in Ansbach stattfindenden Lehrgänge hat er regelmäßig mit großen Beträgen gesponsort und auch den Neubau einer Reithalle für Para-Sportler inklusive Rollstuhlrampe hat er mitfinanziert.
Inzwischen hat sich Meggle als Großsponsor zurückgezogen, die Parareiter sind mit ihrem Sport auf verschiedene Geldgeber angewiesen. „Wir versuchen, uns breiter aufzustellen”, so Wilfinger.
Nicht wenige der Reitenden mit Handicap hatten Reitunfälle, zum Beispiel Stürze oder sie haben Tritte vom Pferd abbekommen. Andere hätten neurologische Schäden, körperliche Fehlbildungen oder Lähmungen, führt Nicole Wilfinger aus. Da sie ihren Sport trotz der Einschränkungen nicht aufgeben wollen, sind sie Teil der Para-Reitgruppe.
Oft können die Para-Reiter nur mit weniger Körpereinsatz und Kraft arbeiten. Ausgeglichene und wenig schreckhafte Tiere werden in diesem Bereich bevorzugt eingesetzt. „Bei uns passiert es schneller, dass wir im Dreck liegen”, sagt Nicole Wilfinger. Da die Reitenden oft nicht schnell wegspringen können, sei es von Vorteil, wenn die Pferde entspannt bleiben.
„Bei uns Para-Reitern ist es wichtig, dass wir eine Einheit mit dem Pferd sind und sich beide aufeinander verlassen können”, erklärt Nicole Wilfinger.
In Ansbach wird die Gruppe von Reitenden gut aufgenommen. Sprüche wie: „Da sind wieder die Behinderten”, gibt es im Pferdezentrum nicht, sagt Vereinsmitglied Jennifer Schlichenmayer.
Weil sie den Reitsport lieben und auch weil sie die Köpfe und Herzen der Menschen öffnen möchten, ist es den Para-Reiterinnen und Reitern wichtig, bei Turnieren und Shows aufzutreten. Noch hätten einige Veranstalter Bedenken, sie teilnehmen zu lassen. „Sie befürchten, dass wir stürzen oder unsere Pferde nicht unter Kontrolle haben. Wir gelten als Risiko”, bedauert Jennifer Schlichenmayer.
Auch gegen solche negativen Bilder reiten die Mitglieder des Fördervereins an. „Es ist zu wenig bekannt, dass es Menschen wie uns gibt und welche Schwierigkeiten wir haben.” In Sachen Inklusion sei im Reitsport noch viel zu tun.
Zuletzt waren Mitglieder des Fördervereins bei der 100-Jahrfeier des Verbands der Reit- und Fahrvereine Franken im Pferdezentrum Ansbach dabei. Bei solchen Auftritten ist es den Reiterinnen wichtig, „schöne Bilder” abzuliefern. Die Quadrille zum Beispiel soll perfekt gelingen, es soll ein Vergnügen sein für alle, die zuschauen und reiten. „Sonst ist das keine gute Werbung für den Sport”, sagt Nicole Wilfinger.
Bei der 100-Jahrfeier haben Schlichenmayer und Wilfinger ihre Pferde La Bonita und Colin zu Hause gelassen. Erstere war krank, das „Spaßpony”, wie Schlichenmayer ihr Pferd nennt, mag keine Menschenmassen. Die Para-Reiterinnen waren dankbar, dass sie auf die Schulpferde aus Ansbach zählen können.
An diesem Wochenende dürfen alle Pferde mit. Unter Anleitung von Landestrainerin Uta Härlein wird beim Herbstlehrgang im Pferdezentrum Ansbach auch mit denen gearbeitet, die sich nervlich nicht 100-prozentig im Griff haben. Ziel des Lehrgangs: mit Spaß die sportliche Leistung zu verbessern und lernen (noch ein bisschen) fester im Sattel zu sitzen.