Wenn Hannah Hunger hat, dann will sie sofort essen. Und wenn sie Bewegung braucht, ist sie kaum zum Sitzenbleiben zu bewegen. Hannah spricht nicht und muss oft gefüttert werden. Das letzte Schuljahr hat ihre Familie aber noch vor ganz andere Herausforderungen gestellt.
Hannah Miller ist 13 Jahre alt, wohnt mit ihrer Familie in Ohrenbach und besucht die Franziskusschule in Bad Windsheim, ein staatlich anerkanntes privates Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung der Lebenshilfe Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.
Sie hat einen Gendefekt, betroffen ist das Chromosom, das auch bei Autismus und Trisomie eine Rolle spielt. Mehrfach pro Monat hat sie epileptische Anfälle. „Die kommen ganz plötzlich, ohne Vorwarnung”, sagt ihre Mutter, Stefanie Miller. Man muss also permanent ein Auge auf Hannah haben.
Seit sie in der ersten Klasse ist, hat sie Unterstützung durch eine individuelle Schulbegleitung, die sich während des Unterrichts und der Pausen um sie kümmert. Denn auch wenn in einer Klasse meist nur rund zehn Kinder unterrichtet werden: Für Hannah wäre es schwierig, den Alltag dort alleine zu meistern. So wie ihr geht es vielen Kindern und Jugendlichen – nicht nur an der Franziskusschule.
Die ersten vier Jahre laufen problemlos mit einer „tollen Begleiterin”, erzählt ihre Mutter. Auch mit deren Nachfolgerin klappt es sehr gut, „Hannah hat sie heiß und innig geliebt.” Doch dann wird die Frau krank und die Situation problematisch. Denn auch die folgenden Begleiterinnen bleiben nur für kurze Zeit – bis die Millers am Ende niemanden mehr für Hannah finden und ihre Tochter zu Hause bleiben muss. Eine sehr belastende Situation für die Familie – nicht nur für die Eltern, sondern auch für Hannahs Schwestern, Karla (15) und die sechsjährige Fiona.
„Wenn man keine Schulbegleitung hat, ist das ein Problem, dann kann man den Unterricht nicht besuchen. Da steht die Schulpflicht hinten an”, erklärt Stefanie Miller. Hannah verbringt also die letzten vier Monate des Schuljahres zu Hause. „Das war eine Zerreißprobe”, sagt ihre Mutter.
Dabei hat sie noch einen Joker in der Hand: ihre Mutter, Hannahs Oma. Sie springt vormittags ein. Miller, selbst Lehrerin, löst sie mittags ab. Ihr Mann James ist Mechaniker und übernimmt am Morgen.
Er ist froh, dass er einen kulanten Chef hat. Als klar war, dass Hannah zu Hause betreut werden muss, wollte er eigentlich kündigen. Es schien unmöglich, den normalen Arbeitsalltag noch zu bewältigen. Doch sein Chef bot ihm an, Stunden zu reduzieren. Auch die Kunden sind tolerant. James' Familie ist zu weit weg, um unterstützen zu können: Sie lebt in Texas.
Es ist ein Balanceakt, bei dem nichts in Schwanken kommen, niemand ausfallen darf. Sonst bricht das Konstrukt zusammen. Gute Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter zu finden, ist nicht einfach, sagt Stefanie Miller. Direkt gegenüber der Franziskusschule hat die Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe Bayern ihren Sitz. Mit dieser Einrichtung arbeitet die Schule schon lange und gut zusammen bei der Vermittlung, sagt Christoph Langenhorst, Schulleiter der Franziskusschule.
Mittlerweile ist auch die gfi aus Ansbach mit im Boot, die Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration, die ebenfalls Schulbegleiterinnen und -begleiter vermittelt. Denn: „Der Bedarf ist gestiegen, wir haben für mehrere Schülerinnen und Schüler dringend gesucht.” Um Schulbegleiter zu werden, sind keine einheitlichen Ausbildungswege vorgeschrieben, jedoch sind pädagogische Kenntnisse und praktische Erfahrungen von Vorteil, so Langenhorst.
Oft kommen die Begleiter aus der Pflege, „viele sind Idealisten und mit viel Herzblut dabei”, sagt Stefanie Miller. Hannah mache schon deutlich, wenn ihr etwas nicht passt, aber dazu sei Feingefühl notwendig. Eine Schulbegleitung muss sich unter anderem zutrauen, ihr Medikamente zu geben, sie zu wickeln. „Das ist schon eine andere Sache als an einer Regelschule”, wo es dieses Modell ebenfalls gibt. Nachmittags besucht Hannah die angeschlossene Tagesstätte, insgesamt liegt die Betreuungszeit also bei rund 35 Stunden.
Viele Therapiemaßnahmen, die die Kinder benötigen, finden in der Schule beziehungsweise in der Tagesstätte statt. Können die Kinder nicht zur Schule, weil die Begleitung fehlt, müssen sie für diese Sitzungen extra gebracht werden. So wie Familie Miller geht es noch weiteren Familien, zum Beispiel der Familie Ehrmann. Tochter Romy braucht intensive Pflege und Unterstützung. Solange sie keine Schulbegleitung hat, widmet sich ihre Mutter ausschließlich der Pflege ihrer Tochter – nebenbei noch zu arbeiten, ist nicht möglich.
Ein bisschen etwas hat sich jedoch getan. Zu Beginn der Ferien hat Rektor Langenhorst eine gute Nachricht. „Die meisten Lücken konnten wir schließen”, freut er sich. „Viele Interessierte haben unsere Schule besucht und sich den Unterricht angesehen”, jetzt müsse natürlich die Chemie zwischen Eltern, Kind und Begleitperson noch stimmen.
Und auch für Hannah gibt es einen Lichtblick: Die Familie hat sich mittlerweile mit einer Schulbegleiterin getroffen. Wenn alles klappt, kann die Dreizehnjährige nach den Ferien im September wieder zur Schule gehen.
Langenhorst betont aber: Nach wie vor sind Schulbegleiterinnen und -begleiter dringend gesucht, der Bedarf ist groß. Und er bietet allen, die Interesse haben, an, „jederzeit Einblicke in unsere Schule zu bekommen”.
Informationen zur Tätigkeit als Schulbegleitung gibt es zum Beispiel bei der gfi www.die-gfi.de oder der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe Bayern (www.hkj-bayern.de).