Wohnungslosigkeit war lange ein Phänomen der Großstädte, doch inzwischen ist das Problem auch in mittelgroßen Städten wie Ansbach virulent. Die Zahlen steigen – so stark, dass die Ansbacher Stadtverwaltung inzwischen einen festen Mitarbeiter für die Wohnungsnotfallhilfe beschäftigt. Im Sozialausschuss gab Markus Schlötterer einen Bericht zur Lage.
„Obdachlosigkeit ist mitten unter uns, sie kann jeden von uns treffen“, machte Schlötterer den Ausschuss-Mitgliedern deutlich. Man müsse sich vom Bild des „Penners“, der mit der Schnapsflasche im Park sitzt, lösen, so Schlötterer. Der zunehmend auch vor dem Problem steht, ganzen Familien ein Obdach zu besorgen. „Die Tendenz ist steigend“, mahnte er. Es kämen immer mehr verzweifelte Menschen zu ihm, die von Wohnungslosigkeit bedroht seien. Allein im ersten Quartal 2025 hat Schlötterer zwölf Räumungsklagen begleitet.
Die blanke Statistik spricht ebenfalls eine klare Sprache: Nach der Stichtagserhebung des Statistischen Bundesamtes waren Anfang 2024 in Bayern knapp 40.000 wohnungslose Menschen in staatlichen Einrichtungen oder Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände untergebracht – ein Anstieg von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Wie sieht es in Ansbach und vergleichbaren Städten mit rund 40.000 Einwohnern aus? Hatte die amtlichen Statistiker bei der Stichtagserhebung 2023 in Ansbach 105 untergebrachte Personen gezählt, so waren es 2024 bereits 115. Zum Vergleich: Im ähnlich großen Neumarkt in der Oberpfalz waren es im vergangenen Jahr 60 Menschen und im Jahr davor 25. Ganz anders das Bild in Schwabach, mit ebenfalls rund 40.000 Einwohnern: Hier zählte man im vergangenen Jahr 295 untergebrachte Menschen (Vorjahr 290).
Markus Schlötterer hatte ganz frische Zahlen vom Stichtag 31. Januar 2025 von den städtischen Einrichtungen dabei. Demnach ist die Notschlafstelle Herberge zur Heimat gut ausgelastet. Hier sind die 14 Schlafplätze regelmäßig mit acht bis zwölf Menschen belegt. Der neu geschaffene Tagesaufenthalt gleich nebenan werde von bis zu elf Gästen täglich frequentiert, so Schlötterer. So mancher, der morgens die Herberge zur Heimat verlassen müsse, komme gleich ein paar Meter weiter im Tagesaufenthalt unter. Die Zusammenarbeit mit der Wärmestube der Diakonie in der Karolinenstraße laufe gut, sodass alle Wochentage abgedeckt seien.
Von den zwölf Schlichtwohnungen am Haldenweg seien acht zurzeit belegt. Im städtischen Unterkunftshaus in der Knebelstraße seien noch zwei Wohnungen bewohnt. Die restlichen Wohnungen im Haus sind nicht bewohnbar. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Osa-Druck in der Draisstraße gibt es neben der Asylbewerber-Unterkunft auch sechs Wohnungen, in denen elf Einzelbewohner und zwei Familien leben. In der ehemaligen Hausmeisterwohnung des Theresien-Gymnasiums ist eine Familie mit drei Kindern untergebracht. In der vom Freistaat betriebenen Wohnanlage in der Schlesierstraße kann die Stadt Ansbach 18 Wohnungen belegen – davon ist im Moment nur eine frei.
Und dann gibt es noch die Fehlbeleger, wie sie im Amtsdeutsch genannt werden. Das sind anerkannte Asylbewerber, die weiter in den Gemeinschaftsunterkünften leben, weil sie keine Wohnung finden. Das trifft in Ansbach auf 84 anerkannte Asylbewerber zu – 29 davon sind Kinder.
Ob es stimme, dass es einzelne Wohnungslose gebe, die seit über einem Jahr täglich in der Herberge zur Heimat übernachteten, wollte ÖDP-Stadtrat Friedmann Seiler wissen. Das konnte Schlötterer bestätigen. Es sei besonders schwierig, für diesen Personenkreis eine Mietwohnung zu finden, weil diese Menschen über keine Meldeadresse verfügten. Außerdem handele es sich zum Teil um eine Klientel, dass sich nicht gerade stark bei der Wohnungsuche engagiere.
Für Empörung sorgte die Frage des AfD-Stadtrats Johannes Meier, wie hoch der Ausländeranteil unter den Wohnungslosen sei. Die SPD-Fraktion reagierte darauf im Nachgang mit einer Pressemitteilung: Diese Frage zeuge nicht nur von fehlendem sozialem Verständnis, sondern auch von einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft. „Was würde eine solche Statistik aussagen?“, heißt es wörtlich in der Mitteilung, „Würde sie darüber informieren, wie viele Jahre diese Menschen hier gearbeitet, Steuern gezahlt oder sich für unsere Gesellschaft eingebracht haben?“ Wohnungslosigkeit könne alle treffen – unabhängig von der Herkunft.