Ohne Jäger würde Chaos in der Flur herrschen: Mit ihrer wichtigen Arbeit begrenzen sie Ernteeinbußen, die Wildschweine oftmals verursachen, und verhindern die Verbreitung von Tierseuchen. Das Aufgabengebiet der Jäger ist also umfassender und bedeutender als vielen bewusst ist – Norbert Wanka, Vorsitzender des Neustädter Jägervereins, klärt auf.
„Das erste Image der Jäger breche ich gerade“, sagt Wanka und lacht. Er sitzt bei strahlendem Sonnenschein auf seiner Terrasse in Markt Erlbach, trägt ein rotes T-Shirt und Sportshorts statt der für Jäger üblichen Tarnkleidung – er ist sozusagen in Zivil unterwegs. „Man ist schließlich Jäger im Herzen und nicht nur wegen der Kleidung“, sagt Wanka – obwohl ein Jäger, zumindest laut Klischee, an Outfit, Geländewagen oder Hund erkennbar wird.
Doch zum Jägerdasein gehört viel mehr. Die Hüter der Flure setzen sich für die Natur, für heimische Tiere und Wälder ein – und das mit voller Leidenschaft. „Als Jäger hat man den Auftrag, das Wild zu hegen.“ Bedeutet: sich darum zu kümmern. „Dieser Auftrag hat immer an oberster Stelle zu stehen.“
Demnach liegt es Wanka und seinen Jagdkollegen am Herzen, einen guten Lebensraum für Wildtiere zu schaffen. Immer mehr Lebewesen fühlen sich gestört – von Spaziergängern, Hunden, Verkehrslärm oder landwirtschaftlichen Maschinen. Deshalb versuchen viele Jäger, neben der Bejagung, auch Ruhezonen im Wald und auf Wiesen für Wildtiere zu gestalten, da diese aufgrund des hohen Freizeit- und Jagddrucks vermehrt Flächen benötigen, auf denen sie in Ruhe speisen können. Dieser Druck entsteht neben den genannten Störfaktoren vor allem durch die vorgegebenen Abschusszahlen, die von den Jägern eingehalten werden müssen. Diese werden – zum Bedauern Wankas und seiner Kollegen – durch das bayerische Forstministerium aufgrund des vermeintlichen Wildverbisses stetig erhöht und vom Landratsamt durchgesetzt. Die Kreisbehörde gibt die Zahlen an die Hegeringe weiter und kontrolliert die Umsetzung. Wanka fragt sich: „Bin ich nur ,Schädlingsbekämpfer‘, oder hab ich auch noch einen Auftrag?“ Ganz klar: Letzteres.
Das Problem: Durch die ständige Unruhe der Tiere bleiben sie am Waldrand und ziehen sich zügig wieder in den Forst zurück – sie wählen die erstbeste Fressoption. Wankas Theorie: Dadurch suchen sie im Wald selbst vermehrt nach Nahrung und fressen kleine Triebe – der klassische Wildverbiss. Deshalb könne die Erhöhung der Abschusszahlen nicht die alleinige Lösung für dieses Problem sein.
Jäger suchen derzeit vermehrt das Gespräch mit Landwirten. Ihre Bitte: Wiesen nach Möglichkeit unbearbeitet stehenzulassen. So entsteht ein Unterschlupf für Hasen, Rebhühner und Bodenbrüter, beispielsweise Wiedehopfe und Kiebitze. Wanka wünscht sich deshalb eine bessere Zusammenarbeit zwischen Pächter, Waldbesitzer und Landwirten. Jäger sind also nicht nur zum Jagen da. Doch auch hinter der Jagd selbst steht freilich ein Sinn: Die Zahlen der Tiere sollen stabil gehalten und Seuchen eingedämmt werden.
Beispielsweise verbreitet der Fuchs zahlreiche Krankheiten – etwa die Räude oder Staupe. Da diese hochansteckend sind, versuchen die heimischen Jäger ihre Ausbreitung auszubremsen. Oftmals erkennen sie schon von Weitem, ob ein Fuchs befallen ist. „Wer einmal eine Räude gesehen hat, bekommt den Anblick nicht mehr aus dem Kopf. Die Tiere kratzen sich zu Tode“, sagt Wanka. Diese Krankheit überträgt sich außerdem auch auf Hunde, weshalb der Vorsitzende Wanka in seinen Revieren Informationsschilder für Hundebesitzer aufgestellt hat. Somit sorgt er auch für den Schutz von Haustieren – obwohl er das eigentlich gar nicht müsste.
Aber die Jagd, vor allem auf Schwarzwild, hat noch eine andere Bedeutung – wie derzeit auf so manchem Maisfeld zu erkennen ist. Denn Wildschweine plündern gerne ganze Maisfelder, „sie wüten dort wie wild“, sagt Wanka. Die Schäden: enorm. Deshalb laufen viele Jagdpächter regelmäßig die Äcker in ihren Revieren ab, um Anzeichen auf Wildschweine frühzeitig zu erkennen. Umgegrabene Wiesen beispielsweise oder angegriffene Maisfelder. Reagieren die Jäger nicht, ist die Ernte des Landwirts – die derzeit ohnehin bisweilen schlecht ausfällt – in Gefahr. Neben Maisfeldern suchen Jäger aber auch Wiesen vor der Mahd nach Rehkitzen ab – neuerdings auch mit Drohnen. Denn im hohen Gras sind die Jungtiere mit bloßem Auge nicht erkennbar. So soll der Mähwerkstod verhindert werden. Sobald der Jäger ein Kitz entdeckt, bringt er es in Sicherheit.
Zudem liegt auch der Schutz weiterer heimischer Tierarten – wie dem Aischgründer Karpfen – in den Händen der Jäger. Karpfen stehen auf dem Speiseplan von Fischreihern und Kormoranen. Für Letzteren gibt es deshalb in der Region eine Sondergenehmigung für die Bejagung.
Auch die Population von Singvögeln ist aufgrund von gebietsfremden Tieren – auch Neozoen genannt – wie Marderhund und Waschbär gefährdet. Auch Krähen und Elstern stellen ein Problem dar. Da die Anzahl der Vögel stetig sinkt, müssen ihre Angreifer vermehrt geschossen werden. Von Jägern.
Doch nicht nur um lebende Tiere kümmern sich die Waldhüter, sagt Wanka. Auch das Aufsammeln von Kadavern – die Tiere kommen vor allem durch Wildunfälle um – erledigen sie, obwohl es keine explizite Jägerpflicht ist. Und diese Aufgabe ist auch nicht ungefährlich – vor allem wegen rücksichtsloser Autofahrer.
„Wenn nachts das Telefon klingelt und die Polizei dran ist, kriegt man jedes Mal Panik, ob etwas mit der Familie ist“, sagt Wanka. Doch meist handelt es sich um Wildunfälle. Damit das tote Tier zügig von der Straße kommt, muss Wanka ausrücken: „Ich muss mich mit meinem Hund oft auf stark befahrene Straßen begeben. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Jagdhund vom Auto erwischt wird.“ Dennoch lassen sie sich nicht beirren.
Auch verletzte Tiere, die nach einem Unfall wieder in den Wald geflüchtet sind, werden von ihnen gesucht und – falls nötig – von ihren Schmerzen erlöst. All das freiwillig und in der Freizeit, auch nachts. Hinter dem Jägerdasein steckt also viel mehr, als vielen bewusst ist. „Es ist kein Hobby, es ist eine Passion.“