Neustadt: Das steckt hinter dem Landratskandidaten der Grünen | FLZ.de

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Veröffentlicht am 13.05.2024 10:00

Neustadt: Das steckt hinter dem Landratskandidaten der Grünen

Uwe Kekeritz im Arbeitszimmer seines Hauses im Uffenheimer Ortsteil Custenlohr: Die Weltkarte an der Wand könnte im Falle seiner Wahl durch eine Landkreiskarte ersetzt werden. (Foto: Martin Weidt)
Uwe Kekeritz im Arbeitszimmer seines Hauses im Uffenheimer Ortsteil Custenlohr: Die Weltkarte an der Wand könnte im Falle seiner Wahl durch eine Landkreiskarte ersetzt werden. (Foto: Martin Weidt)
Uwe Kekeritz im Arbeitszimmer seines Hauses im Uffenheimer Ortsteil Custenlohr: Die Weltkarte an der Wand könnte im Falle seiner Wahl durch eine Landkreiskarte ersetzt werden. (Foto: Martin Weidt)

Wünsche? „Ich fühle mich gesund, ich bin agil und ich habe meinen Humor. Und das soll so bleiben.“ All das wird Uwe Kekeritz auch brauchen, sollte er am 9. Juni zum Landrat und zum Nachfolger von Helmut Weiß gewählt werden. Der 70-Jährige geht für Bündnis90/Die Grünen ins Rennen.

Er ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Bewerber, dieser Uwe Kekeritz, Vater zweier Kinder, zweifacher Großvater, „der dritte Enkel ist unterwegs“. Sein Haus im Uffenheimer Ortsteil Custenlohr hat er 1995 gebaut, damals noch mit seiner Gattin, von der er seit mittlerweile mehr als 20 Jahren geschieden ist. Niedrig sind hier die Decken, die frei liegenden Balken sind nicht immer ganz gerade, aber „sie sind in gutem Zustand – und das ist das Wichtigste“.

Der Inneneinrichtung gelingt der Spagat zwischen gemütlich und zeitlos modern. Früher habe das Haus einem Schmied gehört und es umzubauen, nach den eigenen Wünschen zu gestalten, das sei „Schwerstarbeit“ gewesen. „Sie sollten nicht glauben, wie viele Metallreste der hier überall eingebaut hat. Das Zeug wieder rauszubekommen, das war... puuh.“


Ich hab mich immer wieder eingemischt.

Uwe Kekeritz

Alles hätten seine Ex-Frau und er damals selbst machen müssen. Denn: „Wir hatten wenig Geld.“ Dem Haus sind die Mühen heute nicht mehr anzusehen – schmuck ist es von außen, praktisch und bequem ist es innen. Vor der Haustür lädt ein E-Auto auf.

Im Allgäu ist er aufgewachsen, in Nürnberg und London hat er Volkswirtschaft studiert. Zwei Jahre hat er danach in Kamerun verbracht, hat seine Frau begleitet, die damals als Entwicklungshelferin gearbeitet hat, hat sich selbst an einer Schule dort als pädagogischer Berater eingebracht, Mathematik unterrichtet. Das Land, der Kontinent haben ihn nie mehr so ganz losgelassen, waren für ihn eine Basis für seine spätere Tätigkeit als Politiker.

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Vorsitzender der bayerischen Grünen wurde Kekeritz nicht

Nach der Rückkehr nach Deutschland in den frühen 1990er Jahren arbeitete seine Frau als Beamtin beim Landwirtschaftsamt, er profilierte sich als EDV-Berater bei der Eingliederung von Langzeitarbeitslosen, näherte sich über den Bund Naturschutz und den Landesbund für Vogelschutz immer mehr den Grünen an. 1996 wurde er in den Kreistag gewählt – Umweltschutz und Frieden, das habe ihn am meisten bewegt.

„Ich hab mich immer wieder eingemischt“, erzählt Uwe Kekeritz, „ich wollte sogar Vorsitzender der bayerischen Grünen werden.“ Das hat seinerzeit nicht geklappt, heute ist er froh darüber. „Mit so einem Riesenapparat wäre ich damals nicht zurecht gekommen.“ Stattdessen wurde er 2009 in den Bundestag gewählt – von Listenplatz 6 kam er auf Platz 4 nach vorne, das reichte fürs Mandat.


Es dauert lange, bis man vernetzt ist.

Uwe Kekeritz

In Berlin erwartete den mittelfränkischen Allgäuer mit afrikanischer Prägung zunächst eine Art Kulturschock. „Wenn man so allein durch diese ewigen Gänge läuft, dann hat man nicht das Gefühl, dass man irgendeine politische Wirkung erzielt“, erinnert er sich: „Es dauert lange, bis man vernetzt ist.“

Nach und nach klappte es dann aber doch: In der Fraktion fand er „Leute, die ich geschätzt habe, mit denen ich auf einer Wellenlänge war“. Das Wort „Freunde“ vermeidet er, denn im Berliner Politik-Alltag geht es „für alle auch immer darum, sich selbst zu profilieren“.


Unser Wohlstand stammt zum großen Teil aus diesen Ländern.

Uwe Kekeritz

Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Nationen hatte es dem studierten Volkswirt angetan, wobei er feststellen musste, dass es dieses Thema eigentlich nur im Zusammenhang mit den USA, mit China, mit Japan gab. „Ghana oder Kenia oder irgendein anderes Land in Afrika – das kam nicht vor, da gab es nichts.“

Landratswahl in Neustadt

Die Kandidatin und Kandidaten

Am 9. Juni treten im Kampf um die Nachfolge von Landrat Helmut Weiß (CSU) drei Personen an. Die FLZ stellt alle in jeweiligen Kandidatenporträts vor.

Der Weg zur Entwicklungshilfe war für ihn somit vorgezeichnet, denn „man darf nicht vergessen: Unser Wohlstand stammt über billige Rohstoffe zu einem großen Teil aus diesen Ländern.“ Menschenrechte und Bildung, der Kampf gegen den Hunger, gegen Kinderarbeit, Krankheiten, die Themen Krieg, Flucht, Migration – all das kam schnell hinzu.

„Ich konnte es mir damals eigentlich raussuchen, da hat sich bei uns kein anderer darum gerissen.“ Er wurde Vorsitzender des Unterausschusses „Gesundheit in Entwicklungsländern“, später Sprecher und Obmann im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Afrika sollte mehr als Partner wahrgenommen werden

Er sorgte dafür, dass Afrika auf der politischen Landkarte weniger als Armenhaus, sondern immer häufiger als Partner wahrgenommen wurde, doch über den Erfolg seiner Mühen macht er sich heute keine Illusionen mehr: „Ja, es wurde einiges erreicht, aber vieles auch durch die Interessen der Großindustrie konterkariert.

Es gab landwirtschaftliche Projekte auf biologischer Basis, wunderbar nachhaltig, ein Segen für die Menschen dort, aber oft halt auch nur Nischenprodukte. Und dann kommt ein europäischer Großkonzern und errichtet einen Betrieb auf über 100.000 Hektar mit exzessiver Bewässerung, massiv verbunden mit Vertreibung der Menschen, mit Umweltschäden.“

Das Fazit zur Entwicklungspolitik, nach seinen Jahren im Bundestag, die 2021 nach drei Legislaturperioden zu Ende gingen, fällt gemischt aus: „Entwicklungspolitik muss mehr auf Selbstständigkeit der Menschen dort umgestellt werden, aber noch ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von Europa und anderen Industrienationen einfach zu groß.“

Windkraft ist ein wichtiges Thema für ihn

Entwicklungshilfe wird er im Landkreis im Falle seiner Wahl kaum leisten müssen, ein paar Entwicklungen würde er dennoch gerne anschieben. In seiner Allgäuer Heimat kennt er eine Gemeinde, die hat schon ab 2005 ganz und gar auf erneuerbare Energien gesetzt und „verdient damit jetzt ein Schweinegeld. Wir haben die Entwicklung hier verschlafen.“ Argumente gegen Windräder kennt er zwar, Verständnis dafür hat er nicht.

„Wenn ich vor so einer Windkraftanlage stehe und lausche, dann ist der Wind ganz sicher lauter als die Rotoren.“ Er steht für eine konsequente Bestückung der Dachflächen mit PV-Anlagen, will Denkmalschutzbelange hintanstellen, spricht bei Freiflächen-Photovoltaikanlagen davon, dass man diese „zur Not auch wieder abbauen kann“ und dass unter den Modulen „mehr Diversität als anderswo möglich ist“.

Schach und Radfahren prägen seine Freizeit

Der passionierte Schachspieler und leidenschaftliche Radfahrer ist zufrieden mit dem Radwegenetz im Landkreis und wenn er über den ehemaligen Landtagsabgeordneten Hans Herold (CSU) spricht, gerät er geradezu ins Schwärmen. Wie dieser sich für den Radwegebau stark gemacht habe – vorbildlich. Ob die beiden sich duzen, ist nicht überliefert, aber über „den Hans“ sagt Uwe Kekeritz: „Der hat mit über 50 noch super Fußball gespielt. Toll.“

Eine konsequente Wärmeplanung mit einem Schwerpunkt auf dem Aufbau regenerativer Netze, eine Ausweitung des NEA-Mobil-Angebotes auf Sonntage und täglich bis 24 Uhr – das wären für ihn erste Prioritäten im Landratsamt. Bei der Frage des Straßenausbaus steht er zur bisherigen Politik, „diese nicht kaputt gehen zu lassen, sondern regelmäßig zu unterhalten“.

Neue Straßen allerdings benötige der Landkreis nicht, was auch für Umgehungen gelte. „Natürlich gilt das Lebensrecht für Menschen, aber sinnvoller sind radikale Tempobeschränkungen innerorts, und dass man die Laster mehr auf die Autobahnen bringt – notfalls auch mit Zwang.“


Auf EU-Ebene, wo die meisten Entscheidungen getroffen werden, geht der Grünen-Einfluss gegen Null.

Uwe Kekeritz

Dass die Grünen zum Feindbild für die Landwirte geworden sind, versteht Uwe Kekeritz nicht. „Auf EU-Ebene, wo die meisten Entscheidungen getroffen werden, geht der Grünen-Einfluss gegen Null“, sagt er und versteht den Frust der Bauern über „zu viel Bürokratie für die Aktenschränke“ sehr gut.

Aber, sagt er, die meisten Regelungen, die kritisiert werden, „wurden doch von der Staatsregierung erlassen“. Auch die häufig seiner Partei angelastete Reduktion des Fleischkonsums, sagt er, sei keine grüne Idee, sondern eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Aber: „Ich werde sicher nicht auf meinen Schweinebraten verzichten.“


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
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