Gleich mehrere Abschiede, aber auch ein Neuanfang prägten die Dienstversammlung der Feuerwehr-Kommandanten im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim am Samstag. Alfred Tilz stand nach 20 Jahren als Kreisbrandrat (KBR) nicht mehr zur Verfügung. Um seine Nachfolge kam es zum Zweikampf. Nun ist klar: Der Posten bleibt in Neustadt.
Nein, zu viele Emotionen sollten es an diesem Samstagmorgen noch nicht sein, auch sollte die Versammlung keine große Abschiedsparty für Alfred Tilz werden. Die wird im Juni in geeignetem Rahmen stattfinden, wenn „groß Danke gesagt” wird, informierte Landrat Dr. Christian von Dobschütz. Trotzdem ließ es sich der Noch-Kreisbrandrat nicht nehmen, zurückzublicken und vielen Akteuren zu danken. Doch noch ist er im Amt, genau genommen bis zum 31. Mai.
Sein Rückblick umfasste aber nur 2025, nicht die gesamte „Ära Tilz”. 1806 Einsätze hatten die Feuerwehren im Landkreis zu absolvieren (im Vorjahr 2024 waren es 1759). Der Anstieg hat für Tilz mehrere Gründe. Zum einen stehen da 170 Fehlalarme, 170 Mal, bei denen „die Feuerwehr umsonst fährt”. Das müsse besser werden. Auf der anderen Seite kam „für mehr als 30 Personen jede Hilfe zu spät”. Diese hohe Zahl liege hauptsächlich an den zahlreichen Wohnungsöffnungen, zu denen die Wehren verstärkt gerufen werden, so der KBR. Nicht selten liegt dann eine Leiche schon mehrere Tage hinter der Tür.
Die Belastungsgrenzen zwischen Familie, Berufsleben, Freizeit und Feuerwehr seien nicht nur deshalb „gut ausgereizt”. 26.000 ehrenamtliche Einsatzstunden stehen landkreisweit für das Jahr 2025 auf der Uhr. Im Durchschnitt alle 4,8 Stunden rückt im Landkreis also mindestens eine der 170 Feuerwehren (ohne die beiden Werks- und die eine Betriebsfeuerwehr) aus. Pro Tag sind das fünf Einsätze. Immerhin steige die Zahl der Aktiven, derzeit seien das 5848 Feuerwehrkräfte. Und auch der Frauenanteil (675 Feuerwehrfrauen) wachse stetig, freute sich der Kreisbrandrat.
Doch diese Zahlen trügen. Denn 67 Feuerwehren im Landkreis erreichten nicht mehr die geforderte Mindeststärke. Zudem sei die Verfügbarkeit von Einsatzkräften untertags mancherorts kritisch, auch wenn sich die Gesamtsituation verbessert habe, erläuterte Tilz. Doch: „Bei 59 Feuerwehren sind während des Tages unter sechs verfügbare Einsatzkräfte vorhanden.” Somit könnten diese Wehren bei Bränden in Nachbargemeinden nicht mehr helfen, und der eigene Schutz im Ort sei teilweise nicht mehr in der zehnminütigen Rettungsfrist abgedeckt. Entsprechend appellierte Tilz, für die Feuerwehr zu werben und neue Kräfte zu gewinnen.
Das Aufgabenspektrum wandelt sich stetig, wird anspruchsvoller, wie nicht nur der Kreisbrandrat, sondern vor allem auch der Landrat betonten. Die Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen seien „immer häufiger Teil der medizinischen Erstversorgung”, um Zeit zu überbrücken, bis der Rettungsdienst oder der Notarzt eintrifft. In Uehlfeld und Burghaslach hatten sich deshalb eigens First-Responder-Einheiten gegründet.
Tilz und von Dobschütz setzen jedoch viel Hoffnung in die neue Lebensretter-App, bei der sich vor allem Menschen mit medizinischem Hintergrund registrieren sollen. Wenn in der Nachbarschaft eine Frau etwa einen Herzinfarkt erleidet, könne der Arzt, der gerade eine Straße weiter das Abendessen zubereitet, zur Hilfe eilen, weil er über die App alarmierbar ist. „Das ist ein wichtiger Baustein, der Leben retten kann”, fand von Dobschütz. 705 Ersthelferinnen und Ersthelfer seien bereits registriert, 15 Einsätze schon über die App gelaufen.
Der mit Spannung erwartete Höhepunkt der Versammlung war aber die Kreisbrandratswahl. Eigentlich war die Sache längst klar: Der Diespecker Florian Sacher, früher Kreisbrandinspektor, war schon für Tilz' Nachfolge auserkoren gewesen, musste dann aber aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen und wurde nun auch mit großem Dank aus der Landkreis-Feuerwehrführung verabschiedet.
Sein Nachfolger wurde Florian Brandt, bis dahin Neustädter Kommandant. Brandt war nun auch einer von zwei Kandidaten für den Kreisbrandratsposten, neben dem Wilhelmsdorfer Markus Stenglein. Beide betonten in ihren Vorstellungsrunden, auf Augenhöhe agieren, das Miteinander stärken und ein nahbarer KBR sein zu wollen.
Letztlich fielen 90 Stimmen auf Florian Brandt und 55 auf Markus Stenglein, der fair gratulierte. Schon zuvor hatten beide bekannt, es dem anderen zu gönnen. Denn, wie Brandt betonte: „Die Aufgaben, die auf uns zukommen, lassen keinen Platz für Nebenkriegsschauplätze.” Der Neustädter ist 38 Jahre alt, dreifacher Vater und verfügt über viel Feuerwehrerfahrung.
„Ich kenne die Feuerwehr aus vielen Blickwinkeln, angefangen in der Jugendfeuerwehr über viele Jahre als aktives Mannschaftsmitglied bis hin zu meiner Tätigkeit als Ausbilder, Gruppenführer und Kommandant.” Brandt ist gelernter Kfz- und Werkstattmeister und führt einen Kfz-Betrieb. Er dankte Alfred Tilz, schließlich habe dieser in seiner 20-jährigen Amtszeit „das Fundament” gelegt, auf dem er jetzt aufbauen könne. Der Mensch soll bei ihm im Mittelpunkt stehen, so Brandt. Er will zuhören und Brücken bauen.
Mit Noch-Kreisbrandrat Tilz tritt Ende Mai dann der aktuell zweitdienstälteste Kreisbrandrat Mittelfrankens ab, sagte der Bezirksfeuerwehrverbandsvorsitzende Holger Heller. Tilz sei schon immer ein „Mann der klaren Worte” gewesen. Kreisbrandinspektor Rüdiger Neumeister berichtete auch von so manchem Streit, der aber stets in konstruktiven Lösungen gemündet sei. „Seit 50 Jahren machen wir gemeinsame Sache”, sagte er zu Tilz. Nun auch wieder: Mit Tilz tritt auch Neumeister zum 31. Mai als Kreisbrandinspektor ab, nach Jahrzehnten im Feuerwehrdienst.
Bis 21. Mai soll die neue Kreisbrandinspektion stehen, ab dem 1. Juni übernimmt dann Florian Brandt als Kreisbrandrat. „Ich weiß, ich war nicht immer einfach”, gestand Tilz. Trotzdem sei vieles erreicht worden, „ich habe etliche Sachen durchgeboxt”. Und so endet die Ära Tilz, zumindest die Ära Alfred Tilz. Schließlich ist die gesamte Familie feuerwehrverrückt, nicht umsonst wurden die Tilz' am Freitagabend bei der Neustädter Wehr für insgesamt 100 Feuerwehr-Jahre geehrt.