Am Nahversorger „Ruck Zuck” ist nicht nur bemerkenswert, dass es von zwei jungen Frauen geleitet wird: einer 24-Jährigen und einer 21-Jährigen. Der Laden ist 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche geöffnet. Und er ist ein Zeichen für eine funktionierende „Landwirtschafts-Familie”.
Es klang zumindest bei der offiziellen Vorstellung danach. Nach Anna, Landwirtschaftsmeisterin, 24 Jahre, und Annika Winkler, 21 Jahre, angehende Landwirtschaftsmeisterin, den Betreiberinnen des „Ruck Zuck”, ergriff der Baudenbacher Bürgermeister Wolfgang Schmidt das Wort: „Ich bin der Wolfgang, gelernter Landwirt, und über 60”. Auch dass Kreisbäuerin Renate Ixmeier über das Bildungswerk des Bayerischen Bauernverbands in das Geschäft eingeladen hatte, passte zu dieser Solidarität innerhalb des Berufsstandes. Umgekehrt verkaufen die beiden jungen Frauen in Baudenbach nicht nur die Waren des eigenen Hofs in Kleinweisach, sondern auch die zahlreicher anderer Direktvermarkter.
Das eigentlich Besondere am Geschäft ist, dass er ohne Verkaufspersonal funktioniert und deshalb 24/7 geöffnet ist. Der Abend sollte dazu dienen, mögliche Berührungsängste abzubauen, die Selbstbedienungskassen erklärt zu bekommen und am besten mal selbst auszuprobieren.
Dass sich Gemeinden für die Nahversorgung engagieren, die ja eigentlich eine Sache der privaten Wirtschaft ist, ist dagegen inzwischen keine Besonderheit mehr. Trotzdem spendete der Bürgermeister seinem Gemeinderat höchstes Lob. In der Tat zeigte das Gremium durch sein fast vollzähliges Erscheinen beim Besuch der Landfrauen, dass er voll hinter dem Projekt steht.
Die Gemeinde hatte den Markt, der krankheitsbedingt von den vorigen Betreibern aufgegeben werden musste, gekauft und – die Bauhofstunden mitgerechnet – rund 80.000 Euro in die Renovierung investiert. „Das geht nur, wenn die Ratsmitglieder bereit sind, ins Risiko zu gehen und man keine Angst haben muss, dass jemand darauf wartet, dass etwas nicht funktioniert.”
Die Partnerschaft mit den Betreiberinnen sei von Anfang an vertrauensvoll gewesen. „Wir haben uns auf ihr Wort verlassen. Das gilt in der Landwirtschaft noch.” Hätte man das Geschäft mit Hilfe von Förderungen umgesetzt, hätte es viel länger gedauert und wäre teurer geworden, war Schmidt überzeugt. Das Amt für ländliche Entwicklung hätte dafür zum Beispiel erst die Einleitung eines Dorferneuerungsverfahrens vorausgesetzt, wofür locker fünf Jahre einzuplanen sind.
Die Gemeinde verlange nur eine geringe Miete, damit der Betrieb sich für die jungen Frauen lohnt. Das klappt offenbar: Anne und Annika Winkler sind sehr zufrieden mit dem Umsatz. Während der Vorstellung des Konzepts betraten weitere Kundinnen und Kunden mithilfe ihrer EC- oder Kreditkarte das Geschäft, um das zu belegen. Besonders boomt das Geschäft an Sonn- und Feiertagen.
Eine Sorge, dass sich Feierwillige im Geschäft eindecken und die Party gleich auf dem Parkplatz steigt, habe sich bisher nicht bestätigt. „Nur einmal hat ein Nachbar die Gemeinde informiert, dass spätabends einige Schlepper kamen, bei laufendem Motor eingekauft haben und sich noch laut unterhielten. Aber auch das war keine Beschwerde”, erzählt Anne Winkler. Harter Alkohol werde sowieso nicht verkauft. Aber wenn es Probleme gebe, könne man auch den Raum zu Bier und Wein, für den man sich extra ausweisen muss, sperren. Der Renner unter den Produkten im Laden ist aber ohnehin alkoholfrei: Es sind Energydrinks. Auch Fleisch und Wurst gehen sehr gut.
Eingekauft werde quer durch alle Altersschichten. Interessant für Ältere, die sich oft scheuen, ihre Pin an der Kasse einzugeben, sei die Möglichkeit, einen Gutschein zu erwerben und mit diesem einzukaufen. Das Warenwirtschaftssystem, die Scannerkasse, die Überwachung durch Kameras des Geschäfts sowie die Belieferung mit den Dingen, die über die Regionalprodukte hinaus angeboten werden, erfolgt über „mein Markt 24”, der sich auf ganz kleine Läden spezialisiert hat. Ein rund um die Uhr geöffneter Laden ist nur bis zu einer Verkaufsfläche von 150 Quadratmetern möglich.
Eine Motivation für Renate Ixmeier, auf den Baudenbacher Laden aufmerksam zu machen, war die Solidarität mit den jungen Betreiberinnen. „Man hört ja immer wieder, dass junge Leute nicht mehr arbeitswillig seien”, ergänzte auch der Bürgermeister. Anne und Annika Winkler beweisen das Gegenteil. Morgens ab 6 Uhr sieht Schmidt oft Anne Winkler, welche die Backwaren eines Ipsheimer Bäckers in Tüten verpackt und diese mit einem Strichcode versieht. Montag bis Samstag von 6.30 bis 9 Uhr sowie am Donnerstag bis 14 Uhr, wenn die Regale aufgefüllt werden, hat man gute Chancen, den Betreiberinnen persönlich zu begegnen.
Wünsche nach Sortimentserweiterungen lassen sich auf eine Tafel schreiben. So hofft Anne Winkler, dass am Donnerstag auch Kinderzahnpasta geliefert wird. Auch weitere Direktvermarkter und -vermarkterinnen könnte man ins Boot holen. Schon jetzt werden die Produkte vom Hof der Winklers (Eier, Nudeln, Sonnenblumenkerne), Milchprodukte und Eis der „Rosa Kuh”, Fleisch und Wurst von Metzgereien aus Sugenheim und Burghaslach, Linsen, regionale Erdnüsse und Chips, Öl, Eingemachtes, Apfelsaft, Bier, Wein und Wasser sowie Softgetränke aus der Region angeboten.
Und das überregionale Interesse? Bei der Einweihung des „Ruck Zuck” im Juli erschienen auch ein paar Fremde in Bürokluft. Sie kamen aus Haßfurt, einer 12.000-Einwohner-Stadt– Baudenbach hat ein Zehntel davon – die sich ebenfalls für das Baudenbacher Modell interessierten. In der Innenstadt gibt es keinen Nahversorger mehr.