Die Meinungen zur Pisa-Offensive Bayern gehen auseinander. Während sich die beiden Schulamtsdirektorinnen von Ansbach und Neustadt/Aisch-Bad-Windsheim eher zurückhalten, findet Markus Erlinger, mittelfränkischer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), deutliche Worte.
Mehr Deutsch und Mathematik, dafür weniger Musik, Kunst, Werken und Gestalten sowie Englisch in den Grundschulen. Mit der neuen Stundentafel, die ab dem Schuljahr 2024/25 gelten soll, reagiert Kultusministerin Anna Stolz mit der Pisa-Offensive Bayern auf die jüngsten Pisa-Ergebnisse. Noch nie hatten deutsche Schülerinnen und Schüler zuvor schlechter abgeschnitten.
Karoline Domröse, Schulamtsdirektorin von Ansbach, sieht in dem geschnürten Maßnahmenpaket von Bayerns Kultusministerin Stolz Chancen: „Generell finde ich die Maßnahmen gut. Außerdem ist es begrüßenswert, dass den Schulen die Stundenaufteilung selbst überlassen bleibt.“
Konkret sieht das von Stolz ins Leben gerufene Konzept vor, dass ab Herbst in allen vier Jahrgangsstufen der Grundschule jeweils eine Stunde Deutsch und in der ersten und dritten Klasse jeweils eine Stunde Mathematik hinzukommen. Um mehr Zeit für die beiden Fächer zu haben, wird Musik, Kunst sowie Werken und Gestalten in einem Fächerverbund zusammengefasst.
Dadurch wird zwar kein Fach gestrichen. Die zusätzlichen Stunden müssten aber woanders eingespart werden. Die Schulen sollen durch eine flexible Stundentafel selbst entscheiden dürfen, welche Stunden sie streichen. Vorgegeben von Bayerns Kultusministerin ist allerdings, dass die Stundenzahl bei Religion, Sport und Heimat- und Sachunterricht gleich bleiben muss.
Folglich bleiben lediglich die Fächer Musik, Kunst, Werken und Gestalten sowie Englisch, das in der Grundschule derzeit mit zwei Wochenstunden unterrichtet wird, in denen gekürzt werden darf. „Es ist absolut schade und eigentlich nicht zu akzeptieren, dass gerade die kreativen Fächer gekürzt werden. Denn die leisten einen enormen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler“, weiß Markus Erlinger, mittelfränkischer Bezirksvorsitzender des BLLV.
Im Gegensatz zu den Kreativfächern wird am Religionsunterricht, der weiterhin mit drei Stunden unterrichtet wird, nichts verändert. Das liegt vor allem an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der sich gegen die Kürzung von Religionsunterricht aussprach.
„Zu dem Thema Religion kann ich mich nicht äußern. Unabhängig davon, was meine persönliche Meinung ist“, erklärt Domröse. Während die sich eher bedeckt hält, findet Markus Erlinger deutliche Worte: „Für mich ist es schwer zu verstehen, dass ein Ministerpräsident Schnellschüsse verkündet, ohne sich mit entsprechenden Expertinnen und Experten vorher beraten zu haben, wie zum Beispiel, dass am Religionsunterricht nichts gekürzt werden darf. Sicher leistet Religion einen wichtigen Beitrag zur Werte- und Demokratieerziehung, die kreativen Fächer Musik, Kunst, Handarbeit und Werken aber eben auch.“
Brigitte Limbacher, Schulamtsdirektorin von Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, steht der Pisa-Offensive zwar positiv gegenüber, sieht aber auch einige Herausforderungen auf ihre Schulen zukommen: „Wir geraten durch diese Stunden natürlich schon mehr unter Druck. Wir haben nicht genug Fachlehrkräfte. Und es werden ja auch nicht mehr Lehrkräfte durch andere Stundenverteilungen“, erklärt Limbacher und spielt damit auf die Folgen des Lehrermangels an.
„Wenn wir das Personal hätten, dann hätten wir jetzt mehr Deutsch- und Mathestunden nicht nötig. Das vorhandene Personal reicht nicht aus, um beispielsweise zusätzliche Förderstunden zu geben. Aber rückwirkend lässt sich das nicht mehr ändern“, fügt die Schulamtsdirektorin an.
Gleichzeitig hinterfragt Limbacher auch die grundsätzliche Strategie des Maßnahmenpakets: „Die Pisa-Studie wird bei 15-Jährigen durchgeführt. Wieso fängt man dann in den Grundschulen an, etwas ändern zu wollen? Warum geht man nicht erst an die weiterführenden Schulen, wo die Schüler auch die längste Zeit ihres Schullebens verbringen?“
Weil die Pisa-Studie nur alle drei Jahre und lediglich bei 15-Jährigen durchgeführt wird, kann die nächste Studie im Jahr 2025 folglich noch gar nicht zeigen, ob das Maßnahmenpaket von Kultusministerin Anna Stolz Früchte trägt. Denn die Schüler, die für die Pisa-Studie 2025 in Frage kommen, profitieren noch nicht von der neuen Stundentafel, die bislang nur für die Grundschule gilt. „Bis die Maßnahme zum Tragen kommt, dauert es dementsprechend noch einige Jahre. Es wäre effektiver, an anderen Schularten etwas zu ändern oder zumindest sowohl in der Grundschule als auch in den weiterführenden Schulen“, kritisiert Brigitte Limbacher das Kultusministeriums.
Markus Erlinger stimmt der Schulamtsdirektorin in diesem Punkt zu: „Es wäre sicher sinnvoll, wenn entsprechende Fördermaßnahmen auch in den weiterführenden Schulen ergriffen werden, bis die Maßnahmen in den Grundschulen Wirkung zeigen.“
Kurz erklärt: Erst die Pisa-Studie 2028 kann und wird Aufschluss geben, ob sich das Bildungsniveau der Schüler aufgrund des geschnürten Maßnahmenpakets verbessert hat.