Die Schauspielerinnen Nicole Schneider, Anna Woll und Sophie Weikert standen bei den Rokoko-Festspielen an jenem Abend, an dem vieles schiefging, auf der Bühne. „Alle haben gepatzt”, sagt Nicole Schneider. „Aber wir hatten auch alle keine Chance, dass es gut wird.” Denn es gab keine einzige gemeinsame Probe mit allen rund 100 Beteiligten.
Die drei Schauspielerinnen haben sich bei der FLZ gemeldet, um aus ihrer Sicht zu schildern, warum der Rokoko-Abend nicht gelingen konnte. Dies zu verdeutlichen, ist ihnen ein großes Anliegen, weil seitens der Stadtverwaltung die Verantwortung auf das Theater Ansbach geschoben wurde. Und weil obendrein nach der missglückten Vorstellung von verschiedenen Seiten vermutet und behauptet wurde, die Profis hätten die Veranstaltung absichtlich „gecrasht”.
Diese Behauptung weisen die Schauspielerinnen mit Entrüstung zurück. Mit ihrer Berufsehre würde sich so ein Verhalten niemals vereinbaren lassen, betonen sie. Und: Warum hätten sie so etwas tun sollen? Sich selbst und das Theater ins schlechte Licht rücken?
Was war also passiert an jenem Abend? Zu wenig war passiert – in den Wochen davor. Es gab nämlich laut Nicole Schneider keine Chance für genügend gemeinsame Proben mit dem Heimatverein, den Statisten, dem Stadt- und Jugendblasorchester, der von auswärts engagierten Fechtgruppe und dem ebenfalls auswärtigen Barock-Ensemble sowie mit dem Technik-Team, das für Licht und Ton zuständig waren.
Ein paar Details nach der Schilderung der Schauspielerinnen: Bei der ersten gemeinsamen Probe von Theater, Heimatverein und Orchester im abendlichen Hofgarten gab es noch keine Bühne, kein Licht und keine Mikros. Deshalb konnte nur grob der Ablauf besprochen werden. Für die Technik war das Theater nicht zuständig, darum kümmerte sich die Stadt.
Bei der zweiten Probe fehlten noch immer die Headsets, stattdessen wurden gerade mal drei Handmikrofone aufgetrieben, die hin und her gereicht werden mussten, so die Schauspielerinnen. Zuvor entstand Wartezeit, weil der Schlüssel zum Stromkasten fehlte. Schließlich konnte nur der erste Teil bis zur Pause halbwegs geprobt werden, ehe es im Hofgarten zu dunkel wurde – es gab immer noch keine Scheinwerfer. Bei der dritten und letzten Probe am 2. Juli stand die Bühne, auch Headset-Mikros waren vorhanden – aber nach wie vor kein Licht. „Daher wurde die Probe in der Dämmerung abgebrochen”, berichtet Schneider.
Eine komplette Durchlaufprobe mit allen rund 100 Beteiligten und Licht und Ton fand nie statt. Dafür war keine Zeit, weil der Heimatverein für andere Auftritte wie etwa am Casino-Abend verpflichtet war. Mindestens eine gemeinsame Probenwoche, eher zwei Wochen wären für so eine Großveranstaltung aber erforderlich gewesen, konstatieren die Schauspielerinnen.
Die Fechtgruppe aus Passau und das Barockensemble seien erst zur Vorstellung gekommen. Wie lang deren jeweilige Szenen dauerten, wussten die Schauspielerinnen deshalb nicht. Sie wussten auch nicht, was überhaupt geplant war: dass zum Beispiel zu der historischen Fechtszene eine Einlage mit modernen Sportfechtern gehörte. Die rund 750 Zuschauer am Abend der Aufführung erlebten somit quasi den ersten Durchlauf überhaupt.
Der dann auch von Überraschungen geprägt war. Denn die Techniker hatten kaum eine Chance, die Tanzszenen richtig auszuleuchten oder Mikros rechtzeitig stummzuschalten, weil das eben alles nicht geprobt war. Und keiner auf der Bühne kannte die Zeitabläufe – zum Beispiel bei der Tanzszene mit den Lampions am späten Abend. „Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, bis die Soldaten den Tänzern die Lampions übergeben hatten. Die Schauspieler, die währenddessen auf der Bühne standen und durch den Abend führten, wurden vom Publikum fälschlicherweise als Ursache für die Panne identifiziert”, erklärt Schneider. „Das Verteilen der Lampions war nie geprobt worden, da es um diese Zeit wegen des fehlenden Lichts immer stockdunkel war.”
Solche Verzögerungen sowie verpasste Auftritte und Einsätze führten „zu riesigen Löchern, für die die darstellenden Personen auf der Bühne nichts konnten”, sagt Schneider. „Bei einem ungeprobten Abend mit Texten, die nicht der Alltagssprache entsprechen, ist es unmöglich, in so einer Situation zu improvisieren. Wir wurden immer verunsicherter, weil ganz oft nicht oder erst verzögert eintraf, was geplant war, wenn Stichworte und Musikeinsätze verpasst wurden.” Anna Woll ergänzt: „Ich hielt in meiner Hand den Ablaufplan, damit ich zumindest wusste, was als Nächstes kommen soll, um dann irgendwie wieder anzuknüpfen.”
Einen Inspizienten, der während der Aufführung den Ablauf koordinierte und zwischen Künstlern und Technikern vermittelte, habe es nicht gegeben. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung wäre er dringend nötig gewesen.
Sie möchten die verschiedenen Beteiligten nicht gegeneinander aufbringen, betonen die Schauspielerinnen. „Aber wir möchten klarstellen, dass nicht das Theater allein schuld ist. So ein Vorwurf ist nicht fair”, sagt Anna Woll. „Dass die Verantwortung auf uns abgewälzt wird, finde ich unfassbar”, meint Sophie Weikert. „Wir haben auf der Bühne versucht, zu retten, was zu retten war. Wir waren nur noch im Überlebensmodus.”
Er habe nie offiziell die künstlerische Leitung des Rokoko-Abends innegehabt, erklärt Theaterintendant Axel Krauße abschließend zu den Vorwürfen. „Das eigentliche Problem war, dass es ein Vakuum gab, wer für den Abend zuständig ist. Es hieß zuerst nur, dass das Theater etwas beisteuern soll”, so Krauße. „Es ging nicht um die Gesamtverantwortung. Das wäre auch nicht zu leisten gewesen, wie ich von Anfang an gesagt habe. Letztlich habe ich dann versucht, eine Lösung zu finden, um das Vakuum zu füllen.”