Männer, Männer und noch mehr Männer. Auf vielen Festival-Bühnen stehen kaum Frauen und Menschen anderer Geschlechter. Da machen auch Taubertal und Summer Breeze keine Ausnahme. Wollen die Veranstaltenden keine Diversität oder liegt das Problem doch eher tiefer?
Der Name einer einzigen Frau stand in diesem Jahr im Programm des Taubertal-Festivals. Der von Paula Carolina – unter mehr als 40 Musikern. Damit war sie zwar nicht die einzige Frau auf den Bühnen in Rothenburg – allerdings die einzige, mit der Werbung gemacht wurde. Paula Carolina als Quotenfrau fürs Taubertal? Die Sängerin kritisierte das selbst noch während ihres Auftritts. Als Protest holte sie deshalb „Flinta*s” auf die Bühne.
Laut Umfragen des Festivals ist Diversität auf der Bühne dem Großteil des Publikums „grundsätzlich egal”, sagt Taubertal-Pressesprecher Florian Zoll im FLZ-Gespräch. In den Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken ist das jedoch spürbar anders. „So wichtig”, finden die einen auf der Plattform Instagram das Thema. „Das Festival ist nun auf der Blacklist”, schreibt eine andere Person.
Taubertal-Sprecher Zoll wirbt um Verständnis für die Organisatoren. Ein Programm nach Wunsch zusammenzustellen, sei „nicht so einfach, wie es von Seiten der Kritik dargestellt wird”. Zunächst gelte es, Künstlerinnen oder Künstler zu finden, die „Zugkraft” haben, die den Ticketverkauf ankurbeln und die bezahlbar sind. Bekannte, beliebte Musiker müssen es sein, erklärt er.
Die sind entsprechend umkämpft. Etwa einer von zehn sage zu. „Es ist eine Mischung aus Beharrlichkeit, Vernetzung und Glück.” Erst dann komme das Wunschkonzert, Gruppen, die das Festival „aus reiner Überzeugung” buche.
Der britische Sänger Yungblud zum Beispiel, der in diesem Jahr am Sonntag in Rothenburg auftrat, wurde ein Jahr im Voraus engagiert. Dass das Taubertal 2024 Nina Chuba für sich gewinnen konnte, war ein Glücksfall. „Da hat man das so ein bisschen erahnen können. Aber, dass das passiert, was jetzt mit ihr passiert ist, das war auch nicht absehbar.” Damit meint er, dass die Sängerin jetzt so berühmt und gefragt ist – und damit auch nicht mehr buchbar für das Taubertal.
„Das Gagenniveau steigt von Jahr zu Jahr. Die weiblichen Acts werden immer gefragter. Das heißt, die werden auch immer teurer.” Es sind schlicht nicht so viele weibliche wie männliche Stars auf deutschen Musikbühnen unterwegs. „Wir sind froh, wenn wir es überhaupt schaffen, diese Art von Programm, unabhängig von Diversität, auf die Beine zu stellen.”
Im Line-up vom Weinturm Open Air in Bad Windsheim war zu erkennen, dass fast die Hälfte aller Bands weibliche Mitglieder haben. Beim Heroes Festival in Geiselwind waren 2025 immerhin sechs Künstlerinnen von insgesamt fast 50 namentlich Teil des Programms. Der prozentuale Anteil war beim Summer Breeze in Sinbronn bei Dinkelsbühl noch niedriger. Eine Band bestand komplett aus Frauen. Ansonsten zählte das Open Air eine Handvoll Gruppen mit Frontsängerin unter insgesamt mehr als 125 Bands. Von den Veranstaltenden der drei genannten Festivals antwortete lediglich Zoll auf eine FLZ-Anfrage zu dem jeweiligen männerdominierten Programm, dem Line-up.
Einen etwas höheren Anteil an Frontsängerinnen erreichte das kleinere Biberttal-Festival in Andorf im Landkreis Ansbach. Dieser liegt bei rund 15 Prozent. Noch mehr sind es beim Superbloom-Festival in München, dieses zählt 2025 etwa 33 Prozent. Das Heroes Festival an anderen Orten erreichte sogar bereits knapp 40 Prozent.
Für Florian Zoll ist das Problem vor allem dem Markt geschuldet: „Warum sind denn die Top-Acts am Ende männlich? Das liegt nicht daran, weil wir sie als Festival nicht buchen, das hat viel mit Plattenfirmen zu tun und der Branche.“
Frauen sind in der Musikindustrie strukturell benachteiligt, wie mehrere Studien belegen. Musikerinnen berichten von manipulativem und sexistischem Verhalten sowie von Knebelverträgen. Und wird eine Frau unter Vertrag genommen, erhält sie demnach meist deutlich weniger Geld. Ein Blick in die deutschen Charts zeigt, dass weit über die Hälfte der 100 Plätze von männlichen Künstlern belegt sind.
Eine Hilfe können Nachwuchs-Wettbewerbe sein. Sie können ein Karrieresprungbrett bieten, da sie die Künstlerinnen sichtbar machen.
Beim Taubertal findet alljährlich das Finale des internationalen Nachwuchs-Wettbewerbs „Emergenza” statt. Hier waren 2025 einige Frauen dabei. Die Fans wählen, wer eine Runde weiter kommt. Gitarristin Elva Kosciesza von der Band Corduroy County hatte sogar die Ehre, gemeinsam mit Yungblud zu spielen. Auch auf dem Heroes Festival gibt es einen Nachwuchs-Wettbewerb.
„Ein Thema, das mir auch sehr am Herzen liegt: Wir haben so viele Frauen wie noch nie in unserem Team. Es werden immer mehr, das ist wirklich gut und ist etwas, was unser Team nach vorne bringt”, sagt Taubertal-Mitarbeiter Zoll. Ebenso steige der Anteil an Frauen in den Teams der Künstler seit Jahren.
Was wird die Zukunft bringen? „Ich glaube, dass Festivals grundsätzlich vor großen Herausforderungen stehen“, sagt Zoll mit Blick auf die Ticketverkäufe. Er vermutet, dass „der Pool an weiblichen Acts grundsätzlich größer wird, weil sich vor allem dafür eingesetzt wird“. Das Taubertal hat bereits acht Bands aus dem Programm von 2026 veröffentlicht. Darunter sind bislang nur Männer. Paula Carolina schrieb auf Instagram: „Noch geiler wäre es, wenn ich nächstes Jahr nicht die einzige Flinta* Künstlerin auf dem Line-up wäre.”
Das Wort „Flinta*” wird als Sammelbegriff verwendet, um Menschen verschiedener Geschlechter zu bezeichnen, die nicht männlich sind. Die Buchstaben stehen für Frauen, Lesben, Inter-Personen, Nicht-binäre Personen, Trans-Personen und Agender-Personen. Das Sternchen bezieht weitere Geschlechtsidentitäten ein. Der Begriff hat seine Ursprünge in den 1970er-Jahren und entwickelte sich mit der Zeit weiter.