70 Jahre Theatergeschichte in Dinkelsbühl komprimiert in einer Ausstellung ist im Haus der Geschichte zu sehen. Bei der Vernissage wurde der kontinuierliche Aufstieg des Bühnenbetriebs in den Fokus gerückt. „Stargast” war Helga Wahrlich-Troemer, die mit Anekdoten an ihre Zeit in Dinkelsbühl erinnerte.
Mehrere über die Jahrzehnte genutzte Bühnen, fünf Intendanten, eine Vielzahl gezeigter Stücke, sehr viel bürgerschaftliches Engagement und lokalpolitische Unterstützung: Am 10. Februar 1955 ließ der damalige Bürgermeister Rudolf Schmidt die Menschen in Dinkelsbühl wissen: „Ein vielfach geäußerter Wunsch geht in Erfüllung: Ein Theater- und Kulturring ist gegründet worden.“ Dort gastierte am 14. März desselben Jahres die Württembergische Landesbühne Esslingen mit Friedrich Schillers Stück „Kabale und Liebe“. 1956 übersiedelte das einstige „Kleine Burgschauspiel“ von Rothenburg nach Dinkelsbühl.
Seitdem gibt es ununterbrochen Theater in der Stadt. Für die heutige Intendantin Jasmin Meindl und ihren Persönlichen Referenten Christian Muggenthaler war das ein guter Grund, Rückschau darauf zu halten, was in den sieben Jahrzehnten so alles passiert ist an Theatralischem.
Die beiden haben mit viel Unterstützung, unter anderem vom Theater und Kulturring und dem Haus der Geschichte Plakate, Zeitungsausschnitte, Programmheften, Interviews, Kostüme und andere historische Dokumente zusammengestellt, mit denen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Musenaufstand” eintauchen können in die Vergangenheit. Eine Selfie-Station und ein vom Landestheater produzierter Film ergänzen die Ausstellung.
Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer dokumentierte anhand von Zahlen die stetige Aufwärtsentwicklung des Theaters, das vor 19 Jahren vom damaligen Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Dr. Thomas Goppel, vom Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters zum Landestheater erhoben wurde. Ein „Titel ohne Mittel” sei das zwar, sagte der OB, aber trotzdem eine Wertschätzung für die Kulturstadt Dinkelsbühl. Die Stadt sei immerhin die kleinste in Deutschland mit einem Landestheater und nehme damit einen Kulturauftrag für die gesamte Region wahr.
Baulich habe sich seit der Beförderung zum Landestheater vieles getan, angefangen mit der überdachten Tribüne im Künßberggarten bis hin zu der ganzen Etage, die der Bühnenbetrieb erst vor Kurzem im Carl-Fortunat-Haus bezogen hat. Immer habe sich auch die Bürgerschaft finanziell für ihr Theater engagiert, rief Hammer in Erinnerung.
Der Erfolg des Theaters spiegle sich nicht zuletzt in den Besucherzahlen wider. Waren es 1986 in der Ära des Intendanten Klaus Troemer jährlich 20.000, so kamen in der letzten Spielzeit des Intendanten Peter Cahn rund 57.000 Menschen, um die Produktionen zu sehen. Der jährliche Etat sei von umgerechnet 118.000 Euro im Jahr 1986 auf heute rund 2,1 Millionen Euro gestiegen. Das jährliche Defizit des Bühnenbetriebs, das die Stadt ausgleiche, liege zwischen 600.000 und 700.000 Euro. Dennoch stelle niemand in Dinkelsbühl die Existenz des Landestheaters in Frage, so der Rathauschef.
Jasmin Meindl ist die erste Frau in der Reihe der Dinkelsbühler Intendanten. Vor ihr leiteten Erich Krempin (1956 bis 1959), Klaus Schlette (bis 1970), Klaus Troemer (bis 1997), Christian Alexander Schnell (bis 2001) und Peter Cahn (bis 2025) das Theater. Die Teilnahme mehrerer Stadträte – darunter auch Bürgermeisterin Nora Engelhard – wertete Meindl als „schönes Zeichen für die Kultur in Dinkelsbühl”. Für sie sei es am Anfang ihrer Intendanz ein „Geschenk” gewesen, sich mit der Dinkelsbühler Theatergeschichte zu befassen. Sie habe im Zuge der Recherchen viele Gespräche und Interviews geführt, die sich in der Ausstellung niederschlagen.
Rebecca Schiepek, die Vorsitzende des TKR, dankte Constanze von Esebeck, einst Schauspielerin in Dinkelsbühl, die für die Ausstellung viele Fotos zur Verfügung gestellt hat. Werner Wiedemann habe einen Beitrag zum „Musenaufstand” in den 1970er Jahren beigesteuert, als Schülerinnen und Schüler gegen die Einstellung des Theaterbetriebs protestiert hatten. Und auch das Stadtarchiv hat bei der Zusammenstellung der Exponate geholfen. Ute Heiß, die das Haus der Geschichte leitet, freute sich über die „tolle Ausstellung”, die das Museum jetzt beherberge.
Die Schauspielerin Helga Wahrlich-Troemer, die an der Seite ihres Mannes, des langjährigen Intendanten Klaus Troemer, in Dinkelsbühl gewirkt hat, ließ mit ihren Anekdoten eine Theaterepoche wieder aufleben, in der das Ensemble alles selbst gemacht hat. „Dafür gab es Rollen, Rollen, Rollen”, meinte sie. Dinkelsbühl sei die ideale Fortsetzung der Schauspielschule gewesen und habe die „absolute künstlerische Freiheit” geboten.
Die Ausstellung „Musenaufstand” ist bis 23. November im Sonderausstellungsraum des Hauses der Geschichte zu sehen. Geöffnet ist täglich von 9 bis 17 Uhr, ab 1. November von 10 bis 16 Uhr. Die Ausstellung wird ergänzt mit Arbeiten der Kostümbildnerin Elvira Freind.