Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat ein ganz besonders Feingefühl. Deshalb vertrauen sich seit langer Zeit Stars wie Usain Bolt oder Veronica Ferres dem Orthopäden an. Über den vielleicht bekanntesten Sportarzt der Welt hat der TV-Sender Sky nun eine Doku gedreht. „Müller-Wohlfahrt - Der Arzt der Champions“ gibt Einblicke in sein privates und berufliches Leben. Die Begrüßung zum Interview in seiner Praxis im Herzen Münchens fällt speziell aus.
Frage: Woher haben Sie Ihren besonderen Handschlag?
Antwort: Ich habe dafür keine wirkliche Erklärung. Er hat sich über viele, viele Jahre entwickelt. Ich habe ältere Patienten, die diesen Sportlergruß nicht erwidern konnten. Sie sind mit dem Arm ausgewichen, teilweise weil sie nicht wussten, was ich mache. Dann habe ich einfach mit meiner zweiten Hand ihren Arm gepackt und eingeschlagen.
Frage: Welche Frage stellt man Ihnen eigentlich häufiger: Warum sie mit 84 noch so blendend aussehen oder ob Sie mal kurz gucken könnten, man hätte da so was kleines Gesundheitliches?
Antwort: Beide (lacht). Für mich ist das ein Spaß, für meine Frau eher weniger. Jeder hat irgendwo ein Zipperlein und bittet, ob ich nicht schnell mal schauen oder einen Tipp geben könne. Das nimmt manchmal überhand, aber wenn ich allein bin, nehme ich das gerne an.
Frage: Sie haben Ihrer Frau von Ihrem Wechsel 1976 zum FC Bayern erstmal nichts erzählt.
Antwort: Sie war in Berlin eine bekannte Kostümbildnerin, heute ist sie Malerin und Bildhauerin, und ich habe ihr damals den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Angebot von Bayern war die Chance meines Lebens. Das war mir klar. Ich hatte mir aber gar nicht ausgemalt: Wie bringe ich das meiner Frau bei? Ohne ihr Wissen bin ich zu Bayern und habe dort per Handschlag ganz schnell einen Vertrag gemacht. Erst danach habe ich gebeichtet, was passiert ist und dass ich gerne nach München umziehen möchte. Es war schlimm. Aber wer schlägt das Angebot des FC Bayern schon aus? Ich konnte nicht anders. Sie hat es mitgemacht, war dann sehr allein, hatte zunächst keine Freundin in München, war hochschwanger, musste ihr Examen an der Hochschule der Künste in Berlin noch ablegen und ich war die ganze Zeit in der Praxis. Nicht einfach.
Frage: Hat sie Ihnen das jemals vorgehalten?
Antwort: Sie hat gemerkt, dass ich für den Beruf bestimmt bin, und wir müssten uns dem Schicksal fügen. Sie hat es verstanden - bis heute. Sie konnte mir das nicht nehmen. Aus Rücksicht und auch aus dem Begreifen meiner Begabung heraus. Sie hat gesehen: Er ist der geborene Sportarzt, er kann den Sportlern helfen. Und sie wusste: Wenn ich ihm sage, er muss aufhören, dann breche ich ihn.
Frage: Ihre Läufe auf das Spielfeld wurden zu eigenen kleinen Events während der Fußballspiele.
Antwort: Ich war als junger Mann Leichtathlet, ein guter, im Mehrkampf sogar einmal drittbester Deutscher bei den Junioren. Ich konnte also laufen. Wenn jemand verletzt liegen bleibt, hat er in aller Regel Schmerzen. Dann sehe ich es nicht ein, dass man im Bummeltrab dahinzockelt. Dann renne ich dahin so schnell wie möglich. Meine Devise: schnell hin.
Frage: Sie wurden als Wunderheiler bezeichnet und damit ein Außenseiter in der Medizin. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Antwort: Die Schulmedizin hat bei Sportverletzungen ihre Grenzen. Sie lernen in der Klinik nichts über Muskelverletzungen. Sie lernen keine Funktionstests. Sie lernen keine Palpation. Sie lernen, zu operieren. Ich habe operiert, viel operiert, gerne operiert, aber ich wusste: Ich will nicht in die Chirurgie, ich will in den Sport, in die Sportmedizin. Die orthopädische Sportmedizin gab es aber noch nicht und so war ich ein Pionier. Ich wurde der Begründer oder Mitbegründer, das kann man sehen, wie man will, der Sporttraumatologie. Ich habe dann Muskel-, Sehnen- und Wirbelsäulenbehandlungen entwickelt. Sie sind alle erfolgsorientiert. Wenn ein Patient gesagt hat: Es hat nichts gebracht. Dann wusste ich: Da mache ich nicht weiter. Ein anderer hat gesagt: Das hat mir so gutgetan. Das habe ich mir dann gemerkt und darauf aufgebaut. So habe ich meine ganze Medizin entwickelt. Reine Empirie, eine alternative Sportorthopädie.
Frage: Eine Alternative, die viel Skepsis mit sich brachte.
Antwort: Selbst Jupp Heynckes hat mir ins Gesicht gesagt: Doktor, was man sich von dir erzählt, das glaube ich alles nicht. Diese Wunderheilungen, diese Blitzheilungen in München, das kann alles nicht wahr sein. Das sei alles Hokuspokus, wurde aus anderen Vereinen kommentiert. Dann gab es aber Verletzungen, die ich habe kommen sehen, und so konnte ich auch Heynckes mit Fachwissen überzeugen.
Frage: Die Sportler sind das eine, Mediziner das andere. Kollegen haben Sie für Ihre Muskelinjektionen mit homöopathischen und biologischen Mitteln belächelt.
Antwort: Man wollte meine Existenz vernichten. Es gab in den 80er Jahren einen großen internationalen Kongress. Ich halte einen Vortrag über meine Diagnostik und Behandlung von Muskelverletzungen, anschließend gibt es ganz bissige Fragen. Der Leiter des Kongresses steht auf und sagt: Wir müssen dafür sorgen, dass man diesem Mann die Zulassung entzieht. Da stehst du dumm da. Das war der absolute Tiefpunkt.
Frage: Wie konnten Sie das abwenden?
Antwort: Zu der Zeit hatte ich schon sehr, sehr viele internationale Leistungssportler behandelt. Einer von ihnen, Stephen Roche, irischer Tour-de-France-Sieger, sagte mir: Doktor, mach dir da nichts draus, die Sportler stimmen mit den Füßen ab. Sie gehen dahin, wo ihnen geholfen wird. Wir stehen zu dir, wir, die Topsportler der Welt. Dort auf meinem Schreibtisch sind Gästebücher. Ein Patient fing damit einmal an und dann wollten auch die anderen Sportler mir eine nette Widmung schreiben. Jetzt sind zwei dicke Gästebücher voll. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen.
Frage: Ihr Behandlungszimmer ist voll von Erinnerungsstücken all dieser Topsportler.
Antwort: Usain (Bolt) fing damit an, der brachte mir aus Dankbarkeit seinen goldenen Weltrekordschuh mit und stellte ihn ins Regal. Dann bekam ich die Boxhandschuhe von Wladimir Klitschko. In das Regal kommt aber wirklich nur Gold (lacht). Silber? Das geht aus Platzgründen einfach nicht. Die Patienten freuen sich daran, ich auch. Warum soll ich all diese Stücke in einem Schrank verstecken? Jeder kann sich mitfreuen. Dort sind das Shirt und die letzte Goldmedaille von (Mondo) Duplantis von der EM in Birmingham, also noch gar nicht so lange her. Er hat mir eine Tasche übergeben und darin war das Trikot und im Trikot wiederum eingerollt die Goldmedaille.
Frage: Denken Sie über Ihr Erbe nach?
Antwort: Ich habe einen sehr tüchtigen Sohn, Kilian, er ist auf Augenhöhe mit mir, er hat es geschafft. Er hat solche außerordentlichen Fähigkeiten, mit den Händen zu diagnostizieren. Manchmal denke ich: Er ist besser als ich. Dann habe ich hier in der Praxis Kollegen, die auch sehr gut diagnostizieren können, auch mit ihren Händen, und die klugerweise genau auf meiner Linie sind. Die haben kapiert: Da ist eine Erfolgstherapie, daran sollte man nichts ändern, weil sie in mehr als 95 Prozent der Fälle erfolgreich ist.
Frage: Sind Sie selbst offen für Neues?
Antwort: Sehr. Ich musste eine Alternative zur Schulmedizin entwickeln. Die Muskeldiagnostik gab es zu meiner Anfangszeit gar nicht. Ich habe herausgefunden, dass Muskelverletzung nicht gleich Muskelverletzung ist. Damals wurde alles in einen Topf geworfen: Es handle sich immer nur um den Schweregrad, mal seien mehr, mal weniger Fasern gerissen. Nein! Es gibt funktionelle Muskelverletzungen, da muss man die Störung beseitigen, und es gibt strukturelle Muskelverletzungen, da muss eine Wunde heilen.
Frage: Wenn Sie jemanden abtasten, was sehen Sie dann?
Antwort: Ich versinke in der Anatomie. Ich sehe keine Haut. Ich sehe auch keine Faszie. Ich fühle in den Körper hinein und sehe wie in einem Anatomiebuch die Muskeln, die Trennlinien. Welcher Muskel ist es gerade? Wo verlaufen die Nerven? Das kann man ertasten. Ich mache das nur mit geschlossenen Augen. Kein Laut, keine Musik. Nichts davon. Kein Telefon. Es darf nicht gestört werden. Augen zu. Dann vertiefe ich mich in meine Fingerkuppen, dort liegen besondere Zellen, die sogenannten Spiegelzellen. Diese sind mit dem Gehirn verbunden. Das Gehirn sammelt alle Eindrücke und sagt mir dann die Diagnose. Wenn ich einmal einen Faserriss ertastet und das Gefühl gespeichert habe, kann ich es immer wieder abrufen.
Frage: Machen Sie aus Sorge um ihre Feinfühligkeit einen Bogen um die Hausarbeit?
Antwort: Ich habe vor nichts Angst (lacht). Ich mache Hausarbeiten und handwerkliche Arbeiten wie jeder andere auch. Auch mit dem Hammer.
Frage: Stars wie Veronica Ferres oder Peter Maffay loben insbesondere Ihre empathische Art bei der Behandlung.
Antwort: Im Geiste umarme ich jeden Patienten, der den Raum betritt. Ich gehe auf sie zu und sage: Komm her, ich glaube dein Problem zu kennen, ich weiß, wie ich dir helfen kann. Dann spricht man, und die Patienten öffnen sich und vertrauen mir. Die Patienten lassen mich in ihre Problemwelt schauen. Dann kommt die Ganzkörperuntersuchung. Mein Abtasten, mein Auflegen der Hände scheint etwas Besonderes an sich zu haben. Jedenfalls hat sich noch keiner darüber beschwert.
Frage: Wie halten Sie sich fit?
Antwort: Laufen, die Beine bewegen. Ich bin den ganzen Tag in Betrieb, hin und her, her und hin, immer bewegen und abends jogge ich, das heißt am liebsten mache ich Intervalltraining.
Frage: Konnten Sie einem Patienten auch mal nicht helfen?
Antwort: Ich sage jedem Patienten: Ich kann dir helfen. Immer mit der Einschränkung, dass ich aber nicht weiß, ob wir zum Ziel kommen. Aber helfen kann ich immer und wenn ich nur den passenden Arzt finde, der weiterhelfen kann, ob das ein Chirurg, ein Kardiologe, Neurologe oder Internist ist. Wenn ich sehe: Das ist kein Fall für mich, dann helfe ich, indem ich den Patienten oder die Patientin zu den Besten weiterleite. Ich habe ein tolles Netzwerk. Das ist auch ein gutes Gefühl.
Frage: Pep Guardiola sorgte 2015 für ihr vorläufiges Aus beim FC Bayern. Was würden Sie tun, wenn er Ihre Hilfe bräuchte?
Antwort: Ich würde nicht Nein sagen. Aber ich würde die Gelegenheit nutzen, um über meine Medizin zu sprechen, über meine Entwicklung und meine Erfolge, um ihn letztendlich doch zu überzeugen. Es kommen auch sehr viele Spanier zu mir. Wenn die spanische Sportmedizin so viel besser wäre, wie Guardiola meint, würde überhaupt kein spanischer Sportler zu mir kommen.
Frage: Schmerzt Sie dieses Aus noch heute?
Antwort: Ja. Man hätte mich von Vereinsseite, für den ich über 40 Jahre immer da war und auch erfolgreich war, mehr unterstützen können. Das ist nicht geschehen, nicht passiert. Die Enttäuschung war personenbezogen, ich merkte, mir hilft keiner. Aber ich hänge am Verein. Bayern-Fan bleibe ich ein Leben lang.
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