Robert Pümmerlein sitzt im ersten Geschoss seines Hauses in In Weigenheim (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim). Vor ihm steht ein kleiner Dachstuhl, der gerade gebaut wird. Er vervollständigt das detailgetreue Modell der Synagoge, die er im Maßstab 1:10 nachbaut.
„Schuld“ daran, dass er seit einem Jahr so viel Zeit in das Projekt investiert, ist sein Nachbar: Friedrich Nöth. Der hat ihm auch die Balken für den Dachstuhl des jüdischen Gotteshauses geschnitten. „Aber da ist der Modellbauer nicht ganz zufrieden“, sagt Pümmerlein und grinst verschmitzt. „Da muss er nacharbeiten.“
Mit Akribie hat er sich diesem Projekt verschrieben – erst, nachdem sich die Türen zu ein paar anderen Zimmern geöffnet haben, wird klar, dass es nicht sein einziges ist.
Dabei hat er sich davor noch gar nicht besonders mit der jüdischen Geschichte Weigenheims oder dem Synagogenbau beschäftigt. Die Nachbarn Gertraud und Friedrich Nöth waren tief in die Materie eingetaucht. Die ehemalige Synagoge des Dorfs überstand die NS-Zeit, weil sie schon zuvor verkauft worden war und als Maschinenhalle diente. Friedrich Nöth baute ein Modell des ehemaligen jüdischen Gotteshauses, bevor der Nachbar mit seiner langjährigen Modellbauerfahrung in das Thema einstieg.
Robert Pümmerlein hat schon in seiner Jugend Flugzeuge und Schiffe gebaut. „Wenn man den Bauern beim Kartoffelklauben half, gab es fünf Mark und ein Vesper“, erinnert sich der 74-Jährige an seine Kindheit in Marktbergel. Die fünf Mark trug er dann ins Modellbaugeschäft. Später war er beruflich viel unterwegs, da fehlte die Zeit.
Er baute schon ein Modell der später abgebrannten Kirche von Weigenheim. Das steht im Gemeindehaus im Maßstab 1:50. Die Synagoge war wesentlich kleiner, nur rund sieben mal zehn Meter groß. Das ermöglichte die Rekonstruktion im Maßstab 1:10.
Ein Vierteljahr, erinnert sich Pümmerlein, habe es gedauert, bevor er überhaupt mit dem Bau loslegen konnte: Eine Baubeschreibung, die Nöth in einem Archiv gefunden hatte, und zwei alte Fotos dienten als Grundlage für die Rekonstruktion. Dazu kam die Vermessung der heutigen Maschinenhalle.
An den Wänden des Modellbauzimmers hängen Aufrisse verschiedener Ansichten in Originalgröße. Solche Zeichnungen macht Pümmerlein in der Regel, bevor er mit der Arbeit loslegt.
„Viel Platz war nicht“, meint Pümmerlein über das schmucke Gotteshaus. Unten drängten sich die wenigen Stehbänke für die Männer, die Frauen saßen dagegen auf der Empore hinter einem Flechtwerk – jede einzelne Strebe von Pümmerlein zurechtgeschnitten und mit den anderen verbunden. Die Stehpulte sind an den Stirnseiten mit einem Brandkolben mit Mustern verziert worden. Über der Nische mit den Laden für die Thora-Rollen ist ein Rundfenster, durch einen Davidstern fällt das Licht von Osten in den Raum.
Da liegen noch ein paar „Steinquader“, die bemalt werden, um die markanten Ecksteine des Bauwerks zu rekonstruieren. Über die Farbgestaltung muss er sich mit seinem Nachbar sowieso noch unterhalten: Die Synagoge sei rosa gewesen, meine jener. Aber: „Ich bin farbenblind. Für mich sieht Weiß aus wie Rosa.“
Auf den ersten Blick scheint der Raum ganz erfüllt vom Bau der Synagoge zu sein. Doch da hängt auch der Riesen-Plan für den Bau eines MAN-Lasters. Unter der Steckdose ganz in der Ecke steht ein schon fast vollendetes Schnitzwerk des letzten Abendmahls, dem berühmten Gemälde Leonardo da Vincis. Denn Modellbau allein reicht dem Weigenheimer nicht: Daneben betätigt er sich noch als Holzschnitzer. Bald beginnen wieder die Volkshochschulkurse, die er besucht.
Viele seiner Modelle habe er verkauft, man müsse sich ja eher verkleinern, meint der Modellbauer bedauernd. Als er einen Einblick in ein paar andere Räume seines Hauses erlaubt, beginnt man zu ahnen, warum das seiner Frau Christl ein Anliegen ist: Eines ist voller alter Traktoren, dazu ein Panzer, verschiedene Laster. Einige mit Motor und Fernsteuerung, bei anderen lässt sich „nur“ das Licht einschalten und das typische Geräusch erzeugen.
Im Keller liegen Flugzeuge, eine Holzskulptur wird von der anderen verdeckt. Ein großer Kopf blickt buddhistisch welt-entrückt, eine barbusige, antik anmutende Statue steht vor dem Holzrelief der heutigen Weigenheimer Kirche. Eine ganze kleine Welt in einem Haus.