Wie sah Rothenburg aus, als es zur Reichsstadt erhoben wurde? Viel kleiner, soviel ist klar, aber beherrscht von einer intakten Burg. Und sonst?
Seine Bedeutung und bauliche Einmaligkeit verdankt Rothenburg einem königlichen Privileg, das die Anerkennung als Reichsstadt bedeutete. Dessen Verleihung vor 750 Jahren ist ein Anlass, den es zu feiern gilt. Wir beteiligen uns mit einer Artikelserie, die den kurvenreichen Weg der Stadt nachzeichnet: von den Ursprüngen bis zur Gegenwart.
Die Jakobskirche ist ziemlich alt. Als Rothenburg 1274 per Freiheitsprivileg „befördert“ wurde, stand sie aber noch nicht. Ihr Bau begann 1311. Auch andere markante Gebäude, die aus heutiger Sicht „gefühlt“ schon immer da waren, fehlten. Überhaupt war der Ortskern nur halb so groß wie das, was heute von Mauern umrahmt wird.
Vor einem Dreivierteljahrtausend gehörte Rothenburg zu den aufstrebenden Städten im Heiligen Römischen Reich. Diese positive Entwicklung zum Ende der Stauferzeit Mitte des 13. Jahrhunderts wurde durch die 1274 von König Rudolf von Habsburg verliehenen Sonderrechte noch einmal verstärkt. In den Folgejahrzehnten tat sich auf dem Bausektor eine ganze Menge in der Stadt. So wie Neues errichtet wurde, musste aber auch Bestehendes weichen.
Zu den wichtigsten „Immobilien“, die in der Zeit um 1274 das architektonische Renommee Rothenburgs verkörperten, um später mehr oder weniger komplett zu verschwinden, gehörte die zum Taubertal hin vorgelagerte Burg, die einer Überlieferung zufolge bei einem Erdbeben 1356 zerstört wurde.
Eine solche Naturkatastrophe hat es damals zwar tatsächlich gegeben. Das Epizentrum lag bei Basel, sodass Schäden auch in einem größeren Umkreis durchaus denkbar sind. Es sind aber Zweifel erlaubt, dass die Burg, die sich über den vorderen Teil des heutigen Burggartens erstreckte, durch den Erdstoß komplett eingestürzt ist.
Während in diesem Fall in Ermangelung von Belegen munter spekuliert werden darf, gibt es bei der Frage der Ausdehnung des Ortskerns verlässlichere Befunde. Die Siedlung des Jahres 1274 war wesentlich kleiner als die heutige Altstadt. Vom Verlauf der ersten Mauer, die laut Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger um 1200 entstand, zeugen heute noch der Weiße Turm, der Markusturm, das Mauerwerk in der Klosterküche des Museums und Reste des „Roten Tors“ bei der Johanniskirche. Nichts mehr zu sehen sei hingegen vom früheren „Blauen Tor“ in der Klingengasse und der kleinen Heuluke in der Heugasse, betont der Historiker.
Zwischen all diesen Toren habe sich die erste Stadtmauer erstreckt. Deren Verlauf sei zudem noch ablesbar am Namen Alter Stadtgraben. Der namensgebende Graben vor der Mauer sei einst zugeschüttet worden, um Häuser darauf bauen zu können. Diese erste Vorstadt sei ab 1270 entstanden, also in den Jahren vor Verleihung des Freiheitsprivilegs.
Rothenburg sei von den Gründern in staufischer Zeit „nicht am Reißbrett“ geplant worden. Aber natürlich hätten sie sich Gedanken gemacht, wie die neue Stadt aussehen sollte. Der Stadtkern sei – wie viele staufische Gründungen – ausgerichtet an einer Kreuzform, die von den Achsen Herrngasse/Hafengasse und Heugasse/Obere Schmiedgasse gebildet werde. Treffpunkt der Achsen sei der Marktplatz.
Die breite Anlage der Herrngasse spreche dafür, dass diese zunächst auch Marktzwecken gedient habe, so Huggenberger. An diese Funktion erinnere auch der Begriff „Viehmarkt“, der bis ins 20. Jahrhundert hinein für die Herrngasse geläufig gewesen sei. Der heutige Marktplatz hingegen sei zunächst vom Handelsbetrieb freigehalten worden.
Wie viele Menschen 1274 in der Stadt lebten und wie die Bevölkerungsstruktur war, lässt sich aus Mangel an Quellen nicht genau sagen. Es habe aber mit Sicherheit eine Führungsschicht aus Verwaltungspersonal und Adligen gegeben, sagt der Stadtarchivar. Aus dieser Oberschicht dürften die späteren Patrizierfamilien hervorgegangen sein.
Handwerker, Händler und Bauern, also einfachere Leute, seien selbstverständlich auch in der Stadt ansässig gewesen. Überdies hatte sich im 13. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde in der Stadt etabliert. Am Kapellenplatz sei ein Viertel mit allen nötigen öffentlichen Gebäuden wie Synagoge, Mikwe und Schule entstanden, so Huggenberger.
Mit Meir ben Baruch (1215-1293) lebte und wirkte ein berühmter Rabbiner und Talmudgelehrter in Rothenburg, als das Freiheitsprivileg verliehen wurde. Anders als später funktionierte das Zusammenleben zwischen Juden und Christen im Jahr 1274 noch, obwohl sich die Stadt im 13. Jahrhundert zunehmend zu einem Zentrum der katholischen Geistlichkeit entwickelte. Zunächst hatte sich der Johanniterorden hier niedergelassen, was ein Dokument aus dem Jahr 1227 belegt. In dessen später entstandener Klosteranlage befindet sich heute das Kriminalmuseum.
Im Jahr 1258 kam das Dominikanerinnenkloster (heute RothenburgMuseum) hinzu. In den Jahren direkt nach der Verleihung der Reichsstadtprivilegien entstanden noch das Franziskanerkloster in der Herrngasse (1281) und eine Niederlassung des Deutschen Ordens (1290). Die Klöster avancierten, wie Huggenberger betont, auch zu bedeutenden Wirtschaftsbetrieben.
Einige Klosterbauten von damals blieben erhalten und werden heute weltlich genutzt, während das religiöse Hauptwahrzeichen der heutigen Zeit, die Jakobskirche, erst Jahrzehnte später errichtet wurde.
Was genau an dieser Stelle im Jahr 1274 stand und wie groß das war, ist laut Huggenberger nicht belegt. Sehr wahrscheinlich handelte es sich um ein anderes Gotteshaus vermutlich romanischen Baustils, das den selbstbewussten Rothenburgern irgendwann zu klein wurde.