Er ist für die Amerikaner so etwas wie für uns der Golf GTI. Denn seit jetzt genau 60 Jahren gibt der Dodge Charger neben dem Ford Mustang und dem Chevrolet Camaro das traditionelle Muscle-Car und bietet reichlich „bang for the buck“ - viel Spaß fürs Geld.
Während Konzernmutter Stellantis ihre europäischen Töchter vergleichsweise an der kurzen Leine hält, auf Kosten achtet und auf den CO2-Ausstoß, darf die amerikanische Schwester Lust und Leidenschaft noch ausleben - und den Charger über den Importpartner KW Auto jetzt auch zu uns bringen.
Vorlaut, verführerisch und verdammt stark ist er auch weiterhin, nur ganz so günstig wie drüben gibt's ihn bei uns nicht. Während die Preise in den USA umgerechnet bei weniger als 45.000 Euro starten, werden hierzulande mindestens 66.000 Euro fällig.
Dafür gibt's ein Muscle-Car wie aus dem Bilderbuch - lange Haube, dicke Backen, knackiges Heck - und für die Nachwuchspflege der Petrolheads auf Wunsch sogar mit vier Türen, und das ohne Aufpreis. Bei einer stolzen Länge von 5,25 Metern geht der Charger so als ernsthafte Familienkutsche durch.
Drinnen gibt sich der erst im letzten Jahr neu vorgestellte Charger zeitgemäß und kombiniert klassisches Sportwagen-Ambiente mit modernen Zutaten. So fährt man zwar in tiefen Sitzen mit hohen Wangen und gutem Halt und blickt auf viel dunkles Leder mit Nähten in Kontrastfarben. Doch aus dem Cockpit flimmert es digital: Das Kombiinstrument ist kunterbunt animiert, und das Display auf der Mittelkonsole bieten mehr Grafiken und Einstellungen als manche Rennsimulation auf der Playstation.
Nur unter der langen Haube wartet eine Überraschung, und auf den ersten Blick ist das keine gute. Denn mit dem letzten Generationswechsel hat Dodge den V8 ausgemustert und ihn zugunsten der CO2-Bilanz durch einen Reihensechszylinder ersetzt. Den Sixpack befeuern zwei Turbolader und er treibt obendrein auch noch alle vier statt nur die Hinterräder an. Drei statt in besten Zeiten mehr als sechs Liter Hubraum, zwei Zylinder weniger und immer Traktion statt Tanz im Heck - spielt Motown jetzt nur noch Softrock?
Doch spätestens mit dem Druck auf den Startknopf löst sich die anfängliche Irritation in buchstäbliches Wohlgefallen auf. Der Sechszylinder brüllt bitterböse aus den zwei verchromten Endrohren und hämmert den Charger förmlich gen Horizont. Schon die Basisversion R/T hat 420 PS und 634 Nm, und wer den noch nicht näher spezifizierten Aufpreis für das Scat Pack zahlt, der hat 550 PS und 719 Nm unter dem rechten Fuß. Das reicht für einen Sprintwert von 3,9 Sekunden und maximal 285 km/h. Europäische Sportmodelle wie ein BMW M3 oder ein Mercedes C63 sind da plötzlich nicht mehr unerreichbar.
Anders als früher kann man diese Leistung jetzt sogar lustvoll und ohne Angst genießen. Denn mit dem Allradantrieb und einem aufwendigeren Fahrwerk wird der Charger zu einem seriösen Sportwagen, der einen soliden Kontakt zur Fahrbahn vermittelt und sich eng an der Ideallinie führen lässt.
Und wem der laszive Hüftschwung beim Anfahren fehlt und der alte Nervenkitzel in den Kurven, der kann mit einem Fingerdruck auf Heckantrieb umschalten und wieder wie früher auf Messers Schneide reiten.
Ach ja, und noch ein wunderbar gestriges Feature haben die Amis ins Zeitalter der Political Correctness gerettet: den Burn-out auf Knopfdruck. Dann blockiert der eine Fuß auf der Bremse die Vorderräder und der dem anderen auf dem Gas lässt die Hinterräder so lange durchdrehen, bis beißender Qualm aus den Radläufen quillt. Wer dann mit quietschenden Reifen davonschießt, fühlt sich wie auf dem Dragstrip - amerikanischer kann Autofahren kaum sein.
Zwar gibt der Charger voller Inbrunst den Bad Boy, zeigt sich aber trotzdem auch nachhaltig und verantwortungsbewusst, denn als Charger Daytona kommt er als erstes Muscle-Car auch vollelektrisch. Während der Ford Mach-E nur noch dem Namen nach ein Mustang ist, sieht der Daytona genauso aus wie der normale Charger und benimmt sich auch so.
Statt Burn-outs macht er Donuts, das V6-Brabbeln ersetzt der angeblich lauteste Soundgenerator, der bis dato in ein E-Auto eingebaut wurde. Und selbst wenn das Spitzentempo auf bestenfalls 220 km/h limitiert ist, beschleunigt der Daytona sogar besser als der Sechszylinder.
Schon die elektrische Basisversion (R/T) mit kurzfristig bis zu 536 PS hat aus dem Stand nach 4,7 Sekunden Tempo 100 drauf, und der auch hier erhältliche Scat Pack schafft das mit bis zu 670 PS im Idealfall in 3,3 Sekunden. Die Energie dafür liefert ein Akku mit rund 94 kWh nutzbarer Kapazität, der im Normzyklus für bis zu 510 Kilometer reicht und beim Nachladen in knapp einer halben Stunde von 20 auf 80 Prozent kommt.
Ja, nicht nur Washington zeigt derzeit gern Stärke, sondern mit dem Charger lässt auch Motown die Muskeln spielen. Doch während die Politik mit ihrem Protzgehabe ihre Freunde verstört, wird der Dodge zum Botschafter der guten Laune - und gibt sich mit der Option auf den E-Antrieb sogar ungewöhnlich tolerant und weltoffen. So beweisen uns die Amerikaner, dass Stärke zeigen auch Spaß machen kann.Datenblatt: Dodge Charger Sixpack Scat Pack
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