Mit Autismus zum Summer Breeze: „Mama, ich kann hier so sein, wie ich will” | FLZ.de

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Veröffentlicht am 16.08.2024 17:37

Mit Autismus zum Summer Breeze: „Mama, ich kann hier so sein, wie ich will”

Mina (vorne rechts) verteilt ihre selbstgebastelten Pommesgabel-Schildchen an Metal-Fans. Sie ist gemeinsam mit ihrer Mutter Jessica Janitschek (hinten) und ihrer Schwester Lilly aus dem Odenwald angereist. (Foto: Antonia Müller)
Mina (vorne rechts) verteilt ihre selbstgebastelten Pommesgabel-Schildchen an Metal-Fans. Sie ist gemeinsam mit ihrer Mutter Jessica Janitschek (hinten) und ihrer Schwester Lilly aus dem Odenwald angereist. (Foto: Antonia Müller)
Mina (vorne rechts) verteilt ihre selbstgebastelten Pommesgabel-Schildchen an Metal-Fans. Sie ist gemeinsam mit ihrer Mutter Jessica Janitschek (hinten) und ihrer Schwester Lilly aus dem Odenwald angereist. (Foto: Antonia Müller)

Im Alltag sind Menschenmassen für Mina Janitschek ein rotes Tuch. Bei einem Gang in den Supermarkt überfordern sie die grellen Farben und lauten Durchsagen. Mina ist Autistin. Sie spricht wenig und bleibt lieber in vertrautem Umfeld. Trotzdem mischt sie sich jetzt unter die 45.000 Metal-Fans auf dem Summer-Breeze-Open-Air.

Ein schwarzes Schlüsselband trägt Mina um ihren Hals, bunte Hände und Puzzleteile sind darauf gedruckt. In blauen Buchstaben steht das Wort „Autistic“ daneben. Für Mina ist das ein Schutzschild, erklärt Jessica Janitschek. So muss sie nicht erklären, wieso sie schweigt oder zurückhaltend ist. Ein Erkennungszeichen also. Mina spricht selten mehr als ein, zwei Wörter. Doch unter dem Schirm ihrer Cappy huschen die hellblauen Augen aufmerksam über den Zeltplatz. Sie wirkt fasziniert von den vielen Facetten des Festivals.

Crowdsurfing der besonderen Art: Ein Rollstuhlfahrer wird von zahlreichen Händen getragen. (Foto: Mirko Fryska)
Crowdsurfing der besonderen Art: Ein Rollstuhlfahrer wird von zahlreichen Händen getragen. (Foto: Mirko Fryska)

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Die Ausprägungen innerhalb des autistischen Spektrums sind sehr unterschiedlich. Mina tut sich zum Beispiel schwer, ihre Gefühle auszudrücken. Ihre Mutter erzählt, dass die Zehnjährige sich komplett zurückzieht, wenn ihr alles zu viel wird.

Die 39-Jährige ist selbst im autistischen Spektrum. Mit ihrer Tochter auf das Festival zu gehen, hat sie schon lange vor. Sie war vor zwölf Jahren zum ersten Mal auf dem Summer Breeze. Sie war überwältigt: Frei habe sie sich gefühlt. „Sobald die Kinder alt genug sind, möchte ich wieder hin“, stand für sie fest.

Trotzdem: Auf die leichte Schulter hat sie den Besuch mit ihren Töchtern nicht genommen. Es ist ein Risiko, und deshalb bereitete sie Mina akribisch vor. Seit Jahren sprechen sie darüber, vor einem Jahr kauften sie die Tickets. Sie haben Video-Livestreams und etliche Fotos analysiert.

Pläne für den Fall der Fälle

Immer und immer wieder haben sie über das Gelände gesprochen. Wie sieht es am Campingplatz aus? Wo sind Duschen und Toiletten? Jessica Janitschek beantwortete ihrer Tochter unzählige Fragen. Sie haben auch besprochen, was sie tun, wenn es nicht klappt. Rückzug und Ablenkungsstrategien unter den besonderen Umständen haben sie zu Hause geprobt. Hätte nichts mehr funktioniert, wäre auch eine Abreise im Raum gestanden.

Neben den sowieso schon unzähligen Eindrücken, stellte sich Mina noch einer weiteren Herausforderung: Seit Wochen hat die Zehnjährige kleine Schildchen bemalt und gebastelt, die sie an die Metal-Fans verschenken möchte. Auf Fremde zuzugehen ist für Mina im Alltag undenkbar.

Am Dienstag war es dann so weit. Die drei reisten gemeinsam mit Jessica Janitscheks Partner vom Odenwald bei Frankfurt an. „Da waren wir erst mal total erschlagen“, erzählt die 39-Jährige. Drei Stunden Autofahrt, der Zeltaufbau und ein Orientierungsspaziergang über das Gelände: „Ich habe ihr die Reizüberflutung angemerkt“, sagt Jessica.

Eine Zehnjährige wächst über sich hinaus

Sie beobachtet ihre Tochter ganz genau, liest ihre Stimmung von den Augen ab. Am Dienstagabend setzte Mina sich also einen Gehörschutz auf und fokussierte sich auf ein Kreuzworträtsel.

Ab Mittwoch taute Mina dann auf, erzählt Jessica Janitschek. Sie beobachtete eine Gruppe beim Flunkyball-Spiel, guckte zu und zupfte dann am Saum des Shirts ihrer Mutter. „Dann wusste ich, jetzt ist sie bereit.“ Hand in Hand gingen sie zu den Menschen hin. Mina überreichte allen ein Schildchen. Die Zehnjährige wächst auf der Großveranstaltung über sich hinaus, findet die Mutter.

Um Mina zu unterstützen, setzte sie ein paar Tage vor dem Festival einen Facebook-Post ab. Darin bat sie, das selbstgebastelte Geschenk ihrer Tochter anzunehmen.

Viel Unterstützung erfahren

Die Zeilen zogen weite Kreise. Viele Menschen erkannten sie oder die Schildchen wieder. Ein Mitarbeiter vor der Bühne besorgte Mina ein Plektrum des Gitarristen der Band Hammerfall. Stolz reckt Mina das schwarze Plättchen mit dem Bandlogo nach oben.

Das war genau, was sich die Mutter erhofft hat. Sie erzählt stolz: „Gestern hat sie gesagt ‚Mama ich kann hier so sein, wie ich will, und keiner guckt blöd.‘“ Genau dieses Gefühl hatte sie selbst ja auch vor zwölf Jahren gepackt. Und auch bei diesem Besuch ist für die Familie alles anders als im Alltag. Mina blickt auf und nickt intensiv. „Es ist wie Urlaub vom Leben“, beschreibt es Jessica Janitschek.

Nach etwa einer Stunde im Gespräch werden die Schwestern etwas ungeduldig. Sie wollen jetzt einkaufen gehen. Mina hat sich inzwischen nah neben ihre Mutter gesetzt. Sie zückt ihren Geldbeutel und präsentiert, wie viel Geld sie gespart hat. Seit einem Jahr hat sie alles für das Festival gespart. Hier möchte sie sich Kuscheltiere und weitere Erinnerungsstücke kaufen.


Antonia Müller
Antonia Müller
Redakteurin in der Lokalredaktion Ansbach
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