„Ich habe schon versucht, das Stück lebendiger zu gestalten.“ Reiyk Bergemann, 59 Jahre alt, ist Regisseur des Meistertrunks. Seit 25 Jahren begleitet er die Schauspielerinnen und Schauspieler in ihren Rollen und sorgt mit dafür, dass an Pfingsten, den Reichsstadttagen und im Oktober ein fertiges, rundes Stück auf die Bühne gebracht wird.
„Und dann hab ich damals gedacht, das ist aber schön langweilig.“ Reiyk Bergemann sitzt im Kaisersaal im Rathaus und erinnert sich an seine Anfangszeit beim Meistertrunk. Die vergangenen 25 Jahre begleitete er hier Menschen, half ihnen, ihre Rolle zu spielen, fügte Puzzleteile eines historischen Stücks zusammen zu einem großen Ganzen. Begonnen hat alles durch einen Zufall, erinnert sich der Regisseur und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.
Ich sehe mich hier schon mit dem Rollator herumlaufen.
Gearbeitet hatte er damals im künstlerischen Betriebsbüro des Theaters Ingolstadt. Heißt: Er war zuständig für „alle möglichen Tagespläne“, koordinierte Spielpläne, organisierte Bühnenproben. Das habe ihn damals gereizt, bekennt der studierte Theater- und Literaturwissenschaftler. Auch seine erste Regieassistenz und seine erste Inszenierung erfolgten in Ingolstadt.
Dann aber habe ihn Chefdisponent Rainer Steinhilper angesprochen, damaliger Regieführer des Meistertrunks. Er wollte die Regie abgeben. „Mir wird das zu viel“, habe er zu Bergemann gesagt. „Hast du Lust, dir das mal anzuschauen?“
Der ergriff die Chance beim Schopf. Sein bisheriger Job habe ihn „in Gänze nicht befriedigt“, er war dankbar um die Möglichkeit, auf der Bühne mit Menschen zu arbeiten. So kam eins zum anderen: „Länger als drei Jahre wird’s wohl nicht“, hat er damals zu sich selbst gesagt. „Sie sehen, was daraus geworden ist.“
Besonders das erste Jahr sei schwierig gewesen, bekennt Bergemann. „Ich war jung, ambitioniert und wollte meine Arbeit gut machen.“ Das bedeutete für die Darstellerinnen und Darsteller neuen Input. Und davon viel: Wo früher eine Probe zwei bis drei Stunden gedauert hatte, war sie unter Bergemann auf vier Stunden ausgedehnt. „Ich musste die Zeit ausschöpfen.“ Bei dem einen oder anderen habe er Widerstand gegen die Änderungen gespürt, ist sich der Regisseur sicher. Oftmals fiel die Aussage: „Das haben wir doch immer so gemacht.“
Bergemann versuchte, das Stück moderner zu gestalten. Wobei er anfangs moderat vorging, denn es hieß, Adam Hörbers Textbuch sei heilig. Das ist es immer noch, versichert Bergemann, allerdings sei es erlaubt, kleinere Situationen abzuwandeln, Sätze einzufügen oder situationsbedingt Orte zu ändern.
Spätestens seit der Freilichtszene, die Bergemann am Marktplatz „ein bisschen üppiger“ inszeniert hatte, habe er auf Bitte von Arnold Petersen hin, ehemals stellvertretender Vorsitzender des Meistertrunk-Festspielvereins, auch im Kaisersaal am Meistertrunk gebastelt.
„Ich musste Situationen in die Realität holen“, sagt Bergemann. Er sei ein visueller Mensch, er sehe viele Kleinigkeiten, versteife sich auf Details. Er bezeichnet es als „unnachgiebige Bastelei“ an dem Stück, an den verschiedenen Rollen und damit auch an den Menschen, die die historische Vergangenheit Rothenburgs lebendig werden lassen. Als Beispiel nennt er die Trinkszene, in der der Humpen geleert wird. Früher hätten alle nur auf den Humpentrinker geschaut, in völliger Stille.
„Das konnte ich mir nicht vorstellen, dass das wirklich so gewesen ist.“ Deshalb habe er das eher unkörperliche Spiel in die Realität geholt, die Menschen um Nusch herum zu Wort kommen lassen. „Ich habe ihnen Texte in den Mund geschrieben“, sagt Bergemann und klopft sich dabei stolz auf die Schulter.
Manchmal muss ich dann zehn Minuten für mich sein.
Es seien immer wieder „kleine Bonbons, die so reingefüttert sind, um das Ganze lebendiger zu gestalten“, ergänzt er. Wichtig ist ihm, dass das Publikum etwas aus dem Stück mitnehme. Dass es ein Erlebnis wird, das historische Festspiel. Und: Jeder dürfe für sich, ganz individuell, seine eigenen Schlüsse ziehen.
„Natürlich bin ich perfektionistisch“, gibt Bergemann zu. Bei ihm gebe es immer noch ein „Aber“ am Ende seiner Sätze. Vor der Aufführung helfe es ihm ungeheuer, gut präpariert zu sein, eine gewisse Sicherheit zu haben, dass alles vorbereitet ist.
„Gewisse Dinge passieren“, weiß der Regisseur. Aber wer vorbereitet sei, könne besser und vor allem souverän mit Fehlern umgehen. Was er nach den Aufführungen macht? „Manchmal muss ich dann zehn Minuten für mich sein“, gesteht er.
Er sei dankbar, sagt Bergemann. Dankbar für 25 Jahre Meistertrunk. Dankbar für die Unterstützung, Wertschätzung und die Freundschaften, die sich über die Jahre gebildet haben. Die Verbundenheit zur Stadt. Drei Oberbürgermeister, die er miterlebt hat. „Ich sehe es als großes Geschenk an, dass ich jetzt zwei Gruppen habe, die als Einheit mit mir arbeiten mögen.“ Denn: „Ich sehe mich hier schon mit dem Rollator herumlaufen.“