„Es war eine wichtige Erfahrung für mich”, sagt Eva Böhringer begeistert. Die 20-Jährige verbrachte zwölf Monate in Ruanda und absolvierte dort einen Freiwilligendienst, den sie nur empfehlen kann. Der Abschied fiel ihr schwer, hatte sie doch ein tolles Umfeld, gute Freunde und viele Herzensmenschen gefunden.
Seit Ende August ist sie wieder in Deutschland. Bei ihrer Familie in Unternesselbach war sie nur ein paar Wochen, danach ging es nach Passau, wo sie seit Oktober Rechtswissenschaften studiert. Sie hat ihre Entscheidung, kurz nach dem Abitur am Neustädter Friedrich-Alexander-Gymnasium mittels des Pallotti-MaZ-Programms nach Ruanda zu gehen, nicht bereut. Das Gros der Kosten wurde im Rahmen des entwicklungspolitischen „weltwärts”-Progamms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung übernommen. Den Rest musste die Gemeinschaft der Pallottiner übernehmen.
Für die inzwischen 20-Jährige ging mit dem Aufenthalt in Ruanda ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Schon seit ihrer Kindheit hatte der afrikanische Kontinent sie fasziniert. Böhringer war nicht, wie anfangs geplant, in einer Ausbildungsstätte für Kinder mit geistigen Einschränkungen in Kibilizi tätig, sondern in einem großen privaten Schulzentrum in Masaka, einem Stadtteil von Kigali. Dort gab es eine Krippe, Vorschule, Grundschule sowie weiterführende Einrichtungen, ebenso wie einen Zweig, den Mädchen und Jugend mit körperlichen und geistigen Handicap besuchen können.
Ein Vorteil war, dass sie neben den Amtssprachen Englisch und Französisch, die sie in der Schule lernte, schon daheim begonnen hatte, Kinyarwanda, eine weitere Amtssprache, zu pauken. Dies war von Vorteil, da viele der Arbeiterinnen und Arbeiter an der Schule nur etwas Englisch beherrschten. Für Eva Böhringer bedeutete es Respekt den Einheimischen gegenüber, wenn man ihre Sprache lernt.
Bei ihrem Aufenthalt war es ihr wichtig, sich mit der Kolonialgeschichte des ostafrikanischen Landes zu beschäftigten, der rassischen Klassifizierung und dem Genozid. Ruanda war eine Zeit lang deutsche Kolonie, bevor das Land unter belgische Kolonialherrschaft kam. Für Eva Böhringer wäre es wichtig, wenn auch in deutschen Schulen mehr über die Kolonialgeschichte vermittelt würde und welche Auswirkungen diese auf die Bevölkerung in den betroffenen Ländern hatte und immer noch hat.
„Wir leben in einer Welt, die zusammengehört.” Es sei wichtig, sein eigenes Verhalten gegenüber Ländern wie jenen in Afrika zu reflektieren, eventuell bestehende Vorurteile zu überdenken und abzubauen. „In allen Seminaren, die ich für den Freiwilligendienst besucht habe, waren Themen wie Postkolonialismus, globale Gerechtigkeit und Rassismus zentral.” Dies seien, wie Eva Böhringer unterstrich, die essenziellen Themen, die es auch bei Reisen in Länder des globalen Südens zu beachten gelte.
Was gehörte zu ihren Aufgaben während des Freiwilligendienstes? Für die jungen Leute, die die Berufsschule besuchten, gab sie etwa Französisch-Kurse. Sechstklässlern, die den internationalen Zweig besuchten, half sie im Rahmen der Prüfungsvorbereitung beim Englisch-Hörverstehen. Englisch oder Französisch brachte sie Vorschülern nahe und gab einigen Schülerinnen und Schülern Nachhilfe im Lesen. Spaß machte es ihr auch, mit den Grundschülerinnen und Grundschülern im Rahmen der Kunstbetreuung etwas zu gestalten und zu basteln.
Involviert war sie ferner in den Deutsch-Club, ähnlich einer AG, der im Rahmen der interkulturellen Verständigung angeboten wurde. Dort lernten die Schülerinnen und Schüler auch Wiener Walzer, den sie zum Schuljahresende beim „Closing Day”, zu dem auch die Eltern kommen, begeistert präsentierten.
Thematisiert werden im „German-Club” zudem interkulturelle Dinge, die in Deutschland eine Rolle spielten, und politische System. Das Schulzentrum in Masaka unterhält bereits seit fünf Jahren eine Partnerschaft zu einer Realschule in Rheinland-Pfalz, die einen Ruanda-Club hat. „Es entstanden schon etliche E-Mail-Freundschaften.” Eine Schulfreundschaft besteht ferner zu einer Grundschule im Allgäu. Mit dem Neustädter Gymnasium kurbelte Eva Böhringer einen Kontakt an.
Am Ende des Schuljahres machte sie einen Workshop zum Thema Menstruation. Mit Unterstützung der apostolischen Glaubensgemeinschaft der Pallottiner in Deutschland sowie durch private Spenden konnten zwei Veranstaltungen für Sechst- bis Neuntklässler organisiert werden.
Während ihrer Zeit in Kigali schloss sie Freundschaften, war bei der Hochzeit eines befreundeten Lehrers eingeladen und erlebte viel Gastfreundschaft in den Familien zweier befreundeter Arbeiterinnen. Sie bekam aber auch mit, dass die Arbeitslosigkeit bei Akademikern hoch ist, Weiße immer noch Privilegien genießen und etwa die sprachlichen Standards für Menschen aus Ruanda höher angesetzt werden, wenn sie im Rahmen eines Freiwilligendienstes nach Europa wollen, als umgekehrt etwa für Deutsche.
Vom Land bekam sie ebenfalls einiges mit, als sie mit ihren Eltern, die sie besuchten, in verschiedene Regionen Ruandas reiste. Nun hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Dankbar ist die 20-Jährige für die Erfahrungen, die sie in Ruanda sammeln konnte. Sie arbeitet deshalb ehrenamtlich im Pallotti-MaZ-Team mit, will Deutsch-Kurse geben und sich für globale Gerechtigkeit einsetzen. Hierzu könne jeder einen Beitrag leisten, sagt sie.