Es sollte die Krönung einer politischen Blitzkarriere sein. Manuel Hagel wollte jüngster Ministerpräsident in der Geschichte Baden-Württembergs werden und die CDU wieder an die Macht führen – und ist auf den letzten Metern gescheitert.
Dabei sah alles so gut für ihn aus. Monatelang führte die CDU mit komfortablem Vorsprung in den Umfragen. Mit Hoffnungsträger Hagel sollte endlich wieder ein Christdemokrat das Land lenken – so, wie es vor Winfried Kretschmann knapp 60 Jahre lang der Normalzustand im Ländle war.
Noch am Wahlabend erklärt sich Cem Özdemir zum Wahlsieger. Und Hagel räumt seine Niederlage ein. Wer ist der Mann, der das Erbe Kretschmanns antreten wollte?
Hagel ist ein Schnellaufsteiger, strebsam und ehrgeizig. Er wächst im beschaulichen Ehingen auf, macht nach der Realschule eine Lehre zum Bankkaufmann, arbeitet sich rasch zum Sparkassen-Filialleiter hoch.
Auch politisch legt er einen Aufstieg in Rekordgeschwindigkeit hin: Zunächst ist er kommunalpolitisch aktiv, 2016 zieht Hagel als Abgeordneter in den Landtag ein, wird Generalsekretär der Südwest-CDU. 2021 holt er sich den Fraktionsvorsitz, 2023 den Landesvorsitz. Er sammelt Ämter, Macht und Erfahrungen, weitet seinen Einfluss in recht kurzer Zeit enorm aus.
Sicher liegt das auch an seinen Qualitäten. Im Gespräch tritt Hagel höflich auf, verbindlich, aufmerksam. Einer, der zuhören kann. Der 37-Jährige ist ein Netzwerker mit Machtinstinkt, wirkt viel im Hintergrund. Als talentierter Strippenzieher wird er beschrieben. So schafft er es, alte Gräben in dem Landesverband zuzuschütten, Brücken zu bauen.
Politisch gibt sich Hagel bodenständig. Er ist Jäger und Mitglied der Narrenzunft, spricht mit starkem schwäbischem Einschlag. Er will ein moderner Konservativer sein, setzt auf Heimat, Tradition, Familie. Keine Rede, in der er nicht erwähnt, dass er Papa von drei kleinen Buben ist. Auch der christliche Glaube ist ihm wichtig. Eine Parteikollegin nannte ihn einmal einen „echten Schwiegersohn-Typ“. Kritiker sagen, er wirke zu glatt und profillos.
Als Spitzenkandidat gewinnt Hagel zwar an Format, aber in Sachen Charisma und Schlagfertigkeit kann er seinem grünen Kontrahenten Özdemir nicht das Wasser reichen. Das größte Manko, das ihm im Wahlkampf attestiert wird, ist sein geringer Bekanntheitsgrad. Unermüdlich tourt der 37-Jährige deshalb durchs Land, besucht Bierzelte wie Mittelständler, hält unzählige Reden, schüttelt Tausende Hände. Hagel baut fleißig an seinem Image als „Normalo“, als bodenständiger Ärmelhochkrempler von nebenan – und versucht vor allem, Fehler zu vermeiden, nicht anzuecken, staatsmännisch zu wirken.
In der heißen Wahlkampfphase erlangt er dann schlagartig bundesweite Bekanntheit – auf eine Art, auf die er sicher gern verzichtet hätte. Eine Grünen-Bundestagsabgeordnete aus Karlsruhe postet vor knapp zwei Wochen ein altes Video aus dem Jahr 2018, in dem der 29-jährige Hagel von einer Schülerin schwärmt – und ihren „rehbraunen Augen“. Hagel räumt zwar gleich ein, dass das „Mist“ gewesen sei, doch das Video geht viral, verbunden mit Sexismusvorwürfen. Für jemanden, dem nachgesagt wird, dass er immer alles unter Kontrolle haben will, kommt das einer Katastrophe gleich.
Nur wenige Tage später ein weiteres Video und noch mehr Ärger: Hagel gerät beim Besuch einer Schule vor laufender Kamera mit einer Lehrerin aneinander und macht ebenfalls keine gute Figur. „Ich bin ja jetzt auch kein Roboter, sondern ein Mensch mit ganz normalen Gefühlen“, rechtfertigt er sich danach.
Die CDU verspielt den Vorsprung. Hagel spricht noch am Wahlabend von einer „Schmutzkampagne“ weit unter der Gürtellinie. Inwieweit die Video-Pannen hinter der Aufholjagd der Grünen stehen oder die Prominenz von Özdemir oder eine falsche Ausrichtung der CDU-Kampagne, ist noch unklar. Aber: Der Abstand zwischen Christdemokraten und Grünen in den Umfragen war bereits über viele Wochen hinweg geschmolzen.
Muss Hagel nun um seine Ämter zittern? Am Abend sagte er, dass er für das Wahlergebnis die Verantwortung trage. Natürlich sei er enttäuscht. Der Ball zur Regierungsbildung liege bei den Grünen. Die letzten Wochen seien für seine Familie und ihn „persönlich eine enorme Belastung“ gewesen. So hart die vergangenen Tage für den 37-Jährigen gewesen sein mögen: Die schwierigste Zeit könnte Manuel Hagel noch bevorstehen.
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