Die Ansbacher Puppenspiele sind in das 20. Jahr ihres Bestehens gestartet. Den Anfang machte ein guter Bekannter, das Figurentheater Pantaleon, und auch das Stück schien vertraut zu ein. Aber beim Inhalt hatte das Publikum die Rechnung ohne Sebastian Meschenmoser gemacht.
Sein Bilderbuch „Rotkäppchen hat keine Lust“ diente als Vorlage für die gleichnamige Inszenierung in der Regie von Ioan C. Toma. Die Hauptfiguren, Rotkäppchen und der Wolf, haben darin ihre Attitüden getauscht. Während der Wolf ein wohlerzogener Bursche ist, hat Rotkäppchen die vertanen Sonntage bei der Großmutter nämlich gefressen. Stinkesauer macht sie sich auf den Weg, und erst der „Herr Wolf“ lehrt sie, wie man einen ordentlichen Kuchen backt, einen Blumenstrauß pflückt und eine gute Flasche Wein ersteht. Das hat er nämlich von seiner Oma gelernt.
Ein Wolf mit Oma! Da blitzt im Hintergrund sofort Verständnis für den scheinbar Wilden auf, der ja auch in familiäre Strukturen eingebettet ist. Und ein Oma-Wölfchen ist er obendrein noch dazu. Einer, der dauernd Oma-Sätze aufsagt. Das Stück ist eine subversive Märchenparodie, an der Erwachsene und ältere Kinder – solche, die die Lehren aus dem Original schon kennen und einordnen können – ihre Freude haben. Jüngere Kinder könnte das Setting verwirren.
Alexander Baginski in der Rolle des Rotkäppchens benutzt die offene Spielweise, um seine Tischpuppen über einen Kastenwagen, der als fahrbare Bühne dient, zu bewegen. Feine Sprechmasken dienen der sauberen Trennung der Figuren, und eingespielte Musik grundiert manche der Szenen.
Das eigentlich Gefährliche in dem Stück ist nicht der Wolf, sondern der Jäger mit seiner veralteten Meinung, dass Wölfe gefährlich seien. Der Jäger stört als einziger die Idylle, weil er die alten Rollenmuster verfolgt, überall Gefahren wittert und sie beseitigen will. Das eigentlich Böse ist die Ordnungsmacht – das hat eine Menge Anarchistisches. Im behüteten Kleinen Haus des Theater Ansbach sitzend, kann man sich vorstellen, wie das Stück ein Dauerbrenner in alternativen Kinderläden einer Großstadt sein könnte.
Aber es geht nicht so weit, dass die Ordnungsmacht am Ende selbst auch noch Opfer von Gewalt wird. Beim Showdown sitzen alle in Großmutters Stube und jeder darf nach seiner Façon glücklich werden. Herr Wolf mit seiner Leidenschaft für Kuchen und alte Fotoalben zieht bei der Großmutter ein und Rotkäppchen bekommt die Wolfshöhle, um ihrem neuen Gewerbe als Räuberin nachzugehen. Da bekommt die feine Toleranz, für die das Stück steht, am Ende doch noch einen dunklen, rebellischen Wolfsschwanz, mit dem es von der Bühne abgeht.