Der Viehmarkt ist in Wettringen eine Institution. Nach der Premiere 1849 war er über Generationen alljährlicher Höhepunkt des Dorfgeschehens, bis die Tradition in den 1960ern einschlief. Vor einem Vierteljahrhundert gelang die Wiederbelebung. An diesem Samstag steht die 25. Auflage der „Neuzeit” an – Grund genug für ein Spezialprogramm.
Auf dem Marktplatz des Dorfs, den laut Mitteilung des Rathauses mehr als 50 Ausstellende mit Ständen und Leben füllen werden, ist ab 9 Uhr Betrieb. Die landwirtschaftliche Prägung kommt bei einer Holzrücke-Vorführung mit Pferdegespann oder bei einer Häckselaktion zum Ausdruck. Es gibt musikalische Beiträge, Ehrungen und Kutschfahrten.
Eine Ausstellung im Rathaus dokumentiert die Entwicklung des Viehmarktes von 1849 bis heute und zeigt historische Aufnahmen, Dokumente und Erinnerungsstücke aus vergangener Zeit. Um 10 Uhr findet überdies eine Aufführung des Kindergartens statt, der parallel auch einen Flohmarkt ausrichtet. Von 14.30 bis 15.15 Uhr werden Mundart-Gedichte von Inge Hahn vorgetragen. Und auch für junge Gäste ist gesorgt: Karussell, Losbude und Torwand stehen bereit.
Bei den Viehmarkt-Auflagen früherer Zeiten hatte der Handel mit Rindern und Ferkeln im Mittelpunkt gestanden. Doch das ist wegen des hohen Transportaufwands und strenger Haltungsauflagen kaum mehr zu machen, weshalb bei dem Markt statt traditioneller Stalltiere heutzutage etwas flauschigere Lebewesen im Vordergrund stehen: Die Rede ist von Alpakas, auf deren Zucht und Haltung sich ein in der Gemeinde ansässiger Betrieb spezialisiert hat.
Bürgermeister Matthias Rößler und der frühere Rathauschef Michael Kandert, in dessen Amtszeit zwischen 1990 und 2008 die Wiederbelebung gefallen war, äußerten sich im Gespräch mit der Redaktion über die Besonderheiten der Veranstaltung und ihre historischen Wurzeln.
Begonnen hatte alles zu Zeiten des Königreichs Bayern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und zwar mit einem Antrag an das Landgericht Rothenburg. Kandert verweist hier auf die Recherchen seines Amtsvorgängers Georg Schmidt, der von 1966 bis 1990 Bürgermeister von Wettringen gewesen war und in seiner „Geschichte einer Gemeinde im Rothenburger Land” die Bedeutung des historischen Wettringer Viehmarkts umfangreich gewürdigt hat.
Demnach hatte Wettringen stark um die Genehmigung für einen Viehmarkt kämpfen müssen, bevor es dafür 1849 schließlich grünes Licht gab. Für den Ort bedeutete das den Aufzeichnungen Schmidts zufolge einen wichtigen Schritt in Richtung wirtschaftlicher Eigenständigkeit – und vermutlich auch einen Grund, um im Wirtshaus anzustoßen.
Der Viehmarkt war eng mit dem Kleintier- und Viehhandel verbunden. Bis zu 30 Kühe und Kälber wurden jedes Mal angeboten. Die Tiere standen an einer Stange angebunden vor dem Gasthaus, und auch der Ferkelmarkt war stark frequentiert. Bauern aus dem gesamten Umland und Viehhändler kamen nach Wettringen, um zu kaufen und zu verkaufen. Selbst die örtlichen Bäckereien nutzten den Markttag und boten frische Brezen und „Weckli” an, was für viele Bürgerinnen und Bürger neben Brot mal eine Besonderheit war.
Der Markt war nicht nur wirtschaftlicher Umschlagsplatz, sondern auch gesellschaftlicher Treffpunkt – ein Ort des Austauschs für Landwirte, Händler, Bürgerinnen und Bürger. Wer wissen wollte, was im Umland los war, erfuhr das beim Markttag. Der Viehmarkt behielt seine Bedeutung als Handelsplatz, Informationsbörse und kleiner Vergnügungspark für Dorf und Umland bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er wichtig. Michael Kandert, der heute 75 ist, hat das als Kind noch miterlebt.
Als Mitte der 1960er Jahre der Marktplatz wegen großer Kanalbaumaßnahmen nicht zur Verfügung stand, konnte die Veranstaltung dort nicht stattfinden. Weil sie damals auch generell an Bedeutung eingebüßt hatte, markierte das Ausfalljahr auch das vorläufige Ende der Tradition.
35 Jahre später stand dann die 900-Jahr-Feier Wettringens an. Dieses Jubiläum gab laut Michael Kandert den Impuls, den Markt wiederzubeleben, was im Jahr 2000 auch so erfolgte. Seither fand er wieder regelmäßig statt, und zwar immer Anfang März - mit Ausnahme der Pandemie-Jahre 2020 und 2021. Daraus erklärt sich, dass heuer die 25. Auflage des „neuzeitlichen” Formats ansteht.
Große Rindviecher werden auf dem Marktplatz an diesem Samstag nicht präsent sein. Immerhin drei Kälber sollen aber bestaunt werden können. Die Besuchenden sind auch dazu aufgerufen, das Gewicht dieser Tiere zu schätzen. Wer den richtigen Kilo-Zahlen nahe kommt, kann einen Preis gewinnen. Zur exakten Gewichtsermittlung kommt am Markttag die historische Viehwaage zum Einsatz, die in einem Häuschen neben dem Marktplatz steht.
Die Wettringer Alpakas dürften ebenfalls viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Flauschig und fotogen sind sie - und vermutlich etwas gelassener als Kühe. Doch wer ihnen zu nahe kommt, weiß, dass auch ein „modernes” Vieh seine Eigenheiten haben kann – Spucken inklusive.