Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist nunmehr 80 Jahre her. Die meisten Spuren sind verwischt, weshalb das Gedenken derart wichtig ist. Doch manchmal, da erlebt man Überraschungen: So ging es nun auch dem Wiebelsheimer Georg Dietlein. Er hat in Uffenheim einen stummen Kriegszeugen gefunden, der von einer Wiebelsheimer Tragödie zeugt.
Georg Dietlein sitzt an seinem Tisch. Dieses vermeintlich einfache Möbelstück ist für ihn weit mehr als nur ein Platz für Teller und Tassen. Es ist sein Büro für Reisen in längst vergangene Tage. Nein, der 88-Jährige ist kein Zeitreisender, zumindest nicht, wie man diese aus den Science-Fiction-Filmen kennt. Vielmehr stöbert der frühere Wiebelsheimer Bürgermeister gerne in Dokumenten der Zeitgeschichte – und hat sich eine Mission gegeben: Was sein damaliger Lehrer Erich Krück einst begonnen hat, das will er weiterführen: die Wiebelsheimer Ortschronik. Denn das, was früher war, darf nicht vergessen werden, sagt Dietlein.
Bewusste Kriegserfahrungen haben glücklicherweise nur noch wenige Landkreisbürger. Doch genau darin sieht Dietlein auch eine Gefahr: Wer die Leiden, die Grausamkeit der Schlachten nicht selbst miterlebt hat, der weiß nicht, was auf einen zukommt. So erklärt er sich auch die neuen Strömungen, das Wiedererstarken rechtsradikaler Kräfte. „Es geht so weiter, das ist die Tragik der Menschheit“, sagt Dietlein resigniert. Ihm selbst sind die schwarzen Rauchsäulen der brennenden Dörfer und die Schreie der Opfer bis heute im Gedächtnis geblieben.
Erst vor einiger Zeit wollte Dietlein ein Denkmal aufstellen lassen, das an Soldaten erinnert, die bei einer Minenexplosion in den letzten Kriegstagen bei Wiebelsheim ihr Leben ließen. In der Bürgerversammlung hatte es eine geheime Abstimmung gegeben, die Mehrheit war gegen das Denkmal. Für Dietlein ein Zeichen, dass jüngere Menschen damit möglichst nichts mehr zu tun haben wollen. Genau das lässt ihn erschaudern.
Zwar sind die unmittelbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs heutzutage nicht mehr sichtbar. Ausnahmen bestätigen dabei aber die Regel. Denn bei seinen Recherchen ist Georg Dietlein wieder auf eine Tragödie gestoßen, die er selbst als junger Bub am Rande miterleben musste. Das Schicksal der Lina Dasch. Über 80 Jahre ist dieses nun her – aber ausgerechnet ein alter Apfelbaum am Uffenheimer Lidl-Parkplatz erinnert heute noch daran. „Er ist seit 80 Jahren ein stiller Zeuge.“
20. Februar 1945: Lina Dasch und ihr steter Begleiter – ihr Hund – waren mit ihrem Gespann und einer Wagenladung Kartoffeln auf dem Weg von Wiebelsheim nach Uffenheim zur Flockenfabrik an der Geckenheimer Straße. „Trotz Luftalarm machte sie sich von dort wieder auf den Heimweg“, erzählt Dietlein. „Nach dem heutigen Verkehrskreisel, auf Höhe des Uffenheimer Lidl-Marktes, hielt sie ihr Gespann an und stellte sich zum Schutz hinter einen Obstbaum.“
Am Himmel tauchten die ersten Jagdbomber (Jabos) auf. Beim ersten Angriff gingen die Pferde zu Boden, beim zweiten durchschlug ein Geschoss den Baumstamm und traf Lina Dasch tödlich. Der Hund überlebte. „Die Schreckensnachricht ging wie ein Lauffeuer durchs Dorf“, so Dietlein. „Schrecken und Trauer überfiel die Dorfgemeinschaft.“
Der Senior ist über die brutale Vorgehensweise bis heute schockiert: „Wenn keine Gegenwehr mehr zu befürchten ist, macht es scheinbar Spaß, auf Wehrlose zu schießen und sie zu töten. Solche Überfälle haben nichts mehr mit Krieg zu tun, für mich ist das Mord!“
Die Läutbuben im Ort hatten die Gewohnheit, die toten Personen vor der Beerdigung zu besuchen. Aus Neugier? Aus Respekt vor dem Tod? „Ich kann es heute nicht mehr sagen, jedenfalls bekamen wir immer nach der Beerdigung ein Stück Streuselkuchen – unter der Woche war das ein Hochgenuss.“
Auch bei Lina Dasch hatte Dietlein sich umgeschaut. Der Hund saß aufrecht neben ihr und hielt Totenwache. „Wir waren erstaunt und konnten uns keinen Reim darauf machen, warum die junge Frau in Weiß und mit einem Schleier auf dem Kopf gekleidet war, wo doch sonst alle Toten schwarz trugen.“ Die Mutter klärte auf: „Junge Frauen, die nicht verheiratet waren, nehmen ihr Hochzeitskleid mit ins Grab.“
Ihr Name – Lina Dasch – ist als 19. Kriegsopfer auf dem Wiebelsheimer Kriegerdenkmal zu finden. Zum Beerdigungszeitpunkt war ihr Bruder Konrad noch in Kriegsgefangenschaft, ihr Bruder Friedrich war zu Fuß unterwegs – auf dem Weg von Nürnberg nach Wiebelsheim. Er kam nur wenige Stunden zu spät zur Beerdigung – „was ihn sein ganzes Leben lang betrübte“, wie Nachfahren Dietlein gesagt haben.
Ihr Name ist im Denkmal eingraviert, das Loch im Apfelbaum erinnert bis heute an Daschs Schicksal. Auf dem Papier mag es nur ein Name sein, in der Realität ist es eine zerstörte Existenz. Deshalb ist Dietlein fest motiviert, die Ortschronik weiterzuführen. Er will den Opfern eine Geschichte, wenn möglich auch ein Gesicht geben. Wider das Vergessen.