Die Geschichte, die sich vor ein paar Tagen in Scheinfeld zutrug, begann eigentlich schon im März. Da stieß ein Jäger (der namentlich nicht genannt werden will) auf ein offenkundig verlassenes Gänsegelege.
Manche Eier waren schadhaft, berichtet er. Doch ein paar Eier erschienen intakt. Der Weidmann entschloss sich kurzerhand, die Eier zu Hause in einem Brutkasten auszubrüten. Aus vier Eiern wurde etwas.
Vor etwa einem Vierteljahr schlüpften daraus Wildgänse. Der Jäger und seine Kinder freuten sich und päppelten das Geschwisterquartett auf. Wenn die Tiere älter und kräftig genug sind, so der Plan, könnte und sollte man sie auswildern.
Die Vögel wurden flügge, und hier beginnt die Geschichte der Grappertshöfer Familie Gehring. An ihre Garagenwand torkelte vor ein paar Tagen eine junge Gans. Heidi Gehring ging nachgucken nach dem armen Tier. Die Gans guckte zurück – und war ab da ihrer Gastgeberin ergeben. Das Tier folgte Heidi Gehring auf Schritt und Tritt, planschte im Waschzuber und hielt die Familie mit einiger Spiellaune in Trab – auch zur Begeisterung der drei Enkelkinder Lenny, Luna und Leo.
Freilich wollte die Familie klären, ob das Federvieh vielleicht einen Besitzer im Dorf hat. Heidi Gehring lief durch Grappertshofen. Die Gans folgte ihr. Und wieder nach Hause. Die Gans folgte ihr.
Gehrings versuchten sich schlauzumachen, wie man denn so einen Vogel ernährt: mit Körnern. Die Nacht verbrachte die Gans bei der Familie in einem ungenutzten alten Hundezwinger. Heidi Gehring hat ihr sogar eine Decke hingelegt; binnen kurzem war der Gast fast schon ein Familienmitglied geworden.
Andreas Gehring startete einen Facebook-Aufruf, ob jemand ein „Entlein“ vermisse – er räumt seine diesbezüglich bescheidenen Kenntnisse unumwunden ein. Das brachte dann immerhin über mehrere Ecken zutage, dass sie einem Jäger abgängig war. Der stand dann tatsächlich in Grappertshofen auf der Matte. Doch aushändigen konnten Gehrings dem Jäger seine Gans dann doch nicht.
Denn, schwuppdiwupp, hatte der Findling seine Gastmutter noch ein bisschen am Bein gezupft und sich – ein bisschen fliegen konnte die Gans ja offenkundig schon – gen Schnodsenbach davongemacht. Gehrings sahen das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Schade, dass die Bekanntschaft dann doch nur so kurz war; gut, dass das Tier sich frei entfaltet.
Etwas größer war die Trauer allerdings bei den Kindern. Sie machten sich auf die Suche, ob sie ihren neuen Freund nicht doch wiederfänden. Das taten sie. Die Gans war am Stadtsee. Leo entdeckte sie. Und es hatte den Anschein, dass auch die Gans die Kinder wiedererkannte. Jedenfalls kuschelte sie sich in Leos Schoß und wartete die ganze Dreiviertelstunde, bis der erneut benachrichtigte Jäger kam, um die Gänsegeschwister wieder zusammenzuführen.
Andreas Gehring ist stolz auf seine so mitfühlenden und hilfsbereiten Enkel. Und er hat eine hübsche Sammlung fürs Familienfotoalbum zusammenbekommen.