Krise beim Altkleider-Recycling in Sachsen bei Ansbach diskutiert | FLZ.de

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Veröffentlicht am 20.11.2025 20:05

Krise beim Altkleider-Recycling in Sachsen bei Ansbach diskutiert

Irmgard Plößner (links) gibt aussortierte Kleidung ab. Angelique Thummerer von der Firma Turns prüft die Etiketten, um das Gewebe zu identifizieren.  (Foto: Andrea Walke)
Irmgard Plößner (links) gibt aussortierte Kleidung ab. Angelique Thummerer von der Firma Turns prüft die Etiketten, um das Gewebe zu identifizieren. (Foto: Andrea Walke)
Irmgard Plößner (links) gibt aussortierte Kleidung ab. Angelique Thummerer von der Firma Turns prüft die Etiketten, um das Gewebe zu identifizieren. (Foto: Andrea Walke)

Warum quellen Altkleidercontainer über? Mit welchen Problemen kämpfen Sammler und Verwerter? Um diese Themen drehte sich die Veranstaltung „Chaos am Container” im Haus der Bäuerin in Sachsen. Rund 65 Interessierte lauschten den Fachvorträgen.

Einige Menschen nutzten die Gelegenheit, ausrangierte Kleidungsstücke bei der Firma Turns - Faserkreislauf abzugeben. „Ich bin ein Fan davon, dass Kleidung wiederverwertet wird”, erzählte Irmgard Plößner. Auch Peter Weimer achtet beim Kauf darauf, „vernünftige Kleidung” zu wählen. Angelique Thummerer von Turns und Lisa Ulsenheimer vom Basarverein Sachsen prüften die Etiketten und zeigten, in welche Box die Stücke einsortiert werden sollten. 100 Prozent Baumwolle ist die Königsklasse, aber auch Mischgewebe sind zum Teil recycelbar.

Beschwerden bei der Verwaltung

Bei der Sachsener Verwaltung gingen Anfang des Jahres vermehrt Beschwerden ein, dass die Altkleidercontainer nicht ausgeleert worden seien und sich davor die Säcke türmten. René Walter und Madeleine Danner aus der Verwaltung nahmen sich der Sache an. Gemeinsam mit dem Bund Naturschutz wurde der Infoabend organisiert. Bürgermeister Bernd Meyer weiß, dass viele Kommunen das Problem mit überquellenden Containern kennen: „Ich denke, dass man neue Lösungsansätze braucht, denn anscheinend wird immer mehr weggeworfen. Das überfordert Verwerter und Sammler.”

Diese erläuterten die Problematik einmal aus ihrer Sicht. Den Anfang machte Selina Hoppe, Geschäftsführerin von R+H Textilrecycling. Ihr Unternehmen sammelt Altkleider in Kooperation mit karitativen Organisationen wie dem Roten Kreuz oder der Caritas. Im Idealfall sei der Weg der Altkleider ein Kreislauf, sagte sie. „Das oberste Ziel ist, Kleidung so lange Kleidung sein zu lassen, wie sie tragbar ist. Erst dann geht sie in die Wiederverwertung.” Kleidungsstücke aus dem Container, die noch gut sind, finden ihren Weg auf Second-Hand-Märkte im Ausland, schilderte sie. Man exportiert, was benötigt wird und gewollt ist. „Einen Minirock in den Iran zu schicken, bringt wenig. Auch Schlittschuhe in Afrika sind falsch.” In Europa werden die Altkleider beispielsweise für den afrikanischen Markt vorsortiert.

Inzwischen werden die Kosten der Sammler und Recycler nicht mehr durch die Erlöse gedeckt, weil neben den Mindestlöhnen auch Zölle und Transportkosten gestiegen sind, machte Hoppe deutlich. Auch die hohe Zahl an Fremdstoffen in den Containern, die im schlimmsten Fall den Inhalt verunreinigen und unbrauchbar machen, sorgen dafür, dass das Geschäft unrentabel wird. Ebenso die Masse an minderwertiger Kleidung, die nur noch verbrannt werden kann. Zudem fallen seit Beginn des Ukraine-Kriegs Second-Hand-Märkte weg, denn auch Russland war früher ein großer Abnehmer. „Seit circa eineinhalb Jahren ist unser komplettes Sammel- und Sortiersystem zusammengebrochen.”

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Angelique Thummerer hat zusammen mit Katja Wagner im April 2023 die Firma Turns - Faserkreislauf gegründet, die ihren Sitz in Ansbach hat. „Die Textilindustrie ist der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt nach der Ölindustrie”, informierte sie. „Jede Sekunde landet eine Lkw-Ladung Textilmüll auf den Deponien im globalen Süden.” Turns arbeitet mit der Diakoneo-Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Bruckberg zusammen. Dort lässt die Firma ausrangierte Berufskleidung sortieren, bevor diese mechanisch zerrissen und am Ende zu neuem Garn verarbeitet wird.

Die Hersteller in die Pflicht nehmen

Faktisch gebe es aktuell kein Textil-zu-Textil-Recycling im großen Stil, verdeutlichte Thummerer. Wenn ein Kleidungsstück im Geschäft aus recycelter Baumwolle besteht, seien damit nicht Fasern ausrangierter Kleidung gemeint, sondern zum Beispiel Schnittabfälle von der Produktion. Im Gegensatz dazu recycelt Turns tatsächlich getragene Textilien. Allerdings konzentriert sich die Firma derzeit auf Berufskleidung. Das Sammeln von privaten Textilien ist nicht kostendeckend möglich, weil das Recycling beziehungsweise die Entsorgung teuer sind. Die große Hoffnung richtet sich auf die geplante Umsetzung einer erweiterten Herstellerverantwortung, wie sie das Gesetz bereits für Verpackungen, Elektrogeräte und Batterien vorschreibt: Dabei würden die Hersteller an den Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling beteiligt.

Wie man die Situation noch verbessern könnte? Da seien auch die Verbrauchenden in der Pflicht: „Weniger Konsum ist der einzig wahre Schlüssel zur Lösung”, findet Thummerer. „Und jedes neue Textil, das auf den Markt kommt, sollte verpflichtend einen Recycling-Anteil haben.” Selina Hoppe bat die Zuhörenden: „Wenn ein Container voll ist, nehmt den Sack nochmal mit heim.” Diesem Appell schloss sich auch Markus Gabler an. Er ist Sachgebietsleiter Abfallwirtschaft im Landratsamt Ansbach. „Jeder Sack, der direkt vorm Container abgelegt wird, ist verloren”, warnte er. Wenn dieser durch Regen oder Ungeziefer kontaminiert wird, muss die Kleidung darin in den Restmüll. Für die Entsorgung fallen wiederum Kosten an, die alle Bürgerinnen und Bürger tragen müssen. Gabler verwies bei Fragen auf den Abfallratgeber des Landkreises und die Abfallberatungshotline unter Telefon 0981/4682345.

Sammlung künftig unter Aufsicht

Eine weitere Idee brachte Manfred Eschenbacher vom Bund Naturschutz ins Spiel: Um Fehlwürfe zu vermeiden, könnten Altkleider-Container oder auch reine Baumwollsammel-Container in den Wertstoffhöfen aufgestellt werden. Wenn die Sammlung unter Aufsicht stattfände, würden Fehlwürfe vermieden, ist er überzeugt. „Container, in die jeder alles reinwerfen kann, haben keine Zukunft.”

Angelique Thummerer zeigte sich Pilotprojekten zur Wiederverwertung von privater Altkleidung durchaus nicht abgeneigt. Wenn jemand nach den Kriterien von Turns sammeln würde, wäre das möglich, meinte sie. Bürgermeister Meyer kann sich ein solches Pilotprojekt in Sachsen – vielleicht gemeinsam mit weiteren Landkreis-Gemeinden – sehr gut vorstellen.


Andrea Walke
Andrea Walke
... ist Redakteurin in der Lokalredaktion Ansbach und seit Dezember 2012 bei der FLZ. Sie fühlt sich in Rathäusern genauso wohl wie in Gerichtssälen und trifft am liebsten Menschen, die eine interessante Geschichte zu erzählen haben. Seit 2017 betreut sie redaktionell die Aktion "FLZ-Leser helfen".
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