Eine Ausstellung über Freundschaft und Erinnerung und zugleich über jüdische Feste und Bräuche ist derzeit im Fränkischen Museum in Feuchtwangen zu sehen. Das verbindende Element sind Glanzbilder, die kleinen Papierkunstwerke, die weltweit in Poesiealben geklebt wurden.
Poesiealben sind Schrift gewordene Erinnerungen an Menschen, mit denen vor noch gar nicht allzu langer Zeit der eigene Lebensweg oder Lebensabschnitte wie Schule, Ausbildung oder Studium geteilt wurden. Durch die Beziehung zwischen dem Besitzenden des Albums und den Eintragenden wird so ein Büchlein auch zum Dokument einer bestehenden oder gewesenen persönlichen Beziehung.
Was zunächst eine rein persönliche Erinnerung zu sein scheint, wird über die Jahre und Jahrzehnte doch zu einem historischen Zeugnis, das Aufschluss geben mag über Sitten und Gebräuche, Vorlieben oder Kunstgeschmack einer Epoche. Denn außer sorgfältig ausgewählten Versen und persönlichen Widmungen enthalten Poesiealben meist Bilder. Manchmal sind die selbst gemalt, viel öfter aber sind Glanzbilder hineingeklebt.
Das sind farbige, auf Papier im Chromolithographieverfahren gedruckte Miniaturen für Dekorations- und Sammelzwecke. Als Luxuspapier hergestellte Glanzbilder für Poesiealben verbreiteten sie sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Popularität dieser Druck-Erzeugnisse erreichte zwischen den 1870er und den 1910er Jahren ihren Höhepunkt. Grundlage für diese üppige Blütezeit waren die Mechanisierung der Papierherstellung sowie die Erfindung der besagten Chromolithographie oder des farbigen Steindrucks in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Solnhofer Plattenkalk aus dem Mittleren Altmühltal war der weltweit berühmteste Träger der Druckvorlagen.
Steindruck-Schnellpressen ermöglichten ab den 1870er Jahren die Massenproduktion. Was zuvor eine kostbare Seltenheit war, wurde nun eine allerorten verfügbare Massenware und wurde breiten Bevölkerungsgruppen zugänglich.
Die Menschen verzierten damit nicht nur Einträge in Poesiealben, sondern auch Briefe und Postkarten und sogar auf Lebkuchen landeten die Glanzbilder.
Die Miniaturen, die das Team um Museumsleiterin Dr. Uta Karrer liebevoll in Guckkästen in Szene gesetzt hat, zeigen ein farbenprächtiges Panorama. Da sind zum Beispiel üppig geschmückte Weihnachtsbäume zu sehen; Nikoläuse unterschiedlichster Couleur und Winterszenen. Ganz das Gegenteil dieser nostalgisch-besinnlichen Motive sind die roten Teufel, die frech aus ihrem Guckkasten grinsen.
Die Glanzbilder wirken durch die Prägung fast dreidimensional. Dieser Effekt war ausschlaggebend für den Zeitgeschmack und Erfolg der Druck-Erzeugnisse. Durch Prägung und Reliefierung der Glanzbilder auf Papier von hoher Qualität wurde dieser Effekt erzeugt. Die Motive wurden ausgestanzt. Der farbintensive Glanz der gelackten, manchmal mit Glimmer versehenen Oberflächen gab den Glanzbildern ihren Namen.
Die aufstrebende Metropole Berlin entwickelte sich mit 150 Luxuspapier-Fabriken – viele davon hatten jüdische Besitzer – zu einer Hochburg der Glanzbilderproduktion. So ist im Fränkischen Museum in Feuchtwangen ein Teil der Ausstellung den jüdischen Herstellern gewidmet: Littauer & Boysen gehörte von der Gründung 1882 bis zum gewaltsamen Ende durch die Nationalsozialisten zu den wichtigen Luxuspapierfirmen in Berlin.
Das Gründungsjahr des Unternehmens fiel in die beginnende Blütezeit der Glanzbilder, entsprechend rasch eroberte sich die Firma einen Platz auf dem weltweiten Glanzbild- und Oblatenmarkt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Papierfabrikation rund 600 Angestellte. Die Produkte wurden in die wichtigsten Abnehmerländer Großbritannien und USA exportiert.
Doch Ende der 1920er Jahre geriet die Firma in schwieriges Fahrwasser. Erben verkaufen 1927 einen Teil der Druckplatten. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete das Ende für Littauer & Boysen. Die jüdischen Unternehmer nahmen sich das Leben oder wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete in Deutschland abrupt das kulturell reiche jüdische Leben. Wie facettenreich der Alltag, die Feste und Bräuche waren, lässt sich in der Feuchtwanger Sonderstellung ergründen, denn es gibt auch Glanzbilder, die einen Blick in dieses Leben gewähren.
Dr. Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, hatte anlässlich seines Besuchs der Sonderausstellung festgestellt, dass die ausgestellten Glanzbilder einen facettenreichen Blick in die jüdische Kultur eröffneten.
Der Reichtum der Motive zeigt Formen des religiösen Lebens, beispielsweise die Feier des jüdischen Neujahrs oder der Hochzeit unter freiem Himmel. Prächtige Synagogen werden hier lebendig, jüdische Feste entfalten sich. Der Lebenslauf eines Menschen wird oft als Lebenstreppe dargestellt, die Kindheit in Einzelbildern illustriert.
Entstanden sind diese Glanzbilder zu den jüdischen Festen zwischen den 1900er und 1920er Jahren. Zielgruppe waren vornehmlich Jüdinnen und Juden in den USA. Weil viele von ihnen aus dem östlichen Europa eingewandert waren, treten in den Motiven Bräuche und Kleidungsstile des „Schtetl“ prominent hervor.
Mit den Poesiealben von Privatpersonen, die dem Aufruf des Fränkischen Museums gefolgt waren, schließt sich ein Kreis: In fast jedem Exemplar aus jeder Epoche sind Glanzbilder enthalten. Und weil Uta Karrer mit allen, die ihre Bändchen für die Ausstellung zur Verfügung gestellt haben, gesprochen hat, bekommen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung einen sehr persönlichen Eindruck von der Bedeutung eines Poesiealbums. „Das war voll der Flash, als ich mein Poesiealbum wieder durchgegangen bin“, sagt da eine 47-Jährige.
Die Sonderausstellung „Feste und Freundschaft: Jüdische Glanzbilder und Feuchtwanger Poesiealben” ist bis zum 17. Dezember im Fränkischen Museum zu sehen: Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.