Wenn am Sonntag die Kaspar-Hauser-Festspiele beginnen, werden es die letzten in der gewohnten Art sein. Eckart Böhmer verabschiedet sich als Theaterregisseur. In zwei Jahren dann bietet das Kaspar-Hauser-Zentrum, das am Montgelasplatz entsteht, neue Möglichkeiten.
Seinem Konzept ist Festspielintendant Eckart Böhmer seit über 26 Jahren treu geblieben: Eine „Begegnung der Wissenschaften und der Künste“ sollen die Tage zu Ehren des rätselhaften Jugendlichen sein, der 1828 in Nürnberg wie aus dem Nichts erschien und 1833 in Ansbach nach dem Attentat im Hofgarten an einem Stich ins Herz starb.
Ein wenig Wehmut beschleicht den Intendanten, dass das Kaspar-Hauser-Zentrum noch nicht fertig ist. „Aber was spielt schon Zeit für eine Rolle“, findet er, „es sind solch existenzielle Fragen in der Welt. Ich freue mich, wenn es dann fertig ist, sodass es zu den nächsten Festspielen stark frequentiert werden kann.“ Mit einem großen Präsentationsabend und fünf Referenten soll das Projekt aber bei diesen Festspielen der breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden (3. August, 19 Uhr, Onoldiasaal).
Nicht beklagen will Eckart Böhmer, dass die Stadt den Festspieletat gekürzt hat. Er habe nur lachen können: „Ach, immerhin. Andere sind ganz gestrichen worden.“ Mit 25.000 Euro habe er die Hälfte des bisherigen Etats zur Verfügung. „Finanziell ist natürlich alles sehr dünn“, sagt er. „Zehn Leute auf der Bühne, das kann ich mir abschminken.“
Das verbindende Thema lautet in diesem Jahr „Menschwerdung“. Eckart Böhmer hat dabei aktuelle Entwicklungen im Blick, etwa die Idee, Menschen durch technische Hilfsmittel zu optimieren, oder auch den Aufstieg der Künstlichen Intelligenz, die täuschend echt Menschliches nachbildet. „Der Mensch ist dem nicht gewachsen“, ist Eckart Böhmer überzeugt. „Je mehr der Mensch meint, er ist fertig, ist er bald fix und fertig.“ Statt die Entwicklung nach außen zu verlegen, müsse er sich erst selbst entwickeln. Die Gefahr, die jede Technologie mit sich bringt, setzt er in ein Bild: „Ein Brotmesser ist per se nichts Schlechtes, aber man würde es nicht einem Kind in die Hand drücken.“
Das Motto „Menschwerdung“ hat der Intendant von Jakob Wassermann entlehnt. Der Schriftsteller sah in Kaspar Hausers kurzem öffentlichen Leben eine „Menschwerdung“ in zusammengepresster Form. Als der etwa 16-Jährige zu Pfingsten 1828 auftauchte, konnte er kaum gehen und reden, schien geistig zurückgeblieben.
Dass Kaspar als Kind durch die jahrelange Einkerkerung nicht zerstört worden sei, findet der Intendant außerordentlich. „Natürlich hat er unendlich wenig gekonnt, hat dann aber unendlich viel sehr schnell gelernt. Bis hin zu dieser Gabe, seinen Feinden zu verzeihen.“ Resilienz, auch dafür steht Kaspar Hauser, was ihn nach Böhmers Meinung in einer Zeit vielfacher Krisen zu einem Symbol, zu einer Kraft- und Trostquelle mache.
In seinem Stück „Die besten Menschen“ greift Eckart Böhmer das Thema „Menschwerdung“ auf. Der Ansbacher Kaspar Hauser, auf seinem letzten Weg in den Hofgarten, und der Nürnberger Kaspar Hauser treffen sich. Durch die Begegnung „mit seinem eigenen inneren Kind“ vollziehe er „eine Reflexion über seine fünfeinhalb Jahre Menschsein“, so Böhmer.
Das Zwei-Personen-Stück mit Heike Eichenseher und Heiner Bomhard wird am Sonntag uraufgeführt (28. Juli, 30. Juli, 2. August, jeweils 20 Uhr im Onoldiasaal). Es ist das zwölfte Stück zu Kaspar Hauser, das Böhmer inszeniert und überhaupt das letzte. „Es ist dann auf der Bühne gesagt, was zu sagen ist, was zu sagen war.“ Die Festspiele leiten will er weiterhin. Eckart Böhmer, Jahrgang 1966, überlegt aber bereits, wie eine Nachfolge aussehen könnte.
Das zweite Kunstereignis zur Eröffnung soll der „Schwanengesang“ werden. Franz Schubert, der 1828 starb, hat 14 Lieder hinterlassen, die sein Verleger zu der Sammlung „Schwanengesang“ zusammengestellt hat. Als Lieder ohne Worte führt sie das Duo Chagall, die Cellistin Birgit Böhme und der Pianist Marc Böhme, auf. Zu sehen ist zudem der Bilderzyklus, zu dem Andrea Schumacher durch Schuberts Musik und das Duo angeregt worden ist (28. Juli, 15 Uhr, Onoldiasaal).
Mit einer Lesung und einem Vortrag stellt Eckart Böhmer seine Erzählung „Gottfried“ vor. Er hat darin Texte von Georg Friedrich Daumer, Kaspar Hausers Erzieher, integriert (1. August, 15 Uhr, Onoldiasaal).
Sehr dankbar ist Eckart Böhmer dem Künstler Johannes Vetter, dessen Ansbach Contemporary Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen ist, für die Unterstützung, um eine große Ausstellung im Kunsthaus Reitbahn 3 zu ermöglichen. „Über 50 Künstler bis weit über die Grenzen Deutschlands“, so der Intendant, haben Arbeiten zum Begriff „Menschwerdung“ eingereicht (Vernissage am 28. Juli, 17.15 Uhr im Kunsthaus).
Acht Vorträge von Rednern, die Stammgäste der Kaspar-Hauser-Festspiele sind, bilden einen roten Faden des Programms. Unter anderem sprechen Peter Selg, Richard Steel, Terry Boardman, Markus Osterrieder und Marcus Schneider. Den Abschlussvortrag hält Eckart Böhmer (4. August, 17 Uhr, Onoldiasaal).
Insgesamt umfasst der achttägige Spielplan 27 Programmpunkte – darunter auch Eurythmie, „Schöpferisches Gestalten“, ein Schreibspaziergang mit Karin Ehrlich und Stadtführungen.