Nicolas Kraemer landet nach Stationen in mehreren Ländern in Kolumbien. Dort fädelt er einen Schüleraustausch mit dem Scheinfelder Gymnasium ein.
Er ist kein Mann der einfachen Wege. Das wird schnell klar, wenn Nicolas Kraemer im Heimaturlaub in Unterlaimbach bei einem Glas Mineralwasser auf der Terrasse sitzt und seine Geschichte aus sich heraussprudeln lässt. Eine Geschichte, die schon so manche Wendung genommen hat.
Gemessen in Lebenszeit mag es verwundern, Kraemer einen Unterlaimbacher zu nennen. Der 40-Jährige ist woanders (in Bayreuth) geboren, woanders (an der Mainschleife) aufgewachsen, hat seinen Beruf woanders (in Bamberg, Erlangen und Würzburg) erlernt und erwirbt seine Brötchen ganz woanders: in Südamerika. Doch Kraemer fühlt sich hier daheim, im Steigerwald, im Einfamilienhaus seines Stiefvaters und seiner Mutter in dem Ortsteil von Scheinfeld im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Hierher kehrt er immer wieder zurück.
„Wo es mir gut geht, da ist meine Heimat“, sagt eine lateinische Redensart. In Scheinfeld geht es Kraemer gut. Hierher kommt er liebend gerne: während seiner Studienzeit zum Hausarbeitenschreiben und zu Übungen bei seinem Meister, wie die Kampfsportler ihre Trainer nennen.
Der Kampfsport, Shaolin-Kungfu, ist ein Schlüssel zu Kraemers Lebensweg. Er entdeckt diesen Sport als Jugendlicher für sich, trainiert fünfmal die Woche, möchte nichts anderes machen in seinem Leben. Japanologie oder Sinologie fasst er ins Auge, nur um dem asiatischen Kampfsport nahe zu sein. Doch sein Meister stellt ihn in den Senkel. Er soll seinen Blick und seine Fähigkeiten weiten.
Und ein Geschichtslehrer am Bayernkolleg in Schweinfurt, wo er – nach etlichen schulischen Stationen – auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur macht, weckt sein Interesse für die Historie. So sehr, dass er dieses Fach dann auch studiert.
Zunächst tut er das aufs Gymnasiallehramt, dann in Kombination mit Deutsch – mit dem Ziel, Realschullehrer zu werden. Die Referendariatszeit hätte ihm das allerdings fast vergällt. Denn seine Seminarleiterin in Deutsch machte ihm das Leben schwer, berichtet Kraemer. Dreimal war er kurz davor, diesen letzten Teil der Lehrerausbildung hinzuschmeißen, bekennt Kraemer.
Doch wusste er auch, ohne abgeschlossenes Referendariat schrumpfen seine Berufsperspektiven. Das galt auch für die Stellen, auf die er inzwischen ein Auge geworfen hatte: Lehrer an einer deutschen Schule im Ausland. Also kämpfte er sich durchs Referendariat.
In Bayern bleiben wollte er nicht mehr. Er schrieb zwei Hand voll Bewerbungen in alle Welt. Die Adressen fand er auf der Plattform des Verbands deutscher Auslandsschulen. Quasi über Nacht kamen drei spannende Angebote zurück. Sein spontaner Favorit – die philippinische Hauptstadt Manila – scheiterte an der zeitlichen Unvereinbarkeit des dortigen Schulstarts mit seinem noch laufenden Referendariat.
Blieben noch Mexiko und Peru. Eigentlich war ihm Mexiko interessanter erschienen, da die dortige Stelle auch gut zu Kraemers musischer Neigung – er spielt Schlagzeug und Gitarre und ist bekennender Cineast – passte. Doch der Schulleiter in Lima hat sich so sehr um Kraemer bemüht, dass dieser letztlich überzeugt war, Peru sei doch die bessere Wahl. Und: Die peruanische Küche gilt als hervorragend. Ein Pluspunkt, fand Kraemer, der im Herbst 2019 mit dem üblichen Zweijahresvertrag seinen Dienst in der peruanischen Hauptstadt antrat.
Dann kam Corona. Peru traf die Pandemie heftig, was auch zu erheblichen Einschränkungen führte. Keine Schule durfte mehr betreten werden. Allerdings war Kraemers Einrichtung technisch gut ausgestattet. Der Online-Unterricht war kein Problem, stabil und funktionstüchtig. Das liegt auch daran, dass die Elternschaft dort „voll auf Zack“ ist und die Schule, mit allem was sie brauchte, unterstützte. „Ein bisschen Helikopter-Eltern“, sagt Kraemer, „aber in dem Fall war das gut.“
Die Distanz beim Distanz-Unterricht kann durchaus groß sein. So konnte Kraemer diesen etwa auch von Unterlaimbach aus leiten. Oder etwa auch von der Karibik aus, wo der reisefreudige Kraemer eine honduranische Insel für sich entdeckt hatte – und nicht nur die Insel, sondern auch eine Honduranerin.
Doch war es auch eine schwierige Zeit. Wegen der Corona-Einschränkungen hatte Kraemer das Gefühl, Peru nicht so richtig kennenlernen zu können. Hinzu kamen private Schicksalsschläge.
Kraemer suchte nach Luftveränderung und fand sie in den USA, in Colorado, wohin ihn ein Freund eingeladen hatten. Noch aus seiner Studentenzeit Jobs in der Veranstaltungsbranche gewohnt, verdingte er sich in Aspen als Barkeeper. Das Städtchen, von der Einwohnerzahl nicht viel größer als Scheinfeld, gilt als eine der reichsten Orte der Welt – was sich auch bei den Trinkgeldern für Barkeeper bemerkbar macht, schmunzelt Kraemer.
Allerdings sieht er rasch auch die dortige Oberflächlichkeit, so dass er nach ein paar Monaten wieder zurückkehrt in den Lehrberuf, diesmal an die Karibikküste im kolumbianischen Barranquilla. In der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt packt er sogleich ein neues Projekt an. In der dortigen deutschen Schule ist ein mehrmonatiger Schüleraustausch mit Deutschland Pflicht.
Kraemer stellt einen Kontakt zum Scheinfelder Gymnasium her und fädelt den ersten Kolumbien-Austausch der hiesigen Schule ein. Eine Hand voll kolumbianischer Schüler war in den vergangenen Monaten im Steigerwald, eine Hand voll aus dem Steigerwald wird demnächst für zwei Monate nach Barranquilla reisen.
Nicolas Kraemer wird dann schon nicht mehr dort sein. Er tritt Mitte August seine nächste Stelle in der Hauptstadt Bogotá an. Und den übernächsten Hafen hat er auch schon fest im Blick, den der Ehe. Im kommenden Januar heiratet er seine Honduranerin – und das tut er in Scheinfeld.