Der Kärnter hinter der evangelischen Stadtkirche ist das älteste Gebäude in Neustadt. Das im 14. Jahrhundert errichtete turmartige Haus beherbergte bis 2014 einen Teil der Kirchenbibliothek. Doch wegen nicht fachgerechter Baumaßnahmen veränderte sich die Statik. Lange suchte die Kirche einen Käufer für das denkmalgeschützte Haus. Dieser fand sich 2022 in der Messerschmitt-Stiftung.
Dass die Stiftung den Kärnter gekauft hat, ist dem Historiker und Altbürgermeister Dr. Wolfgang Mück zu verdanken. Nach vielen vergeblichen Versuchen, einen öffentlichen Investor für den Kärnter zu finden, kam ihm bei der Besichtigung der Schlösser in Obernzenn der Gedanke, sich an die Messerschmitt-Stiftung zu wenden, die beide Bauwerke renoviert hatte. „Dazu habe ich einen Antrag verfasst, der letztlich erfolgreich war“, sagte er. Mück steht an der Spitze des 2019 gegründeten Fördervereins. Dieser bemüht sich um die Rückführung der Bibliothek nach Neustadt und hat nach Worten des Historikers auch die Pflege des Gesamtbestandes übernommen.
Die Bücher im Kärnter kamen laut Mück aus dem Dekanat, wo sie bis 1967/68 untergebracht waren, zunächst in den Keller des Städtischen Kindergartens am Schlossgraben. Da dieser jedoch feucht war, wurden sie 1970, nachdem die Wohnung des Kirchners frei geworden war, in das zweite Obergeschoss des Kärnters transportiert.
Dort blieben sie bis 2014. Dann mussten sie aus statischen Gründen aus dem Gebäude gebracht werden und gelangten ins Depot des Landeskirchlichen Archivs – „sehr zum Leidwesen vieler Neustädter“. Mück weiß auch noch, wie der Kärnter früher belegt war: Der Posaunenchor – früher Teil des CVJM – probte demnach seit seiner Gründung im Jahre 1908, unterbrochen durch den Ersten (1914 bis 1918) und Zweiten (1939 bis 1945) Weltkrieg bis zu Beginn von Corona im Kärnter. Der Umzug ins Gemeindezentrum erfolgte im Juni 2021. Die Stiftung erwarb das Gebäude schließlich im Jahr 2022. Und die endgültige Räumung erfolgte zum 11. Februar 2023.
Seitdem die Stiftung das Gebäude erwarb, ist viel geschehen, wie der Architekt Klaus-Jürgen Edelhäuser aus Rothenburg beim Ortstermin erklärte. Sein Büro war seinerzeit mit der Renovierung sowohl des Blauen als auch des Roten Schlosses in Obernzenn befasst. Bauforschung zum Kärnter werde derzeit betrieben. Das Ziel ist es, aufgrund der dabei gewonnenen Erkenntnisse einen Bauantrag aufgrund einer Nutzungsänderung bei der Stadt einzureichen.
Nutzungsänderungen sind normal, doch sei an dieser Stelle daran erinnert, dass der Kärnter ursprünglich ein Beinhaus mit einer Kapelle war – damals befand sich ein Friedhof an der Stadtkirche. Doch welche Geschichte hat das Bauwerk seitdem durchgemacht? Die Putzfirma, die Rohbaufirma und die Natursteinfirma sind dabei, genau dies zu ermitteln. Zudem ist schon ein Zimmereibetrieb aus Burgambach am Werk.
Die erste große Arbeit steht kurz vor dem Abschluss: Die Wände werden innen und außen freigelegt. Restaurator Stefan Achternkamp aus Obernzenn war damit betraut. Danach entdeckten die Fachleute vorhandene Schäden, Bausünden und Besonderheiten.
Zu Letzterem zählt die Tatsache, dass sich gleich im Eingangsbereich im Kreuzgratgewölbe ein zugemauertes gotisches Fenster abzeichnet. Wie groß war es wirklich? Im zweiten Stock wiederholt sich dieses Fensterszenario. Dort wurde auch Fachwerk offengelegt. Dieses wurde teilweise wieder verstärkt. Der Naturstein, erläuterte Edelhäuser vor Ort, soll ebenfalls wieder freigelegt werden. Ganz deutlich sei zu erkennen, dass an manchen Stelle offenbar falscher Putz verwendet wurde.
Innen tauchte eine Malerei in blauer Farbe auf. Wer war ihr Ersteller, wofür steht sie? „Das ist Bauforschung pur“, sagte Edelhäuser. Nachdem alle Putze weggekommen sind, wurden die Wände freigelegt. Im Erdgeschoss war die Substanz massiv mit Salz belastet. Bei Instandsetzungen sei das falsche Material verwendet worden.
Oben wurden Balken abgesägt und vorgemauert. Eine Balken-Bohlen-Decke kam in einer oberen Etage zum Vorschein, erläuterte Edelhäuser. Dort habe eine Putz-Pappe-Verkleidung dazu geführt, dass Feuchtigkeit eingedrungen war.
Auch Professor Erwin Emmerling aus Schnodsenbach bei Scheinfeld – er ist im Stiftungsrat der Messerschmidt-Stiftung – und der frühere Leiter des Fränkischen Freilandmuseums, Professor Konrad Bedal, haben sich den Bau bereits angesehen.
Anfang 2025 werden Archäologen im Kärnter tätig sein. Die Planungen werden eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt. Mit der Nutzungsänderung – die Kirchenbibliothek kommt nicht mehr in den Kärnter zurück – wird die Messerschmidt-Stiftung dann einen Bauantrag bei der Stadt Neustadt stellen. „Wir sind daran interessiert, dass es zügig vorangeht“, so Edelhäuser.