Jugendhilfeausschuss in Neustadt: Weniger Geld für mehr Krisen bei jungen Menschen | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 09.12.2025 17:34

Jugendhilfeausschuss in Neustadt: Weniger Geld für mehr Krisen bei jungen Menschen

Die Zahl der Krisen bei älteren Jugendlichen nimmt zu. Das könnte noch eine Auswirkung von Corona sein. (Symbolbild: Ulli Ganter)
Die Zahl der Krisen bei älteren Jugendlichen nimmt zu. Das könnte noch eine Auswirkung von Corona sein. (Symbolbild: Ulli Ganter)
Die Zahl der Krisen bei älteren Jugendlichen nimmt zu. Das könnte noch eine Auswirkung von Corona sein. (Symbolbild: Ulli Ganter)

Eine Statistik scheint manchmal zu nüchtern, um menschliche Schicksale abzubilden. Das ist besonders bei Kindern und Jugendlichen der Fall, wie jetzt im Jugendhilfeausschuss. Dennoch können die Zahlen helfen, Entwicklungen zu erkennen und vorbeugend tätig zu werden.

Der neue Jugendamtsleiter Christoph Eder stellte die Statistik vor: Die Zahl der Fälle, in denen das Jugendamt eingeschaltet wurde, blieb hoch. Die Entwicklung bei jüngeren und älteren Kindern scheint aber auseinanderzudriften. Zurück gingen die Zahlen bei den unbegleiteten minderjährigen Ausländern und Ausländerinnen.

Überforderung, Vernachlässigung und körperliche Misshandlung sind häufige Auslöser

Es gibt Positives: Gegenüber den Hauptjahren der Einschränkungen wegen Corona sind die Gefährdungsmeldungen stark zurückgegangen: 2021 gingen noch 265 Gefährdungsmeldungen ein, 2022 waren es dann nur noch 140. Seither steigt die Zahl aber langsam wieder. Überforderung, Vernachlässigung und körperliche Misshandlungen sind dabei die häufigsten Auslöser. Die Zahl der Inobhutnahmen liegt seit 2020 konstant zwischen 30 und 35. Die Zahlen waren nicht nach Alter der betroffenen Kinder und Jugendliche unterteilt, doch in den Erläuterungen war davon die Rede, dass die Zahlen bei den Jüngeren rückläufig seien. Ein deutliches Warnsignal sei dagegen der Anstieg bei den älteren Jahrgängen.

Häufiger geworden sind die Fälle, in denen das Jugendamt für den unterhaltspflichtigen Elternteil einen Unterhaltsvorschuss gewährt: 625 Mal sprang das Jugendamt im Jahr 2020 ein, fünf Jahre später, 2025, schon 828 Mal. Im vergangenen Jahr summierten sich allein die Unterhaltsvorschüsse auf rund 2,7 Millionen Euro. Etwa ein Viertel davon wird von den Unterhaltspflichtigen zurückgezahlt. Ebenfalls steigend ist die Zahl der Erstattungsanträge für die KiTa-Gebühren, auch diese steigen kontinuierlich.

Jugendgerichtshilfe hat weniger zu tun

Positiv ist dagegen die Entwicklung der Fälle, die bei der Jugendgerichtshilfe landen. Diese Zahl war schon mehr als doppelt so hoch: Ein Grund ist die Legalisierung von Cannabis, ein weiterer Grund die demografische Entwicklung: Es gibt schlicht weniger Jugendliche.

Neben einem positiven sieht das Jugendamt aber auch einen negativen Grund dafür, dass weniger Jugendliche Straftaten begehen. Anstatt, dass sie nach außen hin auffällig werden, werden immer mehr psychisch krank. Der viel optimistischere Erklärungsansatz für den Rückgang der Jugendkriminalität: Die Präventionsarbeit durch die Jugendsozialarbeit an Schulen sowie Vorträge und Trainingskurse zeigen Wirkung.

Gabi Schmidt: Kreis unter Landesdurchschnitt

Zurückgegangen sind auch die Zahlen der minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten – ein bundesweiter Trend. 21 sind im Landkreis untergebracht, sieben davon in Pflegefamilien. Außerdem sind noch zehn junge Volljährige in Unterkünften, drei wurden Ende November dem Landkreis neu zugewiesen. Trotzdem sei die weitere Entwicklung schwer zu prognostizieren, meinte Eder.

Gabi Schmidt meldete sich zu Wort und stellte fest: „Meines Wissens lag der Landkreis bei der Aufnahme der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten unter dem Landesdurchschnitt. Das muss einmal gesagt werden, weil von einer bestimmten politischen Richtung anderes behauptet wird.”

Uneins ist man sich noch mit dem Bezirk über Rückerstattungen für die UMAs. Aus Sicht des Landkreises sind dort noch etwa 2,3 Millionen Euro offen. „Da streiten auch andere Landkreise mit dem Bezirk, bislang aber noch ohne Erfolg”, sagte Eder.

Zahl der minderjährigen Geflüchteten sinkt

Das spiegelt sich auch im Haushalt wieder: Der soll zwar 2026 fast auf Vorjahresniveau bleiben, allerdings gab es schon 2024 dort einen gewaltigen Sprung. Statt der rund 7,4 Millionen an Aufwendungen, die in der Jugendhilfe prognostiziert wurden, waren es am Ende fast 11,2 Millionen Euro. Zwei Gründe dafür seien mehr stationäre Aufnahmen und die Inflation, sagte Eder. Zudem wurden Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Geflüchtete eingerichtet. Dazu, dass sich das in diesem Jahr nicht wiederholt, tragen die Einsparungen im Bereich der unbegleiteten minderjährigen Ausländer und Ausländerinnen (UMAs) und beim Haus für Mutter-Väter-Kinder bei. In diesen Bereichen soll etwa eine Million Euro eingespart werden.

Die Prognose für die Jugendhilfe ist nicht rosig: Ein Ausschleichen und Kürzen von Bundes- und/oder Landesleistungen wird erwartet. Damit sei die Jugendhilfe ein „Verlierer in Krisenzeiten”, sagte Eder. Dementgegen steht eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Krisen bei jungen Menschen, insbesondere Depressionen, Angst- und Essstörungen zunehmen, Kinder- und Jugendpsychiatrien überlastet sind und es keine Antwort auf die Frage gibt, wie man mit „System-Sprengern” umgehen soll. „Wie wir´s drehen und wenden: Die Zahlen bleiben auf hohem Niveau”, so Eder.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
north