Jüdischer Mitbürger beklagt: Der Antisemitismus nimmt zu | FLZ.de

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Veröffentlicht am 07.11.2023 17:49

Jüdischer Mitbürger beklagt: Der Antisemitismus nimmt zu

Ein altes Foto einer Bar Mizwa in Jerusalem. Das jüdische Leben im Landkreis spielt sich dagegen nicht so offen ab. Nur anonym sprach ein jüdischer Landkreisbürger über seine Lage.  (Repro: Jim Albright / Foto: Wolfgang Noack)
Ein altes Foto einer Bar Mizwa in Jerusalem. Das jüdische Leben im Landkreis spielt sich dagegen nicht so offen ab. Nur anonym sprach ein jüdischer Landkreisbürger über seine Lage. (Repro: Jim Albright / Foto: Wolfgang Noack)
Ein altes Foto einer Bar Mizwa in Jerusalem. Das jüdische Leben im Landkreis spielt sich dagegen nicht so offen ab. Nur anonym sprach ein jüdischer Landkreisbürger über seine Lage. (Repro: Jim Albright / Foto: Wolfgang Noack)

Er habe wieder angefangen zu rauchen, entschuldigt sich Gideon S. (Name geändert) gleich zu Beginn des Gesprächs. Immer mal wieder braucht er eine kurze Pause. Gideon S. lebt als Jude im hiesigen Landkreis. Die Frage danach, wie es ihm geht, erübrigt sich.

Ein Hintergrundgespräch über die Situation der Juden hierzulande war seit Wochen anvisiert – bereits vor dem neuerlichen Aufflammen des Nahost-Konflikts. Schon damals hatte Gideon S. darum gebeten, anonym zu bleiben – auch mit Blick auf seine kleinen Kinder. Schon damals beklagte er zunehmenden Antisemitismus in Deutschland.

Gebet an der Tempelmauer änderte viel

Jetzt hat sich alles zugespitzt. „Für mich war einfach immer klar: Wenn es hier zu schlimm wird, dann können wir nach Israel.“ Diese zumindest gefühlte Sicherheit ist seit dem Terroranschlag der Hamas mit mehr als 1400 Toten, etwa 4100 Verletzten und 250 Geiseln „einfach weg“.

Gideon S. stammt aus einem nicht sehr religiösen Elternhaus. „Lange war das Judentum einfach da in meinem Leben, aber nicht präsent.“ Erst mit 24 Jahren, bei einem Besuch in Israel, änderte sich das. „Als ich an der Tempelmauer gebetet habe, war das ein Gefühl, als ob sich mir eine Hand auf die Schulter legte“, beschreibt der sonst sehr rational wirkende Landkreisbürger dieses Erlebnis.

13-Jähriger überlebte den Terror als Einziger

Gideon S. hat viele Freunde in Israel. Einer der ersten Soldaten, der beim Versuch, die Hamas-Terroristen wieder aus seiner Heimat zu treiben, fiel, war der Sohn von einem davon. Während des Pressegesprächs ruft ein Bekannter an und erzählt ihm von einem 13-Jährigen, der während des Anschlags beim Großvater, einem Überlebenden des Holocaust, zu Besuch war. Nun ist er als Einziger der Familie noch am Leben. „Die anderen wurden abgeschlachtet wie Vieh.“

Gideon S. hat sich die schrecklichen Bilder angesehen. „Den Hamaskämpfern wurde in großen Mengen Captagon verabreicht“, schildert er. Diese Droge schalte jedes Mitgefühl aus. Die Bilder haben ihn erschüttert. „Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt, wie an dem Tag.“

Besonders fatal sei, dass der Angriff der Hamas just zu einem Zeitpunkt stattgefunden habe, als andere arabische Staaten sich Israel ein Stück annäherten. Hätte man es geschafft, die Hamas von ihren Geldgebern in Katar abzuschneiden, dann hätte sie vielleicht weiter an Einfluss verloren. Denn in letzter Zeit hätten die Aufrufe der Hamas an die Bevölkerung im Gazastreifen zusehends weniger Resonanz gezeigt.

Grauenvolle Erfahrungen schüren den Hass

In Gedanken und Telefonaten ist S. viel in Israel, „aber mit dem Hass, der gerade herrscht, kann ich nicht umgehen“. Auch Bekannte, die im vergangenen Wahlkampf noch für das Bündnis Blau-Weiß von Benny Gantz kämpften, oder politisch linke Freunde wollten jetzt ganz Gaza platt machen. Selbst Freunde von ihm in der israelischen Armee brennen nach den grauenvollen Erfahrungen, die sie beim Befreien der von den Terroristen verwüsteten Gebiete machen mussten, nun vor Hass. „Israel verliert seine Seele“, sagt S..

Das Land, auf das er immer so stolz war, ist ein anderes: dasjenige, in dem man mit der ständigen Gefahr von außen zu leben gelernt hat, in dem man auf der Dachterrasse mit Freunden saß und darauf vertraute, dass Israel die Raketen, die von Gaza abgeschossen wurden und am Nachthimmel zu sehen waren, abwehrt. Ein T-Shirt in Israel trägt eine lange Aufschrift: „Ich bin Jude. Du hast versucht, mich umzubringen. Ich habe gewonnen! Lass uns essen.“

„Naive Haltung des deutschen Staates”

Aber nicht nur Israel, auch Deutschland, ganz Europa, hat sich seit dem 7. Oktober verändert. In Neustadt sah er eine zehn- bis 15-köpfige Gruppe mit einer Palästinaflagge durch die Straßen ziehen, von Uffenheim und Bad Windsheim wurde ihm dasselbe berichtet.

„In jeder Gesellschaft gibt es zehn oder zwölf Prozent Antisemiten“, ist er überzeugt. „Das ist leider immer so.“ Doch gekippt sei die Situation 2015, der „importierte Antisemitismus“ sei ein Riesen-Problem. „Warum sollte jemand, dem von seiner Kindheit an der Hass auf Israel eingetrichtert wurde, ihn auf einmal ablegen, wenn er die Grenze nach Deutschland überschreitet?“, prangert S. die aus seiner Sicht naive Haltung des deutschen Staats an. Besonders den Grünen und der SPD auf Bundesebene wirft er vor, dass sie zugunsten ihres Ideals von Multikulti die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Man müsse sich an die schwierigen Themen herantrauen, „ansonsten, glaube ich, ist meine Generation die letzte von Juden in Deutschland“.

Vorfälle schon im Kindergarten

Er selbst hat seinen Kindern kein Hebräisch beigebracht. Er hat Angst, dass sie Brocken davon im Kindergarten äußern und von anderen Mädchen und Buben angegangen werden. Er hat von vielen Fällen dieser Art gehört. „Es ist kein Wunder, dass jüdische Kindergärten und Schulen streng bewacht werden.“ Hebräisch werden seine Kinder erst dann lernen, wenn sie groß genug sind, um zu wissen, wo sie es ohne Gefahr sprechen können.

Statt die letzten Holocaust-Überlebenden noch in Schulen einzuladen, solange das möglich ist, würden solche Termine nach seiner Beobachtung immer seltener, erklärt S.. Lehrkräfte und Schulleitung hätten wohl keine Lust auf hitzige Diskussionen an Elternabenden. Den Davidstern trägt er nicht mehr um den Hals. In seinem beruflichen Umfeld sind seiner Aussage nach etwa 30 Prozent Arabischstämmige tätig, das führe nur zu Problemen – bei weitem nicht mit allen, aber mit nicht Wenigen leider schon, sagt er.

Klare Haltung gegen Hassprediger

Was könnte man tun? Gideon S. erwartet vom deutschen Staat, dass er sich gegen Gruppierungen durchsetzt, die sich nicht an das Grundgesetz halten. Es gebe mehr als 3000 Moscheen, von denen der Verfassungsschutz wisse, dass in ihnen Hass gepredigt wird. Trotzdem geschehe nichts. (Das Gespräch fand vor dem Verbot von Hamas und Samidoun am vergangenen Donnerstag statt.)

Im Koran selbst werde über Judentum und Christentum als die beiden weiteren monotheistischen Religionen mit großem Respekt gesprochen. „Das Problem ist der politische Islam.“

Rabbi und Imam zusammen unterwegs

Wichtig sei, im Kindergarten anzusetzen. Die Kinder müssten die deutsche Sprache lernen. Toll seien viel zu seltene gemeinsame Projekte wie „Schalom Salam“, in dem Rabbiner und Imame zusammen in Einrichtungen gehen und sowohl Antisemitismus als auch antimuslimischen Rassismus bekämpfen.

Doch vielleicht ist es schon zu spät, klingt S. etwas resigniert. So wie er machten sich viele Juden immer unsichtbarer. Er schätzt, dass etwa drei Dutzend Juden und Jüdinnen deutscher Herkunft im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim leben. Dazu kommen weitere, die aus den ehemaligen Sowjet-Staaten immigriert sind. Doch im öffentlichen Leben tauchen sie nicht auf.

Im Landkreis existiert keine jüdische Gemeinde. Manchmal geht Gideon S. stattdessen zu einer Gemeinde in die Metropolregion. Kippa (die jüdische Kopfbedeckung der Männer) trägt er – ebenfalls wie viele Glaubensbrüder – nur an Orten, an denen die Polizei starke Präsenz zeigt. Die Israelfahne an der Wand seines Fitness-Raums hängt er schon lange ab, bevor ein Handwerker sein Haus betritt.

Nach dem Anschlag in Israel hat S. sich weiter zurückgezogen: An jüdischen Häusern oder Wohnungen findet man am rechten Türpfosten eine kleine längliche Kapsel: die Mesusa. Darin ist eine Pergamentrolle, auf der ein Gebet geschrieben steht. Die Mesusa hängt nun nicht mehr außen an seiner Tür. „Ich habe sie abgemacht. Sie klebt jetzt an der Türinnenseite, damit sie keiner sieht.“


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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