Jörg Dittmar ist Bad Windsheims neuer Dekan | FLZ.de

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Veröffentlicht am 16.09.2023 14:00

Jörg Dittmar ist Bad Windsheims neuer Dekan

Jörg Dittmar ist neuer Dekan im Bad Windsheimer Dekanat und wird am kommenden Sonntag offiziell in sein Amt eingeführt. (Foto: Anna Franck)
Jörg Dittmar ist neuer Dekan im Bad Windsheimer Dekanat und wird am kommenden Sonntag offiziell in sein Amt eingeführt. (Foto: Anna Franck)
Jörg Dittmar ist neuer Dekan im Bad Windsheimer Dekanat und wird am kommenden Sonntag offiziell in sein Amt eingeführt. (Foto: Anna Franck)

Jörg Dittmar ist Bad Windsheims neuer Dekan. Am Sonntag, 17. August, wird der 54-Jährige um 14 Uhr offiziell in der Stadtkirche St. Kilian bei einem Gottesdienst eingeführt. Zum Start spricht er mit unserer Redaktion über seinen Wechsel nach Bad Windsheim, die Bedeutung der Kirche heutzutage und Veränderungen in den nächsten Jahren.

Herr Dittmar, sind Sie gut in Bad Windsheim angekommen?

Meine Frau, meine zwei Töchter – acht und zehn Jahre alt – und ich freuen uns sehr, dass wir da sind. Wir sind warm und herzlich empfangen worden, sind fasziniert von dem alten Pfarrhaus am Dr.-Martin-Luther-Platz und der Ruhe hier. Und auch von der Gastfreundschaft in dieser Stadt.

Welche Stationen zeichnen Ihren Lebenslauf?

Ich bin als viertes Kind in einer Pfarrersfamilie nahe Bayreuth in Oberfranken aufgewachsen, hab es sehr geliebt in einem Pfarrhaus neben einer Kirche zu leben. Meinen Zivildienst machte ich in der Altenpflege. Theologie hab ich in Tübingen und München studiert, nachdem ich merkte, dass Philosophie und Kulturwissenschaften mir nicht genügen. Zeitweise arbeitete ich Nachtschichten in der Bahnhofsmission in München. Das Vikariat absolvierte ich in Bad Neustadt in Unterfranken. Es folgten Stationen in Goldbach und Schweinheim, ein Stadtteil in Aschaffenburg, ehe es für die letzten 15 Jahre ins Allgäu ging. Dort habe ich auch meine Frau geheiratet.

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Warum verschlägt es Sie jetzt nach Bad Windsheim?

Wir haben sehr gern im Allgäu gelebt. Ich war dort als Pfarrer an der St.-Mann-Kirche in Kempten und als Dekan für’s ganze Allgäu eingesetzt. Das war eine große Leitungsaufgabe. Ich war viel unterwegs mit weiten Fahrten in einer wunderschönen Landschaft. Ich kann Chef sein und gut organisieren, das weiß ich. Aber ich habe gemerkt: Ich möchte wieder mehr meine Gemeinde erleben. Mit meiner Familie auch Kirche leben. Mehr mit Menschen und Inhalten und etwas weniger mit Zahlen und Verwaltung zu tun haben. Da hat sich diese Stelle hier angeboten.

Es ist gesetzlich geregelt, dass Pfarrer nach 15 Jahren die Stelle wechseln sollen. Wie finden Sie das?

Ehrlich gesagt: Ich hätte klar auch noch ein bisschen länger im Allgäu bleiben können. Aber nach 15 Jahren hat man sich ziemlich eingeschossen. Das eigene System funktioniert gut, aber man wird auch betriebsblind. Ich wollte auf jeden Fall noch einmal wechseln und der Zeitpunkt jetzt war ideal. Mit 54 Jahren hab ich ein Alter, bei dem die Bad Windsheimer noch etwas von mir haben. Die nächsten 15 Jahre bleib ich gerne hier – außer der liebe Herrgott hat etwas anderes mit mir vor. Bad Windsheim ist für mich keine Zwischenstation. Ich will mit meiner Familie hier Heimat finden.

Was unterscheidet Bad Windsheim von Ihren bisherigen Wirkungsstätten?

Ich war immer in Regionen, in denen die Evangelischen die Minderheit waren und man neben einer großen katholischen Kirche lebte und arbeitete. Und manchmal auch für deren Probleme mitbüßen musste. Zu erleben, dass die evangelische Kirche hier einen traditionsgebundenen, aber weltoffenen Stand hat und schon eine wichtige Hausnummer ist, das freut mich. Das ist ein anderes Lebensgefühl und macht mir gerade richtig viel Freude.

Die Probleme der katholischen Kirche. Sie meinen zum Beispiel die Missbrauchsskandale?

Kirche ist an vielen Stellen in einer Verwandlung. In einer Krise. Im Allgäu habe ich erlebt, wie schlecht es der katholischen Kirche geht. Die Missbrauchsproblematik und die Personalprobleme lassen – so mein Eindruck – für manche das Thema Kirche ganz aus ihrem Leben verschwinden. Zu oft landen wir Evangelischen auch in diesem Sog. Es ist gar nicht so einfach zu erklären, dass wir viele Themen anders leben und definieren. Dass wir eine demokratische Kirche sind. Dass Frauen in jeder Hinsicht das gleiche Recht haben müssen. Dass wir eine andere Sexualethik haben, die dieser Zeit zugewandt ist. Das macht einen Riesenunterschied.

Wie wichtig ist es, sich da abzugrenzen?

Als Bayerische Landeskirche sind wir im bunten Strauß der Christen auch nur eine Blume. Da ist jeder anders. Es geht nicht ohne die katholische Kirche. Die haben es jetzt schwer. Aber sie haben auch eine reiche, schöne Tradition. Die Neuapostolische Kirche öffnet sich stark. Und ich freue mich, dass wir gut mit Freikirchen in Kontakt sind. Das Christentum hat nie einer allein. Jesus Christus hat gewollt, dass das jeder anders verstehen darf. Wichtig ist, dass wir einander schätzen und ein freundliches Miteinander pflegen, aber manchmal eben auch eine profiliertes Selbstbewusstsein.

Warum sind Sie Pfarrer geworden?

Ich war als Kreuzträger in jungen Jahren auf überdurchschnittlich vielen Beerdigungen. Was bleibt, was zählt und wofür lohnt es sich wirklich zu leben? Das hat mich umgetrieben. Der christliche Glaube hat keine einfachen Antworten parat. Aber er ist eine Denk- und Glaubenswelt. Manchmal passieren Dinge, die ich nicht erklären kann und die mir zeigen: Es gibt diese unsichtbare Kraft, von der mein Leben kommt und die ich Gott nenne. Die mir immer wieder hilft, richtige Wege zu gehen. Die Kirche ist wie ein Schonraum für die ganz großen Fragen, die manchmal auch offen bleiben dürfen bis sie Gott selbst schließt. Ich bin Theologe geworden, weil ich für mich in dieser Welt den Raum finde, wo ich sage: Da reift etwas.

Sie sind auch Vergebungsberater. Was bedeutet das?

Vergebung ist ein Thema, das mich sehr umtreibt. Wie können Menschen es schaffen, anderen zu vergeben? Was Menschen von anderen erlitten haben, das tragen sie lange als große Last mit sich herum. Zwischen Menschen gibt es oft das Phänomen, dass sie einander natürlich weh tun. Beziehungsverletzungen, die meistens über Jahre plagen. Vergeben kann heilsam sein. Es ist ein Missverständnis, dass es in der Kirche immer nur darum geht, ob der Mensch der Sünder ist und Gott ihm vergibt. Aus meiner Sicht kommt es viel mehr darauf an, ob wir von Gott das Vergeben lernen.

Außerdem sind Sie Gemeindeberater.

Eine sehr hochwertige Ausbildung in der Bayerischen Landeskirche. Wie entwickeln sich Gemeinden? Was ist für sie wichtig? In welchem Prozess befinden sie sich? Wir sind da in einer Umbruchsituation. Es sind nicht mehr alle Antworten von früher jederzeit richtig. Es gibt aber auch vieles, was heute zu schnell in Frage gestellt wird und trotzdem einen großen Wert hat. Zwischen Innovation und Bewahren den richtigen Weg zu finden – das ist auch das, was ich in Bad Windsheim als Leitungsidee habe.

Hat die Kirche in den vergangenen Jahren ihren Status verloren?

Es gibt diesen Mega-Trend der Individualisierung und Entsolidarisierung, gegen den wir nicht ankommen. Kirche war für die Menschen in der Nachkriegszeit und bis in die 1990er Jahre etwas sehr Selbstverständliches. Wer austrat, war fast geächtet. Und ganz ehrlich: Das ist nicht im Sinne Jesu Christi. Es gibt Statistiken, die zeigen, dass die, die jetzt noch in der Kirche sind, eine höhere Verbundenheit haben als die Mitglieder vor einigen Jahren. Wir kommen aus einer Position, in der wir sehr viel Geld und auch Dominanz in der Gesellschaft hatten, hinein in eine viel pluralere Welt.

Das kann Angst machen.

Ich verstehe, wenn das jemanden verängstigt. Ressourcen, Personal und Mitglieder schrumpfen. Das wird ein Problem. Wir werden nicht einfach so weitermachen können.

Was heißt das?

Man muss sich fragen: Können wir uns die Kirchen und Immobilien eines Dekanats noch alle leisten? Gemeindehäuser sind wunderschön, aber wenn sie nur vier Mal pro Woche genutzt werden, ist das teuer. Wir werden uns auf eine Verschlankung einlassen müssen. Das wird Schmerzen kosten, weil Menschen an Vertrautem hängen. Es wird schwierig, aber ich glaube, wir werden Gebäude aufgeben müssen.

Auch in Bad Windsheim?

Hier ist die Gebäudesituation aus meiner Sicht gut geklärt. Ich glaube, die Bad Windsheimer haben ihre Hausaufgaben gemacht. Ob das im ganzen Dekanat so ist? Das wird man sehen müssen.

Am Holzmarkt entsteht dagegen gerade ein neues Gemeindehaus.

Die Verantwortlichen haben in einer langen und guten Diskussion ihren Weg der räumlichen Konzentration gefunden. Davor habe ich einen Riesenrespekt. Ich will mit all meiner Energie unterstützen, dass das Projekt gelingt und Menschen dafür begeistern. Wir brauchen Gemeindehäuser wie dieses. Wir müssen aber dafür sorgen, dass es im positiven Sinne abgenutzt wird. Sonst müssten wir es ja nicht bauen. Da muss das Leben toben und das schaffen wir sicher nicht als Kirchengemeinde ganz allein.

Ein neuer Job bringt auch Herausforderungen mit sich. Was bereitet Ihnen Bauchgrummeln?

Ein kleiner Nackenschauer überkommt mich beim Gedanken an die Finanzierung des Gemeindehauses am Holzmarkt. Ich glaube schon, dass wir das gut stemmen, aber ein Spaziergang wird es nicht. Und dann kommt noch unser St.-Kilian-Kirchturm dazu. Der muss bald wieder ohne grünes Kleidchen dastehen. Wie das funktionieren soll – davor hab ich großen Respekt, aber bin zuversichtlich. Und: Meine Vorgänger und Vorgängerinnen haben super Arbeit geleistet. Für die guten Spuren bin ich dankbar und knüpfe gerne an.

Stramme Zeiten für die Kirche. Wie behalten Sie Ihre Hoffnung?

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Botschaft so relevant ist, dass sie immer wieder die Energie sein wird, die Menschen verwandelt, damit sie vergeben, neu anfangen und auf die Fragen ihres Lebens eine Antwort finden können. Bei aller Umstrukturierung müssen wir erkennen: Wir haben die beste Botschaft der Welt. Nämlich, dass Gott uns Menschen von Herzen durch und durch lieb hat. In welchen Gebäuden wir das erzählen ist zweitrangig. Dann steigen wir halt von dem einen oder anderen hohen Ross runter. Für Jesus war ein Esel gut genug.

Auf was freuen Sie sich jetzt am meisten?

Ich bin ein Weihnachtschrist. Ich liebe Weihnachten. Ich freue mich darauf, mit den Bad Windsheimern und den Menschen im Dekanat Weihnachten zu feiern. Dann sind wir sicher als Familie schon ein gutes Stück tiefer angekommen.


Anna Franck
Anna Franck
Redakteurin im Online-Team
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