Wo früher die Mailer Oma Süßigkeiten verteilte, sitzt jetzt das Dorf zusammen. Das ehemalige Milchhaus im Ortskern von Winkelhaid wurde im Rahmen der Dorferneuerung saniert und im einen Begegnungsort verwandelt. Auch die Betreiber lokalen Gaststätte bringen sich ein.
Dass hier jetzt auch die Feuerwehr zu Hause ist, wird nach wenigen Minuten Aufenthalt deutlich. Wilfried Lemberger, der in seiner Funktion als Ortssprecher Winkelhaids anwesend ist, um das neu hergerichtete Dorfgemeinschaftshaus vorzustellen, stürzt mit dem Ruf der Sirene nach draußen. Er ist auch bei der Freiwilligen Feuerwehr des Ortes aktiv. Selbstverständlich, dass er zum Unfall mit rausfährt.
Am Tisch in der Stube, vorm wummernden Pelletofen bleiben gemütlich sitzen: Elfriede Huber, die Enkelin der letzten Bewohnerin des Hauses sowie Ingrid Ortenreiter vom Gasthaus Seitzinger nebenan. Holztische, gepolsterte Sitzbänke und eine moderne Theke – jeder der hierher kommt, soll es schön haben.
Im Sommer 2022 wurde das Dorfgemeinschaftshaus in Winkelhaid, einem Gemeindeteil der Stadt Windsbach im Landkreis Ansbach, offiziell eingeweiht. Fertig war das Haus schon Monate vorher, die damaligen Auflagen wegen der Corona-Pandemie hatten das große Eröffnungsfest verzögert. Schon lange hatte sich die Feuerwehr nach vernünftigen Schulungsräumen gesehnt und die Dorfgemeinschaft nach einem Platz, an dem sie sich auch in größeren Gruppen zu Festen und Veranstaltungen treffen kann. Als möglicher Ort wurde das ehemalige Milchhäuschen ausgemacht.
Von 1960 bis zum Jahr 1993 lebte dort Herta Mailer, im 120-Selen-Ort Winkelhaid bei allen als „die Mailer Oma“ bekannt. Nach ihrem Tod stand das Haus bis 2021 leer – und bot sich quasi als neuer Treffpunkt an.
Um die Renovierungskosten möglichst gering zu halten, packte das ganze Dorf mit an. 500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit stecken in den sanierten Häuschen, dessen Fassade nun in frischem Eierschalengelb leuchtet. Das Amt für Ländliche Entwicklung Mittelfranken hat die Renovierung über das Regionalbudget mit 9000 Euro bezuschusst.
Im sanierten Gemeinschaftsraum sitzt vor einer Weinschorle Elfriede Huber. Sie zeigt in eine Ecke. „Da hinten hat meine Oma früher ihr Bett gehabt.“, sagt sie. „Und hinter einem Vorhang war da das Wascheck.“
Daran, wie die Wohnung ihrer Oma früher aussah, erinnert heute nichts mehr. Die Wände, die das Haus in kleine Zimmer unterteilten, wurden entfernt. 20 Sitzplätze und Holztische, ausgeleuchtet von Licht aus Porzellanlampenschirmen, laden zum Verweilen ein. Dort, wo Oma Mailer vor Jahrzehnten vielleicht ihre Wäsche aufbewahrte, befinden sich jetzt neue Toiletten für die Gäste.
Früher bekam jedes Kind, das an die Tür des Hauses klopfte, Süßigkeiten. „Die Mailer Oma war deshalb im ganzen Dorf beliebt“, erinnert sich die Enkelin. Wer heute ins Dorfgemeinschaftshaus kommt, bekommt ein Getränk angeboten. Apfelschorle, Tee, Wein und Bier sind im Schankbereich hinter der neuen Theke für alle da. Bei größeren Anlässen, wenn auch etwas gegessen wird, werden die Speisen vom gegenüberliegenden Gasthaus Seitzinger serviert.
„Ehe sie mit der Renovierung begonnen haben, haben sie uns gefragt, ob wir etwas dagegen haben“, sagt Ingrid Ortenreiter, die zur Wirtshausfamilie nebenan gehört – und lacht. Von Anfang an sei klar gewesen, dass das neue Dorfgemeinschaftshaus etwas Gutes für alle sein soll, und keine Konkurrenz zum bestehenden Gasthaus.
Das Gasthaus wird – trotz Gemeinschaftshaus – weiterhin gut besucht. Zu großen Veranstaltungen, die den Rahmen der Gaststube sprengen, zum Beispiel Kinderfasching, Treffen der Posaunenbläser oder dem Sommernachtsball kommt man nun im Gemeinschaftshaus zusammen. Die Feuerwehr hält hier regelmäßig ihre Besprechungen ab.
„Hier trifft sich das ganze Dorf“, freut sich Ingrid Ortenreiter. Und ihr Gasthaus sorgt fürs Catering.
Das Gebäude liegt zentral in Winkelhaid. Erbaut im Jahr 1932 diente es der Gemeinde zunächst als Scheune. Später wurde es als Milchhaus umfunktioniert. 1938 wurde das Haus innen komplett verputzt und später zum Wohnhaus ausgebaut. Seit 1946 wurde es vermietet, teilweise wohnten bis zu zwei Familien in dem kleinen Häuschen. Die letzte Bewohnerin, die „Mailer Oma“ lebte von 1960 bis zum Jahr 1993 hier. Danach stand es eine Zeit lang leer.