Häuser aus Papier. Die Idee gibt es seit Jahren. Die niederländische Firma „Wikkelhouse” hat sich in diesem Segment einen Namen gemacht. Doch nun schickt sich Baustofflieferant Wolf Bavaria aus Heilsbronn an, diesen Markt für sich zu erobern.
Wenn alles nach Plan läuft, soll auf dem Werksgelände im Gewerbegebiet von Heilsbronn noch in diesem Jahr ein kleines Testgebäude aufgestellt werden, berichten Richard und Michael Wolf. „Das Haus wird gerade gefertigt”, erzählt Michael Wolf und grinst zufrieden. Er ist zusammen mit seinem Vater Richard Geschäftsführer von Wolf Bavaria. Das Unternehmen arbeitet seit Längerem mit der Technischen Universität (TU) Darmstadt an der Idee eines Hauses aus Pappe.
Wolf Bavaria ist bekannt für seine effizienten Schall-Dämmsysteme. Seit mehr als 20 Jahren fertigt der Betrieb Platten, die mit einem sehr geringen Platzbedarf für Ruhe sorgen. Es handelt sich um eine spezielle Wellpappe, die mit feinem Sand befüllt wird. Dadurch wird die Platte fest, schwer und schluckt Lärm aller Art. Phonestar nennt sich das Produkt. Das lässt sich auch im Papierhaus gut einsetzen. Denn ohne spezielle Vorkehrungen wäre das Baumaterial sehr hellhörig.
Die Studierenden der TU Darmstadt testen immer wieder neue Arten, wie sich die Wände in einem Haus aus Pappe aufbauen lassen könnten. Befüllt man Leerräume mit wärmedämmenden Flocken? Schafft man eine Art Kanal, um dort schnell Leitungen aller Art einziehen zu können? Ist die Phonestar-Platte als Abschluss der Wand oder im Inneren am effektivsten?
„Da werden sehr viele Daten erhoben”, erklärt Michael Wolf. Es geht um Aspekte wie Wärmedämmung, Traglast, Brandschutz oder Dichtigkeit. Normaler Regen stellt übrigens kein Problem dar, wie der Fachmann erläutert. Es geht eher darum, die Feuchtigkeit von kondensierendem Wasser aus den Wänden heraus zu halten.
Wenn die Studentinnen und Studenten fertig sind, werden die beiden Wirtschaftsingenieure Richard und Michael Wolf noch mehr als einen kritischen Blick auf die Konstruktion setzen. Denn ein Papierhaus macht aus Sicht von Michael Wolf nur dann Sinn, wenn es deutlich günstiger ist als herkömmliche Bauweisen. „Unser Wunschziel sind 1000 Euro für den Quadratmeter”, sagt Michael Wolf.
Das ist ambitioniert. Die Preise für ein klassisches Einfamilienhaus aus Holz oder Stein haben je nach Ausführung und Ausstattung zwar eine ordentliche Spannbreite, aber 2000 bis 3500 Euro je Quadratmeter muss man auf jeden Fall rechnen. Oft mehr. Das Grundstück sowie Baunebenkosten kommen noch hinzu.
„Bis zur Marktreife wird es noch dauern”, bremst Michael Wolf die Euphorie. Aber sein Ziel ist es, in zwei Jahren einen ersten Prototyp vorzustellen. Er hat die Idee eines Bausatzes, der in Größe und Form viel Flexibilität ermöglicht.
Einsatzbereiche sieht er jede Menge. In Krisengebieten wäre es nach einem Krieg oder einer Naturkatastrophe eine schnelle Möglichkeit für den Wiederaufbau. Auf Campingplätzen ließe sich unkompliziert ein festes Bauwerk hinstellen. An Großbaustellen könnten die Papierhäuser die Wohncontainer der Arbeiter ersetzen. Und natürlich ließen sie sich auch als Tiny-Haus nutzen.
Doch bis Wolf Bavaria mit dem Haus aus Papier Geld verdienen kann, werden noch Jahre vergehen. Erfreulicherweise geht es für den Betrieb mit seinen rund 50 Beschäftigten in der Gutenbergstraße in Heilsbronn auch im klassischen Segment aufwärts. Australien und Neuseeland hat sich in den vergangenen Monaten als Markt stabilisiert. „Wir planen dort in den nächsten drei Jahren ein eigenes Werk aufzubauen”, kündigt Michael Wolf an.
Aber noch wichtiger ist, dass die Fertighaushersteller die Dämmplatten aus Heilsbronn für sich entdeckt haben. Für die One-Block-Wall erhielt das Unternehmen den Innovationspreis auf der Bau München im Jahr 2023. Nun kommt das Produkt so richtig auf dem Markt an.
Statt zwei Wände mit zusammen 34 Zentimetern Stärke, um die Schallschutz-Vorgaben zwischen Wohnungen einhalten zu können, genügt eine Wand mit zwei Phonestar-Platten, die nur 25 Zentimeter dick ist. „Das bedeutet, es bleibt mehr Wohnraum. Und davon profitieren alle”, sagt Michael Wolf.
Die eine Wand lässt sich zudem gut im Werk vorproduzieren und ist damit fix auf der Baustelle montiert. Da steckt Kosteneinsparpotenzial drin. Mit Fertighausherstellern wie Lux, Keitel, Weiß oder auch Engelhardt und Geißbauer laufen Verhandlungen oder sind schon Kooperationen vereinbart. Ein niederländisches Unternehmen hat für ein großes Bauprojekt mit 120.000 Quadratmetern Wandfläche bei Wolf Bavaria bestellt. Michael Wolf: „Das ist ein Riesenauftrag.”
Durch den Verzicht auf Gipskartonplatten reduziert sich zudem im Fall eines Abrisses der zu entsorgende Sondermüll. Die Brandschutzvorschriften werden trotz allem in vollem Umfang erfüllt. Die Wände sind als REI 90 klassifiziert, was bedeutet, dass sie im Falle eines Feuers 90 Minuten lang tragfähig sind, Flammen und Rauch nicht hindurch lassen und die Wärme abhalten.